Bremer Baumwollbörse

Neuer Präsident will die Naturfaser wieder nach vorne bringen

Der neue Präsident der Baumwollbörse will aggressiver und geschlossener für die Baumwolle werben. Denn das sei von der Industrie verschlafen worden. Die Feier der Chemiefaser sei irgendwann sowieso zu Ende.
10.10.2018, 20:12
Lesedauer: 6 Min
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Neuer Präsident will die Naturfaser wieder nach vorne bringen
Von Lisa Boekhoff
Neuer Präsident will die Naturfaser wieder nach vorne bringen

Jens Lukaczik in der Schatzkammer der Baumwollbörse

Christina Kuhaupt

Am liebsten möchte Jens Lukaczik gar nicht groß im Mittelpunkt stehen. Eine Geschichte über ihn und die Baumwollbörse? Nun gut, er stehe als neuer Präsident vorn, das sei in Ordnung. Ablenken soll Persönliches aber nicht von seiner Mission: die Baumwolle nach vorne zu bringen. Lukaczik will „klare Kante“ gegen den größten Konkurrenten der Naturfaser zeigen – die Chemiefaser. Dafür sieht er die Zeit gekommen.

Denn es gebe eine Bewegung. Da sei die Diskussion um Mikroplastik in den Ozeanen und der Nahrung, Vorstöße gegen Plastiktüten. Diesen „Push“ gelte es zu nutzen. „Wir müssen mehr für die Baumwolle sprechen. Das ist die natürliche Antwort. Die Baumwolle ist nachhaltig und wächst wieder“, sagt Präsident Lukaczik. Im Sommer ist er in eine zweite Amtszeit gestartet und hat also direkt eine Kampfansage. Der Unternehmer will den Konflikt mit den Herstellern von Synthetik nicht mehr scheuen.

In diesem Moment holt er sie rhetorisch an den Verhandlungstisch: „Eure Feier ist irgendwann sowieso zu Ende.“ Der Wettbewerber müsse sich Fragen gefallen lassen, ist Lukaczik überzeugt: „Wisst ihr eigentlich, wo ihr das ganze Öl herkriegt? Was ihr da rodet, bohrt und frackt? Einen grünen Punkt kriegt ihr mit Sicherheit nicht – im Gegenteil.“

Verbrauch an Faser weltweit um 30 Prozent gestiegen

Für das Imageproblem der Baumwolle macht der Präsident aber vor allem die Branche selbst verantwortlich. In den vergangenen zehn Jahren sei der Verbrauch an Faser weltweit um 30 Prozent gestiegen. Doch der Anteil an Baumwolle stagnierte in dieser Zeit. „Da weiß ich, dass die Baumwollindustrie – alle zusammen vom Farmer bis zur Spinnerei – zehn Jahre lang komplett geschlafen hat.“

Immer wieder habe es Einzelaktionen gegeben: Die Amerikaner hätten für ihre eigene Baumwolle geworben, dann eine Delegation aus Brasilien und Australien. „Da gab es überhaupt kein gemeinschaftliches Interesse.“ Die Branche habe sich zu wenig gewehrt gegen Angriffe, da seien ruckzuck Marktanteile an die Synthetik verloren gewesen. Dabei gebe es viele Vorteile der Baumwollpflanze. „Wir schaffen es immer noch nicht, das vernünftig zu formulieren und zu transportieren. Das ist unser großer Fehler.“

Erst neulich habe es eine große Konferenz gegeben, die „International Cotton Promotion“. Doch man sei am Ende nicht weitergekommen. Der Unternehmer will nun mehr Zusammenhalt auf internationaler Ebene forcieren. „Das muss aber hier bei uns anfangen. Wir müssen selbst eine Idee haben, wie wir rausgehen“, sagt Lukaczik. Denn auch die Baumwollbörse sei teils etwas zu konservativ, ­zurückhaltend hanseatisch, wo sie aggressiver und offensiver sein sollte für die weiche Faser.

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Vor einer Weile ist Bürgerschaftspräsident Christian Weber da gewesen – quasi ein Nachbar. Doch auch er habe große Augen gemacht, was in der Baumwollbörse passiere, erzählt der Präsident. Weber sei viel länger als geplant geblieben. Sichtbarkeit in der Stadt. Damit geht es los. Am Revers seines Anzugs trägt Lukaczik den Anstecker der Baumwollbörse.

Jens Lukaczik ist schon wegen seines Unternehmens Experte für Baumwolle. Sein Vater gründete 1970 die Cargo Control Group, einen internationalen Logistikdienstleister für die Industrie, dessen geschäftsführender Gesellschafter sein Sohn heute ist. Das Geschäft hat sich zwar seit der Gründung verändert, immer noch geht es aber auch um die Einschätzung von Baumwolle. In den Laboren der Baumwollbörse ist ebenfalls die Qualität der Ware gefragt, denn der Verband ist in Streitigkeiten verantwortlich. Werden sich Käufer und Verkäufer über einen Handel nicht einig, schauen sich die Bremer die Baumwolle an und bewerten deren Reißfestigkeit, Dichte, Verschmutzung oder Farbe als Schiedsrichter.

In seiner ersten Amtszeit vor knapp zehn Jahren fehlte der Baumwollbörse diese internationale Ausrichtung. Doch dann entstand die Zusammenarbeit mit der International Cotton Association. Lukaczik ist stolz über Bremens Position: „Da noch mehr zu verlangen, wäre zu viel verlangt.“ Sogar aus China gebe es Anfragen, die Labore dort zu zertifizieren. Das heiße schon was. Der Präsident ist zufrieden, die Baumwollbörse habe heute ein „Monsterstanding“.

Größte Sammlung überhaupt

Die Schatzkammer der Baumwollbörse ist darum kein Tresor. Nicht Gold, Gemälde oder Aktien sind hier der wertvollste Besitz, sondern die Referenzen für Baumwolle aus der ganzen Welt. Es ist die größte Sammlung überhaupt. In schwarzen Schatullen ruht die Auslese der Ernte. An diesem Tag wartet eine Probe amerikanischer Baumwolle auf ein Urteil. Spuren menschlicher Haare sollen sich in der Faser befinden. Die Fremdkörper sind ein Problem für die Spinnerei. Die Untersuchung der feinen Faser erfordert höchste Konzentration. Im Labor nebenan geht es um die Bestimmung der Qualität von Baumwolle. Große Pakete aus Indien stapeln sich gleich am Eingang. „Da muss es richtig Ärger gegeben haben, wenn man so viele Proben verschickt“, sagt Jens Lukaczik beim Blick auf die Sendung.

Gefragt ist die Baumwollbörse auch im Textilbündnis. Direktorin Elke Hortmeyer vertritt den Verband dort. „Wir sind eingetreten, weil wir der einzige Ansprechpartner in Deutschland sind, der was zum Thema Baumwolle sagen kann“, erklärt sie. Am Tisch im Turmsaal, mit Blick über Bremen, dort hat man jedoch lange überlegt, ob der Schritt sinnvoll ist.

Die Sorge: Der Zusammenschluss für mehr Nachhaltigkeit könnte die falschen Schritte nehmen. Am Ende sei es aber wichtig gewesen, mitzuverhandeln und Fachwissen einzubringen, sagt Hortmeyer. Im Bündnis forderten einige etwa mehr Biobaumwolle ein, ohne zu wissen, was der Anbau für einen Landwirt bedeute. „Wir vertreten im Prinzip die Farmer – das ist auch eine interessante Rolle.“

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Vor Kurzem hat sich das Textilbündnis, zu dem Unternehmen, Organisationen, Gewerkschaften, Verbände und die Bundesregierung gehören, vier Jahre nach seiner Gründung zu 1300 konkreten Maßnahmen verpflichtet. Es geht um ökologische Mindeststandards, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, darum, Kinderarbeit zu stoppen. „Ich denke, dass wir schon relativ weit gekommen sind“, sagt Hortmeyer. Das Textilbündnis habe das Augenmerk auf wenig bekannte Probleme gerichtet. Die Baumwollbörse müsse aber manchmal ein bisschen als „Advokat des Teufels“ den Zeigefinger heben und bremsen. „Wenn wir Schritte gehen, müssen sie klein bleiben, sonst gefährden wir Arbeitsplätze oder Branchen.“

Lukaczik gefällt der Begriff Teufel nicht ganz. Anwalt für die Baumwolle, das passe doch besser. Ansonsten ist er ebenfalls deutlich in seiner Wortwahl. Es ist sein Sound – norddeutsch, klar, souverän – der seinen Aussagen Nachdruck verleiht. Nur kurz sinnt er viel mehr über eine Frage nach, weniger, weil er tatsächlich überlegen muss. Wenn er etwas nicht weiß, fragt er einfach seine Kollegen. Was seien denn noch genau die Bedingungen für Biobaumwolle?

Gefälschte Zertifikate

Ob das Ziel des Bündnisses realistisch ist, dass bis 2020 der Anteile an Biobaumwolle auf 35 Prozent steigt, in diesem Punkt hat Lukaczik schnell wieder eine Antwort: Was im Ministerium in Berlin und im Textilbündnis unterwegs sei, „das sind Zahlen“, die seien „mit den heutigen Sachverhalten nicht darzustellen“. Schwierig seien zudem die vielen Zertifikate, die im Umlauf seien. „Die sind einfach nur gefälscht.“ Einige Länder gingen „den einfachen Weg“, weil es für die Biobaumwolle mehr Geld gebe. Derzeit beträgt deren Anteil laut Hortmeyer 108 000 Tonnen im Jahr – von insgesamt 25 Millionen Tonnen geernteter Baumwolle. „Wir finden jede Baumwolle gut. Nur der Farmer muss etwas davon haben.“

Kritisch sieht der Präsident zudem, dass die Modeketten alle eigene Programme hätten: Ikea, H&M oder Otto mit Cotton made in Africa. Diese Initiativen seien positiv, „die Umsetzung war aber eine Katastrophe“. Für den Verbraucher sei es verwirrend, immer wieder von anderen Labeln auf den Etiketten zu lesen. Das lasse sich nicht vermitteln. Ebenso habe es keine vereinte Reaktion für bessere Arbeitsbedingungen nach dem Brand einer Textilfabrik in Bangladesch gegeben. „Jeder macht seine eigene Geschichte. Da ist dann wieder ganz klar der Wettbewerb. Ich finde es enttäuschend.“

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Die Baumwollbörse sei dagegen nur der Faser selbst verpflichtet. „Wir sind von einer Interessenvertretung zu einem unabhängigen Fachverband geworden. Darum wird unsere Stimme auch gehört“, sagt Lukaczik. Von den Beiträgen der 140 Mitglieder sei man nicht abhängig. „Die Quelle unseres Tuns sind die Mieteinkünfte.“ Derzeit gibt es mehr als 60 Mieter im Gebäude.

Man könnte den Rundgang durch das Haus noch einen Moment fortsetzen, um noch mehr über die Baumwolle und die Mission zu sprechen. Moment – da fehlt noch was. Das geht für Lukaczik, Anwalt für die Baumwolle, nun gar nicht. „Ich habe Ihnen nicht mal meine Karte gegeben! Das kommt so nicht infrage!“ Schnell macht er sich auf den Weg in sein Büro. Das ist in jedem Fall nicht weit. Lukaczik vermietet an sich selbst. Die Cargo Control Group hat ihren Sitz in der Baumwollbörse.

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