Krise scheint überwunden

Neuer Auftrieb für Airbus

Noch im Winter sorgte Airbus mit dem Produktionsstopp seines Sorgenkinds A 380 für Schlagzeilen. Diese Krise scheint überwunden. Airbus könnte am US-Konkurrenten Boeing sogar vorbeiziehen.
31.07.2019, 20:25
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Lakeband und Julia Naue
Neuer Auftrieb für Airbus

Es geht aufwärts: Flugzeugmodelle wie der A 320 haben die Gewinne beim Flugzeugbauer Airbus deutlich steigen lassen. Auch andere Varianten wie der A 320neo oder die Superlangstreckenversion des A 321 sorgen für volle Auftragsbücher.

Horcajuelo/epa/dpa

Der Start in das Jahr 2019 war für Airbus denkbar schlecht: Im Februar verkündete der Flugzeugbauer das Aus für den A 380, den Riesenflieger, der einst als Zukunft der Luftfahrt gehandelt wurde.

Experten hatten so etwas zwar schon länger erwartet, die Entscheidung hat aber dennoch für viel Aufsehen gesorgt. Schließlich gestand Airbus damit offiziell ein: Wir haben uns verschätzt. Umso überraschender sind die Zahlen, die der Konzern an diesem Mittwoch vorgelegt hat.

Airbus hat im ersten Halbjahr einen deutlichen Gewinnsprung hingelegt. Der Umsatz stieg um 24 Prozent auf 31 Milliarden Euro an; der um Sondereffekte bereinigte operative Gewinn vor Zinsen und Steuern legte um 118 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro zu und übertraf damit die Erwartungen von Analysten. Netto blieben davon 1,2 Milliarden Euro über.

Denn auch wenn Airbus mit dem A 380 eine Zukunftswette verloren hat, so ging eine andere auf: Vor allem die Flugzeuge aus der A 320-Familie haben dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern gute Zahlen beschert. Das hatte sich schon im Juni auf der Paris Air Show abgezeichnet, als Airbus mehr als 20 neue Aufträge für den A 321 neo bekannt gegeben hat. Auch der A 321 XLR, den Airbus in Paris vorstellte und der ab 2023 erstmals ausgeliefert werden soll, weckt Hoffnungen auf viele Jahre Arbeit. Hinter der Abkürzung XLR (Extra Long Range) steckt die Superlangstreckenversion.

Sie soll noch 15 Prozent weiter fliegen können als die bisherige Langstreckenversion A 321 LR und ist damit für Strecken zwischen Europa und Amerika oder zwischen Europa und Indien geeignet. „Verglichen mit bisherigen Flugzeugen wie der Boeing 757, die solche Strecken typischerweise fliegen, spart der A 321 XLR rund 30 Prozent an Treibstoff und CO2-Ausstoß ein“, sagte Airbus-Verkaufschef Christian Scherer vor einiger Zeit über den neuen Flieger.

Die Kurz- und Mittelstreckenjets sind es, die im Bremer Airbuswerk momentan für Auslastung sorgen. „Wir haben aktuell fast 6000 Flugzeuge der A 320-Familie in unseren Auftragsbüchern. Das entspricht Arbeit von etwa acht bis neun Jahren“, sagte Standortleiterin Imke Langhorst kürzlich im Interview mit dem WESER-KURIER. Zusätzliche Arbeitspakete brächten die jüngsten Verkaufserfolge beim A 320 neo und dem A 321. In Bremen werden die Flügel für diese Flugzeuge ausgestattet, das heißt, es werden beispielsweise die Elektronik und die Landeklappen eingebaut.

Lesen Sie auch

Mit den nun vorgelegten Zahlen sieht Airbus-Chef Guillaume Faury den Konzern auf Kurs, im laufenden Jahr wie geplant 880 bis 890 Passagier- und Frachtflugzeuge auszuliefern. Allerdings bleibe dieses Ziel in der zweiten Jahreshälfte herausfordernd. Das liege vor allem an der Produktionskapazität des A 321. Hier führen die vielen Bestellungen nämlich zu Engpässen – und damit längeren Wartezeiten für Airbus-Kunden. Erst am Dienstag teilte die Leasinggesellschaft BOC Aviation mit, dass sie sieben Airbus A 320 neo, die für dieses Jahr vorgesehen waren, nun 2020 erwartet, schrieb das Branchenportal Aerotelegraph. Der Grund sind „industrielle Beschränkungen“.

Faury hofft, die unter Druck geratene Produktion des A 321 durch die Einstellung des A 380 ausgleichen zu können. “Wir könnten frei werdende A 380-Kapazitäten nutzen”, sagte er in einer Telefonkonferenz. Im zweiten Halbjahr könne er voraussichtlich mehr dazu sagen. Profitieren könnte davon das Airbuswerk in Hamburg, wo derzeit die Endmontage des A 380 stattfindet. Wenn alles nach Plan laufe, solle der bereinigte operative Gewinn im nächsten halben Jahr um etwa 15 Prozent steigen, wenn man mögliche Fusionen und Übernahmen herausrechnet.

Erreicht Airbus sein Auslieferungsziel, könnte der Konzern erstmals seit Jahren mehr Flugzeuge an die Kundschaft bringen als Boeing und den US-Konkurrenten somit als Branchenführer überholen. Boeing ist wegen seines Unglücksjets 737 Max in einer schweren Krise. Nachdem in den vergangenen neun Monaten zwei Flugzeuge dieses Typs abgestürzt waren, wurde ein Flugverbot für die 737 Max verhängt, das noch bis ins kommende Jahr andauern könnte. Ein Softwarefehler hatte zu den Unglücken geführt, bei denen mehr als 340 Menschen ums Leben kamen.

Eine Sache gibt es noch, die Airbus’ derzeitigen Erfolg stoppen kann. Sollten die USA sich dazu entschließen, Zölle auf Airbus-­Produkte und andere Waren aus der EU zu ­er­heben, könnte dies erhebliche Auswirkungen auf die Auslieferung neuer Airbus-Flugzeuge und -Hubschrauber in die USA haben, teilte der Konzern mit. Das könnte die Finanz- und Ertragslage von Airbus negativ beein­flussen.

Info

Zur Sache

Großbestellung von Air France-KLM

Airbus steht ein Milliardenauftrag für seine A 220-Familie bevor. Die Fluggesellschaft Air France-KLM will 60 A 220-300 Jets der Mittelstrecken-Baureihe von Airbus kaufen, teilten die Fluggesellschaft und Airbus mit. Das erste Flugzeug soll im September 2021 ausgeliefert werden. Der A 220-300-Jet ist der größere von zwei Versionen. Gleichzeitig plant Air France-KLM eine Ausmusterung seiner A 380-Flotte bis 2022.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+