Neue Arbeitsmodelle

Neues Chef-Bewusstsein am Weserdeich

Früher war Sebastian Schmidt Chef von 300 Mitarbeitern in einem US-Konzern. Jetzt ist er Chef von 28 Mitarbeitern in Wremen. Doch nach dem "New-Work-Prinzip" sollen die als Team ihren Chef ersetzen.
21.06.2018, 22:27
Lesedauer: 3 Min
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Neues Chef-Bewusstsein am Weserdeich
Von Florian Schwiegershausen
Neues Chef-Bewusstsein am Weserdeich

Im Hotel Deichgraf in Wremen an der Außenweser sollen die Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, statt nur von ihrem Chef Befehle entgegenzunehmen.

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Für Sebastian Schmidt war es ein völlig neues Feld. Der heute 52-Jährige hat nie eine Ausbildung im Hotelfach gemacht. Dennoch ist er seit November 2016 in Wremen Direktor des Hotels Deichgraf, das dort am Deich thront mit Blick auf Watt und Außenweser. Doch Chef will er gar nicht sein für seine 28 Mitarbeiter. Wenn es nach ihm ginge, würde er diese Funktion am liebsten abschaffen.

„Ich möchte eher Dienstleister für sie sein“, sagt der gelernte Elektroniker. Am Donnerstag referierte Schmidt im Schütting bei einem Workshop der FOM Hochschule Bremen zum Thema „New Work“ (Neue Arbeit) und erläuterte seine Vorstellungen von guter Mitarbeiterführung. Für ihn, so sagt er, gelten bei seinem Job im Hotel zwei Prämissen.

Die eine lautet: „Führung ist Dienstleistung, kein Privileg“. Die andere: „Nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen.“ Führen kann Schmidt. Das hat er zuletzt in Berlin bei einem großen US-Konzern unter Beweis gestellt. Dort war er verantwortlich für 300 Mitarbeiter – und jeden Tag im Anzug unterwegs, den er heute als „Rüstung“ bezeichnet.

Zeit für neue Perspektiven

Während er im Schütting seinen Vortrag in Flicken-Jeans, T-Shirt, und Turnschuhen hält, beschreibt er, wie und warum er aus dem alten „Hamsterrad“ herauswollte. Vieles sei bei ihm eben geprägt gewesen durch Leistung. „Ich war auch durchaus beeinflusst von meinem Vater, der noch den Krieg miterlebt hatte, und wollte, dass ich es mal besser haben und was leisten sollte.“

Und diesem Prinzip gehorchend, dass man unbedingt etwas erreichen müsse, erklomm Schmidt als Elektroniker auf der Karriereleiter eine Stufe nach der anderen. Irgendwann aber habe er sich gefragt: „Was mache ich hier?“ Schmidt nahm sich Zeit, über neue Perspektiven nachzudenken. Einen Kontakt zu Bodo Janssen, dem Chef der Hotelkette Upstalsboom, zu der auch das Hotel Deichgraf gehört, hatte er schon.

Im US-Konzern erfolgte schließlich die Kündigung, kurz darauf wurde Schmidt von Janssen die Leitung des Hotels Deichgraf übertragen. Am ersten Arbeitstag im Hotel bot der neue Direktor den 28 Mitarbeitern das „Du“ an. „Natürlich nur ein Angebot für die, die wollten“, sagt Schmidt.

Den Beschäftigten wollte er nach und nach mehr Verantwortung übertragen: „Dazu musste ich sie erst mal aus ihrer Komfortzone in die ‚Stretchzone‘ holen.“ Wer neue Aufgaben mehrmals mache, erweitere seinen Horizont und fühle sich auch neuen Herausforderungen gewachsen. Das funktioniert, ist Schmidt überzeugt.

So habe etwa ein Mitarbeiter bisher mit Ansprachen vor Menschen seine Probleme gehabt. „Als er neulich zum ersten Mal vor 40 Leuten sprach, hatte ich Tränen in den Augen“, sagt Schmidt. Es mache ihn selbst glücklicher, die Mitarbeiter sowieso. Schmidt geht es darum, die Mitarbeiter selbst Lösungen entwickeln zu lassen. „Ich ordne nichts an, ich frage lieber, welche Lösung sie parat haben.“

Wenn das alles laufe, könne er sich als Chef abschaffen. So ganz konsequent geht das dann allerdings nicht: „Neulich als der Dienstplan wegen eines kranken Mitarbeiters umgeändert werden musste, sollte ich doch am Ende die Verantwortung übernehmen.“ Und nach außen müsse eben einer den Kontakt halten. Das Gesicht des Hotels will Schmidt aber nicht werden: „Das Hotel steht im Vordergrund, deshalb sollen die Gäste herkommen.“

Krankheitsquote sank von acht auf drei Prozent

Seinen Führungsstil hat Schmidt vom Upstalsboom-Chef Bodo Janssen übernommen. So wie in Wremen soll es bei der ­Hotelkette auch in den anderen Häusern an Nord- und Ostsee laufen. Janssen selbst holte sich Anregungen dazu in der Benediktiner-Abtei Münster­schwarzach bei Pater Anselm Grün. Der ist schon lange überzeugt, dass man die Zufriedenheit der Mitarbeiter verbessert, indem man nicht ihre Schwächen tadelt, sondern ihre Stärken lobt.

Die Zufriedenheitsquote der mehr als 600 Mitarbeiter bei Upstalsboom hat sich nach Unternehmensangaben auf 80 Prozent erhöht, der Umsatz innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Die durchschnittliche Krankheitsquote der Mitarbeiter sank von acht auf drei Prozent. Und die Mitarbeiter konnten ihre Zufriedenheit offenbar auf die Gäste übertragen: Bei mehr als 300.000 Bewertungen empfahlen 98 Prozent der Gäste die Hotels weiter.

Nur ein Beispielunternehmen für neue Arbeitswege

Doch vor Schmidt liegt noch viel Arbeit: „Das Hotel Deichgraf ist derzeit ein reines Touristenhotel und läuft nicht gut. Deshalb schließen wir im Oktober für ein halbes Jahr.“ Dann soll modernisiert werden, um es für Tagungen und Seminare interessant zu machen. „Auf Facebook habe ich zu Vorschlägen aufgerufen und schon diverse An­regungen erhalten“, freut sich Schmidt.

Das Hotel Deichgraf ist nur ein Beispielunternehmen, das neue Arbeitswege geht. „Raus aus den starren Hierarchien hinein in eine flexible Selbstorganisation“, bringt Manuela Kesselmann, Dozentin der FOM, das Prinzip auf den Punkt. Sie beschäftigt sich seit Längerem mit dem Thema „New Work“. Sie ist überzeugt: „Auch die Digitalisierung macht es in Zukunft erforderlich, dass sich viele Unternehmen von ihren bisherigen starren Hierarchien wegbewegen müssen hin zu einer echten Teilhabe und Mitbestimmung.“ Im Hotel am Ende des Weserdeichs von Wremen gibt es die schon jetzt.

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