Euro-Kurs legt rasant zu Nach der Krise nun ein Höhenflug

Frankfurt/M. Der Euro strotzt wieder vor Kraft. Dabei ist es erst wenige Monate her, dass die Staatsschuldenkrise in Griechenland die Gemeinschaftswährung in eine tiefe Krise stürzte. Längst ist die Talfahrt abgehakt, der Euro ist so fest wie zu Jahresbeginn. Seit dem Tiefpunkt von 1,18 US-Dollar im Mai ist er rasant geklettert und kratzt nun an der Marke von 1,41 Dollar.
16.10.2010, 05:00
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Von Harald Schmidt

Frankfurt/M. Der Euro strotzt wieder vor Kraft. Dabei ist es erst wenige Monate her, dass die Staatsschuldenkrise in Griechenland die Gemeinschaftswährung in eine tiefe Krise stürzte. Längst ist die Talfahrt abgehakt, der Euro ist so fest wie zu Jahresbeginn. Seit dem Tiefpunkt von 1,18 US-Dollar im Mai ist er rasant geklettert und kratzt nun an der Marke von 1,41 Dollar.

Der neue Höhenflug der Gemeinschaftswährung kann allerdings kaum mit der Stärke der Euroländer erklärt werden - auch wenn die deutsche Wirtschaft glänzt. Denn die Staatsschuldenkrise schwelt in einigen Ländern weiter, enorme Sparanstrengungen und tiefgreifende Reformen stehen bevor. Zudem hat die Industrie die Krise noch nicht überwunden, wie Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud betont: 'In den großen Industrieländern liegen auch über ein Jahr nach dem Ende der Rezession noch erhebliche Kapazitäten brach.'

Vielmehr steigt der Eurokurs vor allem deshalb, weil andere Währungen schwach sind - oder künstlich gedrückt werden. Zwischen großen Volkswirtschaften tobt ein Währungsstreit. Vor allem die US-Zentralbank Fed flutet weiter gigantische Summen in die Märkte, weil die US-Konjunktur nicht richtig anspringt. Ob das Fed-Konzept aufgeht, ist unsicher. Traud befürchtet: 'Möglicherweise haben Geld- und Finanzpolitik ihr Pulver weitgehend verschossen.' Aus Sicht der Unicredit spielt die US-Notenbank mit dem Feuer: 'Es ist unwahrscheinlich, dass die Fed den gewünschten Erfolg haben wird.'

Negative Folgen drohen

Sollte der erwartete neue Anleihenkauf in den USA wirkungslos verpuffen, drohen negative Folgen auch für Deutschland. Erst am Donnerstag hatten die wichtigsten Wirtschaftsinstitute eine mögliche Rezession in den USA als Risikofaktor für die deutsche Konjunktur bezeichnet - und gleichzeitig vor neuen Euro-Turbulenzen gewarnt.

Tatsächlich wirkt sich die Fed-Politik schon heute auf Europa aus, weil sie den Handlungsspielraum der Europäischen Zentralbank (EZB) einschränkt, wie Helaba-Analyst Ulf Krauss betont: 'So lange die US-Notenbank ihren Kurs fortsetzt, bestünde im Falle einer Strategieänderung der EZB die Gefahr von beträchtlichen Turbulenzen an den Devisenmärkten.' Citigroup-Volkswirt Jürgen Michels geht davon aus, dass die rasante Aufwertung des Euros den Notenbankern der EZB missfällt, und dass das Ende der Fahnenstange aus ihrer Sicht noch nicht erreicht ist: 'Die EZB ist besorgt, dass weitere substanzielle Aufwertungen bevorstehen.'

Auch die deutsche Industrie beobachtet die Entwicklung mit Argwohn. Nach den Jubelsprüngen im Mai folgte Ernüchterung, jetzt könnte erneut Katzenjammer drohen, wenn ein überbewerteter Euro deutsche Produkte außerhalb Europas verteuert. 'Eine konkrete Schmerzgrenze gibt es nicht, aber je stärker der Euro wird, umso schwerer haben es die Unternehmen', sagt Andreas Gontermann, Chefvolkswirt beim Verband der Elektroindustrie ZVEI.

China wird bald aufwerten

Für Beruhigung dürfte eine baldige Aufwertung des chinesischen Yuan sorgen, mit der die EZB fest rechnet. Aus Sicht von Commerzbank-Analyst Ashley Davies wird China bei der Liberalisierung des Kapitalverkehrs sogar einen Gang zulegen und den Wechselkurs mittelfristig freigeben: 'Die Wahrscheinlichkeit für den Startschuss dürfte auf Sicht von zwölf bis 24 Monaten deutlich ansteigen.' Das wäre eine gute Nachricht, auch für Deutschlands Exporteure. Denn China wird als Absatzmarkt immer wichtiger, auch dem Boom in Fernost ist der Aufschwung im Inland zu verdanken. Nach Angaben der EZB ist das Reich der Mitte heute die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach den USA und dem Euroraum.

Ungeachtet der Berg- und Talfahrt in diesem Jahr steht 'der stabilitätspolitische Erfolg des Euros' für EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark außer Frage: 'Die Inflationsrate des Euroraums liegt im Durchschnitt der vergangenen fast zwölf Jahre bei etwas unterhalb von zwei Prozent, und damit genau im Einklang mit der Definition von Preisstabilität.' Damit sei die Inflation niedriger gewesen als zu Zeiten der D-Mark: "Ich bin immer wieder überrascht, dass diese zentrale Errungenschaft der Geldpolitik der EZB gerade in Deutschland nicht klarer erkannt wird."

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