Wohnungsmarkt

Neues Leben für eine alte Idee

Eine Initiative fordert mehr genossenschaftliche Wohnungen in Bremen. Dafür wirbt sie auch mit ungewöhnlichen Mitteln.
14.05.2019, 05:28
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Neues Leben für eine alte Idee
Von Marc Hagedorn
Neues Leben für eine alte Idee

Wenn es nach der Hulsberg-Genossenschaft geht, sollen in diesem Bettenhaus einmal Wohnungen entstehen.

Christina Kuhaupt

Kürzlich hatte Hartwig Gerecke mal wieder eine seiner verrückten Ideen. Warum, dachte sich der pensionierte Lehrer, warum drucken wir nicht einfach ein Bild des Bettenhauses vom Klinikum Mitte auf Briefmarken und verteilen diese Marken, Auflage 1100 Stück, bei jeder passenden Gelegenheit?

Am Montag war so eine passende Gelegenheit, denn Gerecke und seine Mitstreiter von der Stadtteil-Genossenschaft Hulsberg eG hatten Jochen Hucke zu Besuch. Hucke ist seit Februar Genossenschaftsbeauftragter des Berliner Senats, er kämpft für mehr genossenschaftliche Bauprojekte in der Hauptstadt und ist damit für Gerecke ein Bruder im Geiste.

So wie Hucke in Berlin wollen die Hulsberg-Genossen in Bremen genossenschaftliches Bauen und Wohnen voranbringen. Um dieses Thema auf die politische Agenda zu bekommen, ist Gerecke fast jedes Mittel recht, zur Not auch Briefmarken.

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Bremen hat ein Wohnungsproblem, den Menschen in der Stadt fehlt bezahlbarer Wohnraum. „In dieser gesellschaftspolitischen Krise wäre es hilfreich, wenn es mehr genossenschaftliches Handeln gäbe“, sagt Gerecke, „leider werden Genossenschaften in Bremen aber nicht gefördert.“ Er wünscht sich deshalb, dass die Förderung genossenschaftlichen Bauens in den neuen Koalitionsvertrag nach der Bürgerschaftswahl Ende Mai aufgenommen wird, und dass Bremen nach Berliner Vorbild einen Genossenschaftsbeauftragten bekommt, der dem Thema eine Stimme und ein Gesicht in der Öffentlichkeit gibt.

Die Mitglieder der Stadtteil-Genossenschaft Hulsberg haben einen ambitionierten Plan. Sie wollen, dass im heutigen Bettenhaus an der St.-Jürgen-Straße bis circa 2024 auf sieben Stockwerken zwischen 70 und 100 Wohneinheiten entstehen. Die Miete soll hier bezahlbar sein, der Zugang zu den Wohnungen so barrierefrei wie möglich. Alt und Jung, Einkommensstark und Einkommensschwach, sollen hier gemeinsam leben, als aktive Nachbarschaft, in der man sich hilft. Da das Gebäude der Genossenschaft gehören würde, an der die Bewohner Anteile halten, hätten Investoren und Spekulanten keinen Zugriff darauf. Die Mieten blieben dauerhaft bezahlbar, das Wohnrecht gilt auf Lebenszeit.

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Die Idee des genossenschaftlichen Bauens ist in Bremen vergleichsweise wenig verbreitet. Es gibt ein paar alte Genossenschaften wie die Espabau (rund 3000 Wohnungen) und die Gewosie in Bremen-Nord (4000), aber als die Hulsberg-Genossen sich 2016 zusammengetan haben, sorgten sie damit für die erste Neugründung seit 20 Jahren. „Die gängige Einschätzung der Menschen ist: Entweder ist man Mieter oder Eigentümer“, sagt Margot Müller, Vorsitzende des Aufsichtsrates der Hulsberg-Genossenschaft, „die Idee, auch Genosse sein zu können, ist nicht so bekannt.“

Nur knapp sechs Prozent aller Wohnungen, rund 9800 in absoluten Zahlen, gehören einer der zehn Bremer Wohngenossenschaften. Daneben gibt es einzelne, kleine Baugemeinschaften wie etwa das Projekt Mosaik in Huckelriede (21 Wohnungen) oder das Neestadthuus in der Neustadt (17 Einheiten). Andere Städte sind da deutlich weiter als Bremen, in Leipzig zum Beispiel sind 15,9 Prozent aller Wohnungen in Genossenschaftsbesitz, in Dresden 14,7, in Hamburg 14,1, in Berlin 11,5 und in Hannover 10,4.

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Wenn sich Genossenschaften an der Schaffung von Wohnraum und an Bauprojekten beteiligen, entsteht in der Regel Gutes, davon ist Hucke, der Berliner Genossenschaftsbeauftragte, überzeugt. Der Domagkpark in München ist für ihn so ein gelungenes Beispiel. Im Stadtteil Schwabing-Freimann leben auf dem ehemaligen Gelände einer Funkkaserne 4000 Menschen in 1600 Wohnungen. Um eine große Parkanlage gruppieren sich Geschäfte, Cafés, Restaurants, Kindertagesstätten, Hotels, ein Studentenwohnheim, eine Grundschule und Sportanlagen. „Ein lebendiges Viertel“, sagt Hucke, „eine solche Qualität erreicht man nur durch genossenschaftliches Bauen.“ Weil es nicht darum geht, möglichst viele Wohnungen auf möglichst wenig Fläche zu möglichst hohen Preisen an den Markt zu bringen.

Hucke kämpft deshalb in Berlin dafür, Genossenschaften den Kauf von Grundstücken zu erleichtern. „An Grundstücke zu kommen, ist das größte Problem“, sagt er. Auch die Hulsberg-Genossen kämpfen noch: um die Übernahme des Bettenhauses. Auf dem Quartier Ellener Hof sind sie dagegen schon weiter – und zwar ganz ohne Hilfe von bedruckten Briefmarken. Auf dem Ellener Hof gehören der Genossenschaft zwei Grundstücke, auf denen 25 Wohnungen entstehen sollen. Casa Colorida heißt das Projekt. Es ist nicht nur ökologisch wertvoll, gebaut wird mit Holz, sondern auch sozial gemischt, generationsübergreifend und selbstverwaltet, also ganz im Sinne der genossenschaftlichen Idee.

Info

Zur Sache

Mit der Espabau ging es 1893 in Bremen los

Wohnungsbaugenossenschaften gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Sie wurden gegründet, um ihren Mitgliedern das Leben in gesunden, gut ausgestatteten Wohnungen zu ermöglichen und sie vor Mietwucher zu schützen. Das war seinerzeit sehr fortschrittlich. In Bremen ist zum Beispiel die Espabau (Eisenbahn Spar- und Bauverein eG) seit 1893 aktiv.

Sie baute für ihre Mitglieder Mietwohnungen, sehr früh mit Badezimmern, was damals für das Arbeitermilieu geradezu revolutionär war. Die Spareinlagen der Genossen wurden zinsgünstig angelegt. Rund 6000 Bremer haben heute Anteile bei Espabau gezeichnet. Sehr oft sind sie seit Jahrzehnten dabei.

Selbstverwaltung und Solidarität sind bei Wohngenossenschaften wichtige Grundsätze geblieben. Die Genossenschaftsmitglieder haben ein weitreichendes Mitbestimmungsrecht und können sicher sein, dass sich die Genossenschaft nicht an den Interessen fremder Kapitalgeber orientiert. 2000 Wohnungsgenossenschaften gibt es in Deutschland, in ihrem Besitz befinden sich 2,2 Millionen Wohnungen, das sind fast elf Prozent der gut 23 Millionen deutschen Mietwohnungen.

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