Nach dem Insolvenzantrag Mitarbeiter der AWO kritisieren Management

Bremen. Solidarität - Freiheit - Gerechtigkeit: Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat hehre Grundwerte. Nach dem Insolvenzantrag des Kreisverbands Bremen tauchen aber bohrende Fragen auf, wird die Fassade der Sozialromantik brüchig. Dominierte Solidarität, als Kontrolle notwendig war?
26.01.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Solidarität - Freiheit - Gerechtigkeit: Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat hehre Grundwerte und eine lange Tradition. Nach dem Insolvenzantrag des Kreisverbands Bremen tauchen aber bohrende Fragen auf, wird die Fassade der Sozialromantik brüchig. Dominierte Solidarität, als Kontrolle notwendig war? Gilt Freiheit auch für Beschäftigte - oder nur der Geschäftsführung? Ging es immer gerecht zu auf dem AWO-Sanierungsweg? Kann das alte Personal eine neue AWO schaffen?

Immerhin gibt es auch gute AWO-Meldungen: Das Pflegeheim am Vilser Holz in Bruchhausen-Vilsen ist nach Angaben von Betriebsratschef Arno Ostfeld Ende 2010 verkauft worden, allerdings hat der Käufer ein dreimonatiges Rücktrittsrecht. Das Objekt brachte der AWO Pflege gGmbH in besonders prekären Jahren bis zu einer Million Miese. Eine große Schuldenlast löst sich in Nichts auf.

Das erhofft sich die AWO auch von desaströsen Mietverträgen, die Ursache für den Insolvenzantrag sind. Nun wird, heißt es in AWO-Kreisen, mit zwei Mietergemeinschaften sowie dem hanseatischen Wohnungsbauunternehmen Brebau und der Zechbau verhandelt. Wenn alles gut geht, lassen sich die Vermieter auf neue Verträge ein, die der AWO nicht wie bisher die Bilanz verhageln. Geht der Kreisverband Bremen in die Insolvenz, kann Insolvenzverwalter Edgar Grönda die Mietverträge kündigen - doch ob dann neue Mietverträge zustande kommen oder sich die Vermieter andere Mieter suchen, ist unklar.

Für die AWO-Misere wird vor allem der frühere Geschäftsführer Hans Taake verantwortlich gemacht (bis 1999), der die Mietverträge unterschrieben und auch fragwürdige Projekte wie die Seniorenresidenz "Akazienhof" in Bremen-Vegesack sowie das Pflegeheim in Bruchhausen-Vilsen (Geschäftsführer auch: Burkhard Schiller) auf den Weg gebracht hatte.

"Kontrolle gab es bei der AWO nicht"

Anno 2011 will Taake nichts sagen. Kein Wort über angebliche "Provisionen" von Baufirmen und drohenden Regressansprüchen der AWO. Vielleicht hätte Taake, wenn er denn auskunftsbereit wäre, auch klarstellen können, dass allein er verantwortlich war - und nicht auch der damalige ehrenamtliche Vorstand. Das aber wird in AWO-Kreisen nun diskutiert. In verantwortlicher Position waren damals schon der jetzige AWO-Vorstandschef Burkhard Schiller, AWO-Vorstandsmitglied Herbert Kirchhoff sowie Volker Tegeler, jetzt Geschäftsführer der AWO Bremerhaven und damals Taake-Stellvertreter im AWO-Landesverband. "Die waren damals viel zu loyal", sagt ein langjähriger AWO-Funktionär, "Kontrolle gab es bei der AWO nicht, eher eine Parteikumpanei." Das Sagen hatten Sozialdemokraten. Tegeler ist schon 1997 als Vorsitzender eines Vereins ins Gerede gekommen, der wegen mehrfacher Abrechnung von Projekten 240000 Mark an die Behörde zurückzahlen musste.

Eine AWO-Mitarbeiterin berichtet von Irritationen der Kollegen, dass die jetzige Geschäftsführung keine Verantwortung übernehme: "Es geht ja nicht nur um Altlasten. Was hat die Geschäftsführung denn in den zwölf Jahren nach Taake erreicht?" In AWO-Kreisen wird von Unzufriedenheit der Beschäftigten mit dem Management berichtet, wobei die Namen von Schiller und Kirchhoff fallen. Ein AWO-Mitarbeiter nennt ein neues Management als Bedingung für die Erneuerung der AWO. "Da ist immer noch der Wurm drin", meint ein anderer.

Dabei sollte mit dem Münchener Sanierungsexperten Robert Breuer alles besser werden. Die Bremer Sparkasse als großer AWO-Gläubiger hatte, so heißt es, eine Münchener Wirtschaftsprüfungsgesellschaft an die Weser geholt. In der Folge entstand im Mai 2008 ein Sanierungsplan. Anfang Januar 2011 hat Breuer seine Mission beendet. Erfolgreich? AWO-Betriebsratschef ist skeptisch: "Breuer hat die Sanierungsziele nicht erreicht und uns eine insolvente AWO hinterlassen. Der hat sich saniert, nicht die AWO." Die verheerenden Mietverträge wollte er wegverhandeln - vergeblich.

Know-How und Transparenz haben gefehlt

Auf jeden Fall hat es Opfer gegeben, die nicht von allen als notwendig betrachtet werden. So wurde etwa mit der AWO-Akademie der Bildungsbereich dichtgemacht. Personalentwicklung, heißt es in AWO-Kreisen, sei so kaum noch möglich gewesen: "Doch wenn man eine Organisation wie die AWO umkrempelt, muss man doch die Leute mitnehmen, die jahrelang hier gearbeitet haben." So sei etwa das Tabellenkalkulationsprogramm Excel für manche Heimleiter ein Fremdwort gewesen.

Auch fehlt manchen AWO-Mitarbeitern das, was die Arbeiterwohlfahrt als Leitsatz postuliert: Transparenz. Als die ausgegliederte Tochter asc in die Insolvenz ging, musste der Betriebsrat im Juni 2010 das Arbeitsgericht Bremen bemühen, um an Informationen zu kommen. Und von der Insolvenz des Kreisverbands Bremen sei der Betriebsrat erst eine Stunde vor Bekanntgabe im Hilton-Hotel informiert worden, heißt es. "Die Aufsicht muss verbessert werden", fordert AWO-Betriebsratschef Ostfeld, durch Arbeitnehmer im Aufsichtsrat und einen ständigen Wirtschaftsausschuss. Der jetzige besteht nur bis 2014, als Gegenleistung für den Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld (615000 Euro).

Die Geschäftsführung, so Ostfeld, berufe sich aber auf die Satzung, die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat nicht vorsehen. "Doch wenn man den Leitsatz der Transparenz ernst nimmt, könnte die Satzung ja verändert werden", fordert Ostfeld. Und er erinnert an die AWO Weser-Ems, in der durch einen Notlagentarifvertrag ein Wirtschaftsausschuss etabliert wurde.

Die Arbeitnehmer wollen mitreden und ihre Positionen deutlich machen - auch wegen der Erfahrungen der Vergangenheit. Mitreden auch deshalb, sagt ein AWO-Mitglied, um dem Motivationsverlust bei der Arbeiterwohlfahrt zu begegnen. Und dem Verschwinden der AWO-Identität in den letzten Jahren. "Wir wollen doch, dass es der AWO wieder gut geht", sagt einer. Und eine AWO-Mitarbeiterin ist überzeugt: "Wir haben gute Kita-Konzepte, zertifizierte Pflegeheime und eine hervorragende ambulante Pflege." Zu allem will sich AWO-Vorstandschef Burkhard Schiller nächste Woche äußern.

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