Autoexperte: Ab 2020 Exportwelle von chinesischen Fahrzeugen nach Europa / Nachholbedarf bei Kleinstwagen "Neue Werke nur noch im Ausland"

Die Autobranche ist der Krise offenbar davongefahren. Die Verkaufszahlen der Hersteller stiegen 2010 deutlich, und die Prognosen sind vielversprechend - vor allem dank eines starken Wachstums des Absatzes in China und eines wiedererstarkten US-Markts. Petra Sigge sprach mit dem Autoexperten und Analysten der Norddeutschen Landesbank, Frank Schwope, über die Zukunftsaussichten für die Autobranche.
13.01.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Die Autobranche ist der Krise offenbar davongefahren. Die Verkaufszahlen der Hersteller stiegen 2010 deutlich, und die Prognosen sind vielversprechend - vor allem dank eines starken Wachstums des Absatzes in China und eines wiedererstarkten US-Markts. Petra Sigge sprach mit dem Autoexperten und Analysten der Norddeutschen Landesbank, Frank Schwope, über die Zukunftsaussichten für die Autobranche.

Auf der Messe in Detroit werden gerade die neuesten Automodelle präsentiert. Dabei nutzen die deutschen Autobauer die Gelegenheit, publikumswirksam neue Produktionsrekorde zu verkünden. Ist die Krise endgültig vorbei?

Frank Schwope: Ich würde sagen, die alte Krise ist ausgestanden. Wobei niemand ausschließen kann, dass es wieder eine Krise gibt, die sich auf die Gesamtkonjunktur auswirkt. Im Augenblick aber sind die Chancen für ein weiteres Wachstum im Automobilbereich gut.

Alle großen deutschen Autohersteller wollen angesichts der guten Verkaufszahlen in den USA ihre Produktion dort ausbauen. Was bedeutet das für die Arbeitsplätze in Deutschland?

Zunächst einmal nichts. Es gibt ganz einfach einen Trend, dort, wo man verkauft, auch zu produzieren - schon allein um die Währungsrisiken zu minimieren. Und insofern ist auch VW gut beraten, jetzt wieder in den USA präsent zu sein. Der Konzern verkauft dort mehr als 300000 Autos, hat aber seit Ende der 80er-Jahre vor Ort keine eigenen Produktionsstätten mehr gehabt. Weil insgesamt der weltweite Autoabsatz zunimmt - vor allem in China und immer wichtiger in Indien - ist der Ausbau von Kapazitäten im Ausland momentan noch nicht bedrohlich für deutsche Arbeitsplätze. Aber langfristig gesehen wird es so sein, dass in Deutschland kein neues Werk mehr entsteht und irgendwann auch Arbeitsplätze abgebaut werden. Ganz einfach deshalb, weil andere Länder wie USA, Brasilien, Argentinien und natürlich China und Indien als Absatzmärkte wesentlich wichtiger werden und neue Werke vor allem dort gebaut werden.

Wann ist damit zu rechnen?

Ich denke, die nächsten fünf Jahre sind die Werke in Deutschland noch ziemlich sicher. Aber spätestens 2020 dürfte es mit den Arbeitsplätzen deutlich bergab gehen. Und mit der nächsten Krise könnte es auch Werksschließungen geben. Im Fall Opel wäre es ja beinahe bei der letzten Krise schon zur Stilllegung eines deutschen Werks gekommen.

Weltgrößter Automarkt ist China. Welches Potenzial bietet dieser Markt für die deutschen Autobauer?

Für VW ist China schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt vom Volumen her. Bei BMW und Mercedes könnte das vielleicht ab 2014 oder 2015 der Fall sein. Ich denke, dass das langfristige Marktpotenzial in China bei über 30 Millionen Fahrzeugen pro Jahr liegen wird. 2010 lag der Absatz bei über 17 Millionen Autos im Jahr. Da gibt es also noch eine enorme Steigerung.

Bisher können ausländische Konzerne ja nur in Form von Joint-Ventures, also als Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Firmen, Produktionsstätten vor Ort betreiben. Wie hoch ist das Risiko, dass die Chinesen sich über diesen Weg das Know-how verschaffen, um eine leistungsfähige eigene Autoindustrie aufzubauen?

Es gibt immer wieder Berichte, dass zum Beispiel Personal aus dem Joint-Venture-Unternehmen abgezogen wird und dann in ein rein chinesisches Unternehmen versetzt wird. Das heißt, man greift Know-how ab, und die Kompetenzträger verwerten das Wissen in den eigenen Werken. So etwas wird in den nächsten Jahren sicher häufiger vorkommen. Das ist ein Know-how-Transfer, den der ausländische Unternehmenspartner quasi frei Haus anbietet. Aber schließlich kann man kann sich auch schlecht dagegen wehren. VW verkauft in China fast zwei Millionen Autos. Das sind zwei Siebtel seiner weltweiten Produktion. Da ist es einfach ein Muss, dass man mit einer Produktion vor Ort präsent ist. Bei Daimler liegt die Zahl bei 130000 bis 140000 in China verkauften Fahrzeugen. Das sind bald auch zehn Prozent der Gesamtproduktion.

Wie weit sind denn inzwischen die chinesischen Autobauer?

Insgesamt gibt es in China mehr als einhundert Autohersteller. Teilweise haben die nur eine Jahresproduktion von mehreren Tausend Fahrzeugen. Andererseits gehören 21 davon mittlerweile zu den 50 größten Automobilherstellern weltweit. Für die nächsten Jahre ist eine Konsolidierung zu erwarten. Die chinesische Regierung drängt darauf, dass die Unternehmen fusionieren und große schlagkräftige Konzerne bilden, die mit den ausländischen Konzernen in Europa, USA oder Japan konkurrieren können.

Ist dann auch mit einem zunehmenden Export chinesischer Autos nach Europa zu rechnen?

Ab 2020 dürfte es zu einer regelrechten Exportwelle kommen, die deutlich höher sein wird als die der koreanischen Hersteller seit den 90er-Jahren und die im Laufe der Jahre an das Niveau der japanischen Hersteller heranreichen wird.

Werden die teuren Marken von der Konkurrenz verschont bleiben?

Die Masse der chinesischen Hersteller wird sich wohl zunächst im Billigsegment tummeln und nicht in erster Linie die Spitzenprodukte angreifen. Aber wenn dann Fiat oder Renault oder auch Mitsubishi von chinesischen Billiganbietern attackiert werden, werden sie natürlich versuchen, nach oben auszuweichen. Das heißt, der Druck auf die Premiumanbieter würde dann indirekt durch die Massenhersteller aus Europa oder Amerika entstehen. Aber es wird bestimmt noch 20 Jahre dauern, bis die Chinesen tatsächlich die weltweite Führung im Automobilbau übernehmen. Und irgendwann folgen den Chinesen dann auch noch die Inder.

Wächst denn der weltweite Absatzmarkt mit oder wird es auf einen Verdrängungswettbewerb hinauslaufen?

Es wird weiter Wachstum geben. Indien ist völlig untermotorisiert, für China, Russland und Afrika gilt das Gleiche. Es gibt also weiterhin Luft nach oben. Aber es wird bestimmt auch mal der ein oder andere Hersteller geschluckt werden oder ganz vom Markt verschwinden.

Wie schätzen Sie da die Überlebenschancen der führenden deutschen Hersteller ein?

VW dürfte durch seine Größe relativ sicher sein und wächst ja jetzt mit den Lkw-Marken und Porsche sowie Suzuki auch noch weiter. BMW und Mercedes sind relativ klein. Die produzieren beide weniger als zwei Millionen Autos pro Jahr. Zum Vergleich: VW bringt es auf sieben Millionen, Toyota und General Motors haben in ihren besten Jahren acht und neun Millionen Fahrzeuge produziert. Das sind schon Unterschiede. Die Kleineren werden sich deshalb in Zukunft verstärkt Partner suchen müssen. Mercedes hat das mit Renault ja schon gemacht. Da gibt es bereits eine Kooperation beim Bau von Kleinwagen. Aber BMW steht bisher noch sehr allein am Markt und wird sich ebenfalls nach einem Partner umschauen müssen. Kandidat dafür ist Peugeot/Citroen, mit dem man ja schon im Motorenbereich zusammenarbeitet. Der Hersteller Opel gehört zwar zum GM-Konzern, hat aber das Problem, dass er nur auf den europäischen Markt fixiert ist. Um weiter wachsen zu können, muss Opel auch nach China gehen.

Besteht denn nicht auch dort die Möglichkeit, dass das Auto als Statussymbol verblasst? Laut Studien hat es für die Jüngeren längst nicht mehr den Stellenwert, den es früher hatte.

In Deutschland vielleicht, sicherlich aber nicht in Ländern wie China, Indien - oder auch den USA. In den USA müssen die Menschen ganz andere Entfernungen zurücklegen. Da herrschen ganz andere Bedingungen. In China und Indien hat das Auto heute den Status, den es in den 50er-, 60er-Jahren in Deutschland hatte.

Aber gerade in den europäischen Städten verzichten immer mehr Menschen auf einen eigenen Wagen. In der Pariser Innenstadt haben nur noch 40 Prozent der Menschen ein Auto. Worauf müssen sich die Hersteller gefasst machen?

In Großstädten vor allem darauf, dass es vermehrt Carsharing und auch einen Trend zu kleineren Autos beziehungsweise keinem Auto geben wird. Es gibt ja Untersuchungen, dass drei Viertel der Leute gerade im Stadtverkehr allein im Auto sitzen. Da brauchen Sie nicht ein Auto, das fünf Meter lang und auf fünf Leute ausgelegt ist. Bisher gibt es da im Grunde nur den Smart von Daimler. Alle anderen haben solche Kleinstfahrzeuge noch nicht im Angebot. Da wird in den nächsten Jahren sicher noch einiges kommen.

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