Trend zum Onlinekauf nimmt zu

Nachhaltige Alternativen für den Onlinehandel

Nachhaltigkeit im Onlinehandel – funkioniert das? Paketanbieter und Plattformriesen erproben Alternativen. Doch noch läuft vieles davon als Experiment.
06.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Nachhaltige Alternativen für den Onlinehandel
Von Lisa Boekhoff

Knistern, Knirschen, Rumpeln. Und plötzlich schwimmt Familie Hoppenstedt an Weihnachten in einem Meer aus Geschenkpapier. Jahrzehnte später sammeln sich heute in vielen Haushalten bereits vor dem Fest Kartons, Papierpolster und Knallfolie. Denn viele bestellen ihre Geschenke. Der Trend zum Kauf im Netz hat 2020 stark zugenommen. Doch was bedeutet das unter ökologischen Gesichtspunkten? Der Onlinehandel bringt Verpackungsmüll mit sich. Außerdem kostet der Versand der Millionen Pakete Energie. Geht das alles künftig nachhaltig?

In Stuhr arbeitet BB-Verpackungen an Alternativen. Das Unternehmen bietet Versand- und Verpackungsmaterial an. Um die Verpackung der Zukunft dreht sich dabei alles bei der Tochtergesellschaft Ecoon. Nachhaltig? Das Wort gefällt Matthias Bader nicht ganz. „Ich sperre mich ein bisschen gegen das Absolute“, sagt der Geschäftsführer von Ecoon. „Aber nachhaltiger ist das, was wir bieten können.“

Ecoon soll Versandalternativen bündeln und Kunden den Umstieg darauf leicht machen. Dafür wird Expertise aus der ganzen Welt eingeholt. „Wir haben gesehen, dass im Markt die Nachfrage da ist“, sagt Matthias Bader. Seit dem Herbst 2019 wird Ecoon aufgebaut, bald soll der Onlineshop fertig sein. Worum es konkret geht? Der Anteil an Plastik soll etwa reduziert und nach Alternativen auf Papierbasis gesucht werden. Deren Herstellungsprozess sei wesentlich nachhaltiger, und außerdem könne das Papier besser recycelt werden. Wobei, sagt der Geschäftsführer von Ecoon: „Papier ist auch nicht gleich Papier.“ Verpackungsinnovationen setzten zum Beispiel auch auf Gras.

Lesen Sie auch

In den Niederlanden werde mit dem Zusatz von Agrarabfällen experimentiert. Neue Lösungen gebe es ebenfalls für das Verpackungsmaterial und den Verschluss. Im Moment aber ist zum Beispiel das Papierklebeband noch fast doppelt so teuer wie der Klebeklassiker. Der Preis, weiß man bei BB, spielt für die Kunden weiter eine große Rolle.

Auf nachhaltige Lösungen setzt Hello fresh. Die Transportverpackungen für die Lebensmittel samt Rezept seien alle recycelbar. „Wir arbeiten stets daran, unsere Kochboxen noch nachhaltiger zu gestalten“, teilt eine Sprecherin des Unternehmens mit Standort auch in Verden mit. Seit 2017 habe man das Verpackungsvolumen um 20 Prozent senken können.

Und was macht der Riese? Amazon will die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens bereits zehn Jahre früher erfüllen und bis 2040 CO2-neutral sein. An nachhaltiger Verpackung arbeitet die Plattform im eigenen Programm namens „Frustration Free Packaging“. Die Kartons bestehen nach Angaben eines Sprechers bereits heute zu einem großen Teil aus Recyclingmaterial. „Der beste Karton ist aber der, den wir erst gar nicht brauchen. Deswegen arbeiten wir mit Herstellern zusammen und verzichten, wo möglich, auf die zusätzliche Verpackung.“

Ganz ohne Versandhülle um die Verpackung? Dazu muss auch der Kunde bereit sein. Eine aktuelle Umfrage für den Bundesverband E-Commerce und Versandhandel zeigt dabei, dass Verbrauchern die Verwendung von nachhaltiger Verpackung besonders wichtig ist, wie 42,7 Prozent der mehr als 2000 Befragten angaben. Allerdings ist ein weiteres Drittel generell nicht bereit, Kompromisse zugunsten der Nachhaltigkeit beim Einkauf im Internet einzugehen.

Ob die wiederverwendbare Versandhülle eine Chance kriegt? „Das ist definitiv in der Branche schon angekommen, dass das notwendig ist“, sagt der Chef von Ecoon. Zalando testete etwa in Skandinavien wiederverwendbare Versandtaschen des finnischen Start-ups Repack und setzte das Experiment Ende 2020 fort. Derzeit werden laut Sprecherin von Zalando zudem Alternativen aus Recyclingpapier ausprobiert. Und auch bei den Kunststoffhüllen, die dem Schutz der Kleidung dienen, gibt es Fortschritt: Der Recyclinganteil sei auf 90 Prozent gestiegen.

Die Händler Otto, Tchibo und Avocado erproben den Einsatz der Versandtaschen von Repack ebenfalls – in einem Forschungsprojekt. Die bis zu 20 Mal verwendbaren Taschen sollen auf Briefgröße zusammengefaltet zurückgeschickt werden können. Die Ergebnisse des Projekts, das vom Hamburger Institut für Ökologie und Politik koordiniert wird, sollen der E-Commerce-Branche zur Verfügung gestellt werden.

Schon jetzt verbrauche man in Deutschland etwa 800.000 Tonnen Versandverpackungen aus Papier, Pappe, Karton oder Kunststoff. Die Art der Verpackung ist jedoch nur ein Aspekt von Nachhaltigkeit im Onlinehandel. Der Bund will mit der Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes etwa auch dem Problem Retourenvernichtung einen Riegel vorschieben.

Lesen Sie auch

Was ist grüner? Onlineshop oder stationärer Handel? Es hängt von vielen Faktoren ab, wie nachhaltig die Angebote tatsächlich sind. Gerade hat eine Untersuchung für das Umweltbundesamt (UBA) derweil belegt, dass vor allem die Herstellung des Produkts über seine Klimabilanz entscheidet. Demnach entstünden die meisten Treibhausgasemissionen im Lebenszyklus eines Artikels bei seiner Produktion. Handel und Transport haben einen Anteil zwischen einem und zehn Prozent an den Gesamtemissionen.

Der Präsident des UBA Dirk Messner sagt daher: „Die größte Stellschraube für den ökologischen Einkauf sind langlebige Produkte, die umweltfreundlich hergestellt sind. Bestenfalls bekomme ich diese auch im Geschäft um die Ecke, das ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß gut erreichen kann.“

Die Studie besagt zudem, dass die Einkaufsfahrt mit dem Pkw schlechter abschneiden kann, weil Paketlieferungen besser ausgelastet sind oder auch zunehmend E-Autos dafür eingesetzt werden. In Schweden gibt es einen innovativen Ansatz, um die Lieferung noch klüger zu planen: Müllabholung und Paketausfuhr werden in Stockholm dabei zusammengedacht. Schließlich fahren Müllfahrzeuge in die Stadt leer rein und voll raus – genau umgekehrt die Paketdienste.

Wie stark der Onlineversand zugelegt hat, spürte BB aus Stuhr deutlich. 2020 lagen die Erlöse 40 Prozent über dem Vorjahr – Tendenz zum Weihnachtsgeschäft steigend. Die Nachfrage nach Alternativen nimmt zu. Die Verbraucher sollten Verpackungen nicht als Müll sehen, findet Matthias Bader, sondern als Rohstoff für die Zukunft.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+