Zukunft der Büroarbeit Montag ist ein guter Tag

Die Sparkasse Bremen plant ein neues Verwaltungsgebäude. Das Konzept sieht keine festen Arbeitsplätze für die einzelnen Mitarbeiter vor. Die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen und gute Teamarbeit leisten.
18.11.2018, 21:17
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Montag ist ein guter Tag
Von Jürgen Hinrichs

Der Vorstand residiert auf 60 Quadratmetern, sein Sekretariat eine Tür weiter hat genauso viel, und das sagt schon alles, denn so soll es nicht bleiben bei der Sparkasse Bremen. Joachim Döpp ist einer von vier Chefs der Bank, entsprechend repräsentativ sind sein Büro und das Vorzimmer. Doch braucht er das? Diese große Fläche mit einem Schreibtisch, den er kaum benutzt? Es gibt auf dem dunklen Stück Möbel keinen Computer, keine Unterlagen, kein Blatt Papier, gar nichts.

Eine Kanne mit Tee, gut, aber das ist auch alles. „Ich habe mein Smartphone und das iPad“, sagt Döpp. Und er hat seine Kollegen. „Ich bin ständig im Haus unterwegs.“ Der Vorstand arbeitet heute schon so, wie es später die gesamte Mannschaft tun soll. Die Sparkasse zieht in zwei Jahren um und verpasst sich ein völlig neues Betriebs- und Raumkonzept.

Jede Etage ist eine Lounge, wie es sie auf Flughäfen und in Bahnhöfen gibt – ein Mix aus offenen Flächen mit Sitzgruppen und Schreibtischen, Räumen, in die man sich zurückziehen kann, und Ecken mit Cafébars. Alles sehr hell, mit viel Grün, und so, dass es warm und wohnlich wirkt. Die Wege zwischen den Waben mit ihren unterschiedlichen Funktionen sind keine Flure, sie mäandern, führen mit Absicht mal hier- und mal dorthin. Das steigert im Ganzen die Dynamik, die Flexibilität, glaubt die Sparkasse, und es schafft das, was die Büroplaner horizontale Kommunikation nennen.

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Kein Arbeitsplatz ist mehr einem einzelnen Menschen zugeordnet, auch die der Vorstände nicht. Das puzzelt sich jeden Tag neu zurecht, doch vollends beliebig ist es deshalb nicht. Die einzelnen Abteilungen bekommen jeweils eine Basis, eine Heimat, wenn man so will. Es ist eine Mischung von Mobilität und Territorialität. Joachim Döpp wird also in der Regel bei den anderen Führungskräften der Sparkasse sitzen. Mit einer Ausstattung übrigens, wie sie jeder andere Mitarbeiter bekommt. Keine Extrawürste.

Seit drei Jahren tüfteln die Innenarchitekten des Münchner Unternehmensentwicklers Congena an dem Konzept. Das Ziel: „Die Mitarbeiter sollen sich auf den Montag freuen“, sagt Laura Holzgrefe. Die Congena-Gesellschafterin ist nach Bremen gekommen, um mal wieder einen Workshop zu leiten. Es wird um Farben gehen, Rot, Grün oder Gelb, mal ein Tupfer an der einen oder anderen Stelle, was fürs Auge, aber schnell wieder auch die ruhigen, warmen Töne.

Ein Botschafter, der ins Haus hineinwirkt

Sie diskutieren darüber, tauschen sich aus, und wer mitmacht von der Belegschaft, erzählt Holzgrefe, ist ein Botschafter, der ins Haus hineinwirken soll. Die Workshops sind eines der Instrumente, andere sind Online-Umfragen und Interviews mit den Bereichsleitern – die Mitarbeiter sollen einer Leitidee folgen, über die Details dieser Idee aber mitbestimmen können.

„Natürlich gab es Sorgen, sogar Ängste“, sagt die Congena-Chefin. Keinen eigenen Arbeitsplatz mehr zu besitzen, sei ein gewaltiger Schritt, der vielen schwer falle. Und ihn radikal zu gehen, habe sich als falsch erwiesen. Radikal, das heißt Hotelling, ein Ausdruck der Fachleute: Die Schreibtische werden jeden Tag neu zugeteilt.

Es gibt keinen Anker für die Abteilungen, die Mitarbeiter sitzen verstreut. „Schlecht“, winkt Holzgrefe ab, „dadurch gehen Identität und Teamarbeit verloren.“ Ihr Konzept nennt sich „Business-Club“: Gehe dorthin, wo es Dir gefällt, und wo Du das vorfindest, was Du für die Arbeit oder um zu entspannen gerade benötigst. Suche Dir einen Platz, bei den Kollegen Deiner Abteilung oder auch mal woanders, in einem abgeschlossenen Raum, am Konferenztisch oder am Tresen des Cafés.

Schöne neue Arbeitswelt. Den Beschäftigten der Sparkasse soll es gut gehen, sie sollen sich wohlfühlen. Doch natürlich gehorcht das auch einem ökonomischen Kalkül. Heute sind es in den Gebäuden am Brill rund 700 Mitarbeiter. Die Zahl wird bis zum Einzug in das Haus an der Universität um etwa 100 Angestellte schrumpfen, schätzt Sparkassen-Vorstand Döpp. Das ist das eine, und Ergebnis vor allem der Digitalisierung. Bank geht heute anders. Das andere ist die Art des Umgangs miteinander. Es soll fließen und nicht stocken: Arbeitsprozesse, die im Team schnell abgeschlossen werden, statt von Büro zu Büro zu wandern. Mehr Effizienz.

Niedrigere Betriebskosten

Ganz profan sind es aber auch die Kosten. „Im Sommer ist es heiß, im Winter zieht es“, beschreibt Döpp die Situation am Brill. Energetisch sind die Gebäude von vorvorgestern. Die Betriebskosten taxiert der Vorstand auf etwa zehn Millionen Euro im Jahr. In dem Haus, für das in diesen Wochen die Grube ausgehoben wird und das in zwei Jahren fertig sein soll, dürften es nach den Berechnungen der Planer lediglich fünf Millionen Euro sein.

Von 34 000 Quadratmetern am Brill schrumpft die Sparkasse auf 18 000 Quadratmeter. Allein das bringt eine enorme Ersparnis. Hinzu kommt, wie die Bank an ihrem neuen Standort die Energie für Klimaanlage und Heizung organisieren wird – mit Erdwärme, Solarzellen und dem Blockheizkraftwerk der Universität.

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Döpp sagt es so: „Der Umzug und die neue Arbeitsorganisation sind kein Sparprogramm, auch wenn wir am Ende real sparen.“ Trotz deutlich geringerer Bürofläche würden die Mitarbeiter mehr Platz haben. Weil ihre Zahl sinkt und nichts mehr an Orte wie die riesige historische Kassenhalle oder die weitläufige Vorstandsetage verschwendet wird.

Die Sparkasse spartanisch? Das auch wieder nicht. In der obersten der insgesamt fünf Etagen werden für die Mitarbeiter unter anderem Fitnessräume eingerichtet, sie können etwas für ihre Gesundheit tun, zu ihrem Besten und zum Vorteil des Arbeitgebers. Im Erdgeschoss gibt es ein Restaurant, Besprechungsflächen und einen ganzen Trakt für Start-Up-Unternehmen, die sich zum Beispiel aus der Universität heraus entwickeln könnten.

Die drei mittleren Geschosse sind die eigentlichen Büroetagen, mit jeweils 200 Mitarbeitern. Nicht alle sind natürlich immer da, im Mittel dürften es täglich 120 sein, vermutet die Sparkasse. Ein Gerangel um die besten Plätze wird es jedenfalls nicht geben. Geplant wird pro Etage mit 240 Arbeitsmöglichkeiten. Die Möbel: „Kein Mies van der Rohe, sondern einfach und solide“, betont Döpp. Nichts Überkandideltes, nur ja nicht!

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Licht, Luft und Lärm – drei Aspekte, die von Anfang an im Vordergrund standen. „In großen Räumen können sie Lautstärke besser regeln als in kleinen“, erklärt Holzgrefe. Die Innenarchitektin holt sich Rat bei Akustikern, um bei Boden, Decke und Wand Entscheidungen zu treffen, die den Pegel senken. Ersatz für Rücksichtnahme ist das nicht, so wie die Mitarbeiter sich überhaupt auf gemeinsame Regeln verständigen müssen. Dazu zählt die sogenannte Clean-Desk-Policy: Nach Dienstschluss muss der Schreibtisch aufgeräumt sein.

Ein Ort des Rückzugs

Das Haus hat einen bepflanzten Innenhof, der sich nach oben hin weitet. Ein Ort des Rückzugs, sie nennen ihn Oase. Licht kommt also von allen Seiten und durchflutet die Büros. Draußen führt ein Fleet vorbei, Wasserlage, die durch Stege erschlossen wird. Gleich nebenan entsteht ein Parkhaus, der Clou: Auf dem Dach kann man lustwandeln, zwischen Hochbeeten hindurch und an einem Brunnen vorbei.

So viel, was sich die Sparkasse für ihre Mitarbeiter ausgedacht hat, dass es fast schon verdächtig ist. Sollen die Leute gar nicht mehr nach Hause gehen? Die Bank als Lebensmittelpunkt, der vieles in sich vereint und die Grenzen verschwimmen lässt? Arbeit und Privatleben als Melange, mit dem Ergebnis, dass der Mensch mehr leistet als er bezahlt bekommt?

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Nein, sagt Döpp. „Wir haben heute unsere Kernzeiten, und dabei wird es bleiben.“ Könnte doch aber sein, dass die Atmosphäre im Büro, diese Durchlässigkeit und Intensität, eine Art Totalität schafft. Alle machen mit, und wer das nicht will, bleibt außen vor. Ein stiller Zwang, sich in die Gemeinschaft einzuordnen. Keine Nische mehr für den nölenden Nerd, der ja trotzdem einen guten Job machen kann.

Anders betrachtet, könnte die Sparkasse einfach nur so schlau sein, eine Menge zu geben, damit sie etwas bekommt: Gute Mitarbeiter, die hoch motiviert sind. Laura Holzgrefe, die schon viele Firmen beraten hat, weiß, wie hoch diese Währung mittlerweile bewertet wird: „Die Unternehmen müssen um den Nachwuchs kämpfen.“ Sie tun es mit ihrem Image, mit Geld – und eben auch mit den Büros und der Art zu arbeiten.

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