Höhere Löhne für Beschäftigte

Neuer Tarifvertrag in Bremens Hotel- und Gaststättengewerbe

Wer in einem Hotel oder der Gastronomie arbeitet, soll in Bremen künftig einen neuen Mindestlohn erhalten. Der Tarifvertrag der Branche ist künftig für alle Betriebe verbindlich.
14.05.2018, 18:33
Lesedauer: 3 Min
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Neuer Tarifvertrag in Bremens Hotel- und Gaststättengewerbe
Von Stefan Lakeband
Neuer Tarifvertrag in Bremens Hotel- und Gaststättengewerbe

Bald soll der Tarifvertrag für alle Bremer Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe gelten.

dpa

Für viele Beschäftigte in Bremer Restaurants, Cafés und Hotels gibt es gute Nachrichten: Sie bekommen künftig mehr Geld. Darauf haben sich die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und der Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in der Hansestadt geeinigt. Ihr gemeinsam geschlossener Entgelttarifvertrag aus dem vergangenen Jahr soll bald nämlich nicht mehr nur für Gewerkschaftsmitglieder gelten, die in einem Dehoga-Betrieb arbeiten, sondern für die gesamte Branche in der Hansestadt.

In Bremen arbeiten etwa 20.000 Menschen im Hotel- und Gaststättengewerbe. Bislang profitiert längst nicht jeder von ihnen vom Entgelttarifvertrag, der am 1. April vergangenes Jahres in Kraft getreten ist. Das heißt: Bislang war es Arbeitgebern möglich, ihren Beschäftigten nur den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro zu bezahlen. Dadurch, dass der Wirtschaftssenator den Tarifvertrag der beiden Parteien nun für allgemeinverbindlich erklärt hat, wird sich das ändern.

Mehr Geld für Beschäftigte

Künftig muss jeder Beschäftigte in Hotels oder der Gastronomie mindestens 9,56 Euro bekommen. Wer eine Fachausbildung hat, für den liegt die Mindestgrenze in Bremen bei 11,51 Euro. Die Art der Beschäftigung ist dabei egal: Der neue Stundenlohn gilt für Festangestellte, Auszubildende, Teilzeitkräfte und geringfügig Beschäftigte gleichermaßen. Natürlich können Betreiber aber auch freiwillig mehr Zahlen. Lediglich die Angestellten in der Systemgastronomie sind von der Allgemeinverbindlichkeit ausgenommen, sofern ihr Arbeitgeber im Tarifvertrag dieser Branche ist.

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Iris Münkel, Gewerkschaftssekretärin der NGG in Bremen, sieht darin einen großen Erfolg, denn die Zahl der Betriebe, die sich nicht an einen Tarifvertrag hielten, sei zuletzt stetig gestiegen. „Es ist das erste Mal, dass ein ganzer Tarifvertrag allgemeinverbindlich erklärt wurde“, sagt Münkel. Das Land Bremen nehme damit eine bundesweiten Vorreiterrolle ein. Die Beschäftigten, die bislang nicht von einem Tarifvertrag profitiert hätten, bekämen nun mehr Geld oder müssten für das gleiche Gehalt weniger arbeiten.

Beim Dehoga in Bremen wird die Allgemeinverbindlichkeit ebenfalls positiv gesehen. „Unseren Mitgliedbetrieben wird ein wesentlicher Wettbewerbsnachteil genommen“, sagt Hauptgeschäftsführer Thomas Schlüter. Durch die steigende Zahl an Betriebe ohne Tarifbindung sei es zu Verzerrungen am Markt gekommen. Denn diese Unternehmen hätten ihren Mitarbeitern weniger zahlen müssen und hätten somit auch ganz anders kalkulieren können.

Gerechte Entlohnung soll motivieren

Der Dehoga und die NGG hätten den Antrag auf Allgemeinverbindlichkeit aber auch aus einem anderen Grund gestellt: Sie hoffen, das Hotel- und Gastgewerbe dadurch attraktiver zu machen. „Als namhafter Tourismusstandort in ganz Deutschland haben wir einen Ruf zu verlieren“, sagt Schlüter. Daher müsse das Personal motiviert sein – und dazu trage auch eine gerechte Entlohnung bei.

Nach dem Antrag von Dehoga und NGG bei Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) hat dieser der Allgemeinverbindlichkeit zugestimmt. Das letzte Wort hatte allerdings der Tarifausschuss in Bremen, der aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern besteht. Nach zwei Verhandlungsrunden hat die Kommission dem Antrag vergangene Woche dann zugestimmt. Er tritt nach Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft. „Die Allgemeinverbindlichkeit des Entgelttarifvertrages wird ein wichtiges Signal und ein großer Schritt für die Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe sein“, heißt es von Wirtschaftssenator Günthner. „Konkret bedeutet dies für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer deutlich höhere Löhne und Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen.“

Wie viele Beschäftigte genau von der Allgemeinverbindlichkeit profitieren, ist unklar. Weder NGG noch Dehoga wissen, wie hoch die Zahl der Angestellten ist, deren Lohn nun ansteigen muss – also derzeit weniger als 9,56 Euro beziehungsweise 11,51 Euro verdienen. Eine Schätzung der Arbeitnehmerkammer aus dem vergangenen Jahr geht jedoch davon aus, dass fast jeder dritte Beschäftigte im Gastgewerbe gerade einmal den gesetzlichen Mindestlohn oder sogar weniger bekommt.

Viele sind auf staatliche Unterstützung angewiesen

Laut Kammer führe das dazu, dass 13 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Gastgewerbe ihr Einkommen durch staatliche Unterstützung aufstocken müssen. Fast drei Viertel der Arbeitnehmer arbeiteten zum Niedriglohn und verdienten sogar weniger als etwa in der Wachdienstbranche.

Wie die Arbeitnehmerkammer errechnet hat, ist das Durchschnittseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten im Gastgewerbe im Branchenvergleich mit 2080 Euro brutto monatlich mit Abstand am niedrigsten. Das Risiko der Altersarmut ist laut der Untersuchung damit besonders hoch: Mehr als 55 Prozent der Befragten hätten angegeben, dass sie im Alter wohl auf die Unterstützung Dritter angewiesen sein werden. Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen, sieht die Allgemeinverbindlichkeit daher sehr positiv: „Dies kann eine Blaupause für andere Branchen sein, in denen die Gehaltsstrukturen ein existenzsicherndes Einkommen nicht mehr gewährleisten.“

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