Made in Bremen

Naturasphalt aus Trinidad

Es ist ein Bremer Betrieb, der für ganz Kontinentaleuropa seit mehr als 100 Jahren den Naturasphalt aus Trinidad importiert. Wie das Familienunternehmen Carl Ungewitter auf diesen Erfolg aufsetzt.
23.02.2020, 05:30
Lesedauer: 4 Min
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Naturasphalt aus Trinidad
Von Florian Schwiegershausen
Naturasphalt aus Trinidad

Die aktuelle Generation im Familienunternehmen Carl Ungewitter und die Gründergeneration: Andreas Knöbig führt den Betrieb in fünfter Generation. Er steht vor dem Porträt des Unternehmensgründers Carl Georg Wilhelm Ungewitter. Der begann 1888 mit dem Import und Handel von Naturasphalt. Knöbig setzt diese Tradition fort und liefert inzwischen zum Reparaturasphalt auch ein spezielles mobiles Mietsystem, um den Baustoff auf die Straße zu bringen.

Frank Thomas Koch

Aus dem Straßenbau heutzutage ist Asphalt nicht wegzudenken. Um die Qualität zu verbessern, kommt dabei Naturasphalt aus Trinidad ins Spiel. Den importiert das Bremer Unternehmen Carl Ungewitter, bei dem Knöbig Geschäftsführer ist. Er setzt die Familientradition in der fünften Generation fort. Carl Georg Wilhelm Ungewitter hatte das Unternehmen 1878 in der Hansestadt gegründet. Bereits zehn Jahre später, also im Jahre 1888, begann er mit dem Import und Handel von Naturasphalt.

Der Asphalt auf unseren Straßen wird zu einem kleinen Teil mit dem natürlich gewonnen dunklen Baustoff hergestellt. Als Rohstoff stammt er aus dem Asphaltsee im Südwesten des kleinen Inselstaats Trinidad in der Karibik. Mit Baggern wird der Asphalt dem See entnommen. Knöbig erläutert: „Das Material ist endlich. Irgendwann wird die Quelle versiegen. Aber keiner kann derzeit sagen, wann das der Fall sein wird.“ Trinidad verfügt auch über Öl- und Gasvorkommen. Deshalb vermutet man, so Knöbig, dass unterhalb des Sees Gas für einen bestimmten Druck sorgt und kontinuierlich Asphalt in den See drückt. „In der Nähe des Sees im Wald kann es auch passieren, dass dort plötzlich eine kleine Fläche mit Naturasphalt auftaucht und einige Tage später wieder verschwindet.“

Zu Granulat oder Pellets verarbeitet

Der gewonnene Naturasphalt wird in spezielle Fässer gefüllt und hat dann einen festen Zustand. Die Fässer wiederum kommen in übliche 40-Fuß-Standardcontainer und werden per Schiff von Port of Spain nach Hamburg gebracht. Von dort gelangen die Container dann zum Firmengelände von Ungewitter im Bremer Industriehafen, wo der Rohstoff bearbeitet wird. Je nach Anwendungsgebiet wird der Naturasphalt zu Granulat oder Pellets verarbeitet und in spezielle Plastiktüten abgefüllt. Wenn irgendwo auf einem Mischwerk der Asphalt hergestellt wird, werfen die Arbeiter dann eine bestimmte Anzahl an Tüten hinein, die dann verdampfen. Wieviel Naturasphalt hineinkommt, sei abhängig vom notwendigen Qualitätsstandard. „Der normale Asphalt wird durch den Naturasphalt qualitativ aufgewertet“, sagt Knöbig. Und wenn sich dadurch die Nutzungsdauer einer Straße verlängert, sei das für den öffentlichen Auftraggeber eben wichtig.

Ungewitter vertreibt den Rohstoff aus Trinidad in ganz Kontinentaleuropa. Anfangs bezogen sie ihn noch von einem Unternehmen in Großbritannien. Als aber nach dem Krieg die Nachfrage stieg und die angeforderten Mengen immer größer wurden, bezog das Bremer Familienunternehmen sein schwarzes Gold direkt von der Karibikinsel. Knöbig selbst kennt sich gut aus auf Trinidad und ist regelmäßig vor Ort: „Ich bewege mich dort aber immer nur in Begleitung von Trinis.“ Denn ein Besuch der Insel ist nicht ohne Risiko, rivalisierende Banden liefern sich dort regelmäßig Kämpfe, täglich wird jemand erschossen. Die strategisch gute Lage von Trinidad mit dem Tiefwasserhafen Port of Spain macht es außerdem zu einem beliebten Drogenumschlagplatz. Von dort kommen die Rauschmittel dann nach Europa.

Doch zurück zum Asphalt: Andreas Knöbig, der Maschinenbau in Braunschweig studiert hat, kann detailliert zu verschiedensten Arten von Belägen für Autobahnen oder Straßen Auskunft geben. So sieht er ebenso beim sogenannten „Flüsterasphalt“ den Vorteil des niedrigeren Lärmpegels aber auch der geringeren Beständigkeit. So müsste im Schnitt alle zehn Jahre bei diesem speziellen Asphalt nachgebessert werden. „Aber gerade touristisch geprägte Gebiete in Österreich oder Italien nehmen das in Kauf“, weiß der Geschäftsführer. Inzwischen gebe es aber auch Asphaltarten, die ebenso leise sind, aber länger halten.

Alle namhaften großen Straßenbauunternehmen gehören zum Kundenkreis von Ungewitter. Auf vielen Straßen nicht nur in Bremen ist der Asphalt aus Trinidad verbaut. Da er auch aus Sedimenten besteht, die vom Orinoco-Fluss dorthin gespült wurden, scherzt Knöbig, dass damit auch ein Stück Orinoco in Bremen zu finden sei. Das Geschäft mit dem Naturasphalt ist aber saisonal abhängig. Wenn Bausaison ist, kommen jede Woche gut 200 Tonnen Bitumen nach Deutschland. Jetzt ab März werde die Nachfrage wieder zunehmen. Dagegen sei im Dezember so gut wie kein Bedarf.

Der Sitz des Familienunternehmens ist heute das 1952 erbaute „Trinidadhaus“ in der Bürgermeister-Smidt-Straße. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Büros noch in Schwachhausen in der Georg-Gröning-Straße untergebracht. Anfangs belegte das Unternehmen Ungewitter nur eine Etage, inzwischen hat sich die Firma bis auf das Ladenlokal im Erdgeschoss auf das ganze Haus ausgebreitet. Der Asphalt ist das Nischenprodukt, das zuverlässig den Umsatz beschert. Aber neben dem Handel mit Trinidad ist Ungewitter ursprünglich eine Überseespedition und hat insgesamt 54 Mitarbeiter.

Rechnung erst Jahre später gezahlt

„Wir sind eine sogenannte Kisten- und Kasten-Spedition. Wir machen alles“, erklärt der Ungewitter-Geschäftsführer. Dabei sind sie auf Libyen und Nordafrika spezialisiert – insbesondere die Logistik für die Ölfirmen. Man brauche hier etwas Ausdauer, denn es sei schon mal vorgekommen, dass eine Rechnung erst Jahre später gezahlt wurde. Knöbig sagt, man könne sich darauf verlassen, dass die Zahlungen kommen – aber der Zeitpunkt sei manchmal nicht ganz sicher: „In einigen Fällen ist das schon eine Herausforderung gewesen.“

Doch das Familienunternehmen macht inzwischen nicht nur mit Spedition und Naturasphalt Geschäfte, sondern bietet auch ein spezielles System für Reparaturasphalt an. Knöbig als Maschinenbauingenieur hatte die Idee für eine kleine Anlage, die auf jeden handelsüblichen Anhänger passt und mit der man den Reparaturasphalt einfach aufheizen kann. Damit sind Bauhöfe in der Lage, auch in der Winterpause, wenn die großen Asphaltmischanlagen nicht arbeiten, kleine Mengen auf die Straße zu bringen. Knöbig hat die Anlage „Mobile Pave Repair System“ genannt, kurz „MPRS“. Pro Produktionsgang sind Aufbereitungsmengen von bis zu 30 Kilogramm möglich. Das eignet sich gut, um Schlaglöcher oder Bohrlöcher zu schließen. Ungewitter vermietet die Anlagen und bietet den gebrauchsfertigen Reparaturasphalt gleich mit dazu an.

Auch in Österreich und Italien nehme die Nachfrage nach diesen mobilen Anlagen zu, sie trügen immer mehr zum Umsatz bei. Zum Schluss ist da noch die Frage, ob es Knöbig nicht in den Fingern juckt, wenn er direkt in der Straße vor seinem Haus ein Schlagloch hat? An der Quelle sitzt er ja schließlich. Da lächelt der Geschäftsführer und sagt: „Die Verlockung ist groß, aber das ist ja verboten, und man würde sich damit strafbar machen.“

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