Hochschule Bremerhaven

Neuer Studiengang für Gründer

Gründer für Bremerhaven: In der Hochschule der Seestadt gibt es im nächsten Wintersemester einen Studiengang für Gründer. Nach wenigen Wochen schon ziehen die Studenten ein eigenes Unternehmen auf.
06.05.2018, 21:36
Lesedauer: 4 Min
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Neuer Studiengang für Gründer
Von Lisa Boekhoff
Neuer Studiengang für Gründer

Ab dem Wintersemester können Studenten an der Hochschule Bremerhaven, in dem neuen Studiengang „Gründung, Innovation, Führung“, bereits nach vier Wochen ihr eigenes Unternehmen gründen.

dpa

In diesem Jahr ist etwas anders, wenn das Wintersemester an der Hochschule Bremerhaven beginnt. Denn dort werden aus 45 Kommilitonen in kurzer Zeit Geschäftspartner. Im neuen Studiengang „Gründung, Innovation, Führung“ gründen die Studenten bereits nach vier Wochen ein eigenes Unternehmen. Der Hochschulprofessor Michael Vogel hat das Bachelorstudium nach Bremerhaven gebracht – und damit überhaupt erst nach Deutschland. „Die Besonderheit ist, dass das Lernen im und am eigenen Unternehmen stattfindet. Das steht im Vordergrund. Gründen lernt man nur durch gründen. Das funktioniert nicht in der Simulation.“ Vogel stieß vor ein paar Jahren bei einer Reise als Wissenschaftler im Baskenland zufällig auf den Studiengang für Gründer. „Alle redeten dort immer nur von der Team-Academy.“ Was es damit auf sich hat, wusste er damals nicht. Nun baut Michael Vogel das Studium selbst auf und sagt: „Der Studiengang ist für Bremerhaven vielversprechend.“

Die Idee entstand aus der Not

Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen Bremerhaven und dem Entstehungsort des Studiums in Finnland. Die Idee entstand aus der Not. „Der Impuls kam durch den Zusammenbruch des Ostblocks. Damit fiel für Finnland ganz viel Nachfrage aus dem Osten weg. Finnland kam Anfang der 90er-Jahre in eine tiefe Rezession. Die Hochschulen qualifizierten ihre Absolventen für die sichere Arbeitslosigkeit“, sagt Vogel. Darum sei der Wissenschaftler Johannes Partanen darauf gekommen, dass die Studenten doch ihre eigenen Jobs und Unternehmen schaffen könnten. Im finnischen Jyväskylä, inmitten von Wäldern und Seen, setzte man seine Idee um. „Wie Bremerhaven ist der Ort keine große Wirtschaftsmetropole und hat keine ausgeprägte Gründerszene.“ Das Konzept, bereits 25 Jahre alt, haben andere Länder in Europa schon übernommen.

Vogel muss seine Rolle als Professor dabei ebenfalls anders spielen. „Ich muss Erfahrungen aus der Lehre über Bord schmeißen. Ich empfinde das als herrlich.“ Die Studenten sollen nämlich allein die Verantwortung für ihre Entscheidungen tragen – eben wie ein echter Unternehmer und eine echte Unternehmerin.

Als Coach will Vogel sich mit seinen Kollegen zurückhalten und die Gründer nur unterstützen, das eigene Ausprobieren zu überdenken mit Lektüre oder Workshops. „Die Reflexion des eigenen Handelns wird zur Wissensquelle. Das macht das Wissen dauerhaft, denn es ist persönlich.“ Immer stehe darum die Anwendung im Vordergrund. „Die Studierenden sollen nicht ihre Zeit mit einem Buch über Buchhaltung verschwenden.“

„Haltung kultivieren“

Vogel ist die Sache nicht nur wichtig, weil er junge Menschen zum Gründen ermutigen will. „Im Studiengang geht es darum, eine Haltung zu kultivieren.“ Die Studenten sollen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Dazu leisten Vogel zufolge die Hochschulen derzeit keinen guten Beitrag. Schon seit zehn Jahren suche er deshalb nach alternativen Lehrmethoden. „Wir haben zunehmend ein bis auf die Mikroebene vorgegebenes Studium. Ich empfinde es insgesamt – nicht nur bei uns, sondern generell – durch sein hohes Maß an Verschulung und ständiger Prüfungsbegleitung fast entmündigend für die Studierenden.“ Eigentlich sei es Wilhelm von Humboldt aber in seiner Vision für die Universitäten um die Menschwerdung gegangen, darum, einen kritischen Geist zu entwickeln durch Forschung. „Wir sind heute weiter denn je von dieser Vision entfernt.“

Im Studiengang Tourismusmanagement brachte der Wirtschaftsprofessor Vogel bereits die „Zeitschrift der Straße“ mit Studenten hervor. „Im Kern war es ein Lernprojekt, damit die Studenten die Auswirkungen ihres Handelns erleben.“ Designer, Kulturwissenschaftler, Journalisten und Betriebswirtschaftler stießen dabei aufeinander. Im Lauf der Zeit habe es bei den Prozessen aber immer weniger Gestaltungsraum für die Studenten gegeben.

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Der Bachelor soll den jungen Gründern nun wieder alle Möglichkeiten geben: „Die Studierenden gestalten die Unternehmen nach ihren eigenen Vorstellungen und können jeder Zeit beschließen, ein bestimmtes Geschäftsfeld zu erschließen oder zu verlassen. Die Verantwortung liegt voll bei ihnen.“ Die drei Teams von jeweils 15 Studenten arbeiteten vielleicht an verschiedenen Produkten und in unterschiedlichen Branchen. Doch am Ende müssten sie als Unternehmen drei Jahre zusammen ihr Vorhaben angehen, gegenseitig prüfen und über Budgets verhandeln.

Im Vorfeld wird bestimmt, wie die Teams aussehen, die allesamt Genossenschaften gründen. Möglichst heterogen sollen sie sein. Vogel und seine Kollegen schauen sich an, welche Rollen die Studenten mit ihrer Persönlichkeit einnehmen, ob sie Macher, Visionär, Kritiker oder Generalist sind.

Innovation erfordert viel Mut

Ängste und Tabus will Vogel den Studenten dabei austreiben. „Innovation bedeutet immer einen Bruch mit den Konventionen. Innovation erfordert viel Mut: Man macht etwas, von dem man noch nicht weiß, ob es funktioniert. Diese Unsicherheit darf nicht mit Angst verbunden sein.“

Innovative Gründungen von neuartigen Geschäftsmodellen gebe es in Deutschland dabei überhaupt selten. „Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Deutschland weit hinten. Da braucht man in Bremerhaven auch nicht viel zu erwarten.“ Das hänge mit der Fehlerkultur hierzulande zusammen: „Scheitern ist was ganz Schlimmes.“

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Vielleicht ändert der Studiengang an dieser Kultur etwas. Michael Vogel will den Studenten von Beginn an vermitteln, dass es in Ordnung ist, zu scheitern. Eigeninitiative, Entscheidungsfreude und die Bereitschaft, eigene Grenzen zu überwinden, sollen die Studenten entwickeln. Und die Professoren selbst müssen sich auf einen neuen Weg machen: „In welche Richtung das letztlich geht, das müssen wir erst lernen.“ Doch Vogel hat ein gutes Gefühl bei der Idee aus Finnland: „Das könnte etwas werden in Bremerhaven.“

Info

Zur Sache

Startschuss für Innovation

An diesem Montag gibt es eine Veranstaltung anlässlich des neuen Studiengangs unter dem Titel "Entrepreneurship fördern durch Bildung". Im Haus der Wissenschaft in der Sandstraße sprechen unter anderem der Rektor der Hochschule Bremerhaven Peter Ritzenhoff und Thomas Sattelberger. Der ehemalige Vorstand der Telekom sitzt heute für die FDP im Bundestag. Das Programm beginnt um 15.30 Uhr. Um Anmeldung wird gebeten. Am 25. Mai gibt es außerdem in der Hochschule einen Informationstag zum Studiengang für Bewerber. Mehr Infos unter www.unternimm-doch-was.de.

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