Zuletzt in Äthiopien Nach Flugzeugabstürzen: Boeing in Erklärungsnot

Wenn zwei fast neue Maschinen des gleichen Flugzeugtyps in kurzen Abständen abstürzen, schrillen Alarmglocken. Neben China hat auch Indonesien mit einem Startverbot für die Boeing 737 Max 8 reagiert.
11.03.2019, 21:39
Lesedauer: 3 Min
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Von Ralf E. Krüger, Steffen Weyer und Peter Hanuschke

Der Absturz einer nagelneuen Boeing 737 Max 8 in Äthiopien hat weltweit Bestürzung, aber auch Verunsicherung bei Passagieren ausgelöst. In der Welt der Luftfahrt gibt es zudem besorgte Fragen: Denn die tut sich traditionell schwer damit, an Zufälle zu glauben. Wenn zwei fast neue Maschinen des gleichen Flugzeugtyps in kurzen Abständen in vergleichbarer Fluglage abstürzen, schrillen Alarmglocken.

Chinas Luftfahrtbehörde CAAC verhängte daher vorsorglich ein Startverbot für Flieger des Typs Boeing 737 Max 8 und begründete das mit Parallelen zum Absturz einer solchen Maschine der Lion Air im Oktober 2018 in Indonesien. In kaum einer anderen Branche wird das Thema Sicherheit höher gewichtet als im Luftverkehr. „Safety first lautet der Grundgedanke der Luftfahrt“, sagt Jan-Arwed Richter vom Hamburger Flugsicherheitsbüros Jacdec („Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre“).

"Sicherheit ist unsere oberste Priorität"

Neben China hat auch die Luftfahrtbehörde in Indonesien mit einem Startverbot für die Boeing 737 Max 8 reagiert. Darüber hinaus lassen die Fluggesellschaften Ethiopian, Mongolian und Royal Air Maroc ihre Max-Maschinen am Boden. US-Fluglinien wie United und Southwest wollen ihre Jets hingegen weiter starten lassen – ebenso der norwegische Billigflieger Norwegian, der bisher größte Max-Betreiber in Europa.

Der US-Konzern Boeing erklärte am Montag, es gebe nach bisherigem Kenntnisstand keine Grundlage für neue Anweisungen an die Betreiber des Flugzeugtyps. „Sicherheit ist unsere oberste Priorität“, teilte Boeing mit. Die Vereinigung Cockpit hält Flugverbote für übertrieben. Es gebe noch keinen Beleg, dass es ein ähnliches Problem wie beim Absturz der indonesischen Maschine gegeben haben könnte, sagte ein Sprecher der Pilotengewerkschaft. Der weltgrößte Reisekonzern Tui prüft noch, was zu tun ist. Zu seiner Flotte gehören bereits 15 Jets dieses Typs, die in Großbritannien und den Benelux-Staaten im Einsatz sind. Bei der deutschen Tochter Tuifly steht die Einführung Mitte April an.

Die Billigfluglinie Ryanair setzt voll auf die Dienste von Boeing. Derzeit sind für die zweitgrößte Fluggesellschaft Europas aber ausschließlich Maschinen des Typs Boeing 737-800 im Einsatz. Doch das Unternehmen hat beim US-Flugzeughersteller eine große Bestellung eingereicht. 135 Flieger des Typs Boeing 737 Max 200, der auf der Boeing 737 Max 8 basiert, sollen die Flotte ergänzen. Turkish Airlines hat 65 Maschinen des Typs Boeing 737 Max 8 bestellt. Bereits im Einsatz sind elf von ihnen.

„Angesichts der ähnlichen Flugprofile bei den beiden Abstürzen kann ich nachvollziehen, dass Airlines ihre Maschinen dieses Typs derzeit am Boden lassen“, sagte der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt dem WESER-­KURIER. Es deute vieles darauf, dass die Abstürze im Zusammenhang stehen könnten mit der neu installierten Software, die ein plötzliches Absinken und Verlangsamung der neuen Boeing 737 Max 8 verhindern soll. Beide Flugzeuge hätten kurz nach dem Start Höhe verloren, und das in einer Phase, in der sie den Steigflug hätten fortsetzen sollen. Allerdings sei es relativ einfach, diese Software zu deaktivieren. Es sei daher sehr wahrscheinlich, dass in beiden Fällen jeweils noch ein anderes technisches Problem aufgetreten sei, „das die Aufmerksamkeit der Piloten in Anspruch genommen hat“.

Entwicklung zum Verkaufsschlager

An der Börse lag die Boeing-Aktie am Montag zwischenzeitlich mehr als 13 Prozent im Minus. Großbongardt geht aber nicht davon aus, dass sich die Abstürze mittelfristig negativ auf das Geschäft der Amerikaner auswirken. „Solche Fehler können leider bei solch komplexen Flugzeugen auftreten – egal ob bei Boeing oder bei Airbus.“ Keine Airline, die die Boeing 737 Max 8 bestellt habe, werde jetzt panikartig zu Airbus wechseln.

Wichtig sei jetzt allerdings, dass die Ursache schnell gefunden werde. „Und wenn es sich tatsächlich um einen Softwarefehler handelt, kann der relativ schnell behoben werden.“ Sowohl für Boeing als auch für Airbus ist das Segment der Mittelstreckenflieger das Brot- und Buttergeschäft. Die seit 2017 ausgelieferte 737-Max-Reihe hat sich für Boeing zum Verkaufsschlager entwickelt, das gleiche gilt für die A320-neo-Reihe von Airbus, deren Flügel unter anderem im Bremer Werk ausgestattet werden.

Die Modelle A319, A320 und A321 werden seit 2016 ausgeliefert, insgesamt liegen für über 6300 Flugzeuge Bestellungen vor, 600 Flieger sind bereits ausgeliefert. Boeing kommt auf etwa 5000 Bestellungen für die 737-Max-Reihe, die der Konzern in vier verschieden langen Versionen anbietet - von der Max 7 bis zur Max 10. Ende Januar waren davon 350 ausgeliefert. Diese Reihe ist eine Weiterentwicklung des seit Mitte der 1960er-Jahre gebauten Mittelstreckenjets, dem meistproduzierten Verkehrsflugzeug der Welt.

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