Siemens Gamesa will Müll vermeiden

Rotorblätter von Windparks werden recyclebar

Bislang galten Offshore-Rotorblätter von Windparks zu einem großen Teil als Restmüll. Das will der Windanlagenbauer Siemens-Gamesa nun ändern. Er hat das weltweit erste recycelbare Rotorblatt entwickelt.
08.09.2021, 19:12
Lesedauer: 4 Min
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Rotorblätter von Windparks werden recyclebar
Von Peter Hanuschke
Rotorblätter von Windparks werden recyclebar

Zum Recyceln sind Offshore-Rotorblätter bislang nicht geeignet: Die Rotorblätter enthalten vor allem glasfaserverstärkte Verbundwerkstoffe - häufig Epoxidharz mit eingebetteten Glasfasern. Und dieser sehr feste "Klebstoff" verhindert das Trennen der anderen Komponenten. Siemens-Gamesa hat nun nach eigenen Angaben ein voll recycelbares Rotorblatt für den kommerziellen Einsatz entwickelt.

Søren Nielsen

Sie sorgen stetig für erneuerbare Energie. Doch Offshore-Windparks haben einen Nachteil: Die Rotorblätter der 1501 Anlagen, die in der Nord- und Ostsee stehen, können nur zu einem geringen Anteil recycelt werden. Damit gelangen die meisten verschiedenen Komponenten nicht in den Verwertungskreislauf. Das könnte sich ändern - zumindest bei neuen Rotorblättern: Der deutsch-spanische Windanlagenhersteller Siemens-Gamesa hat nach eigenen Angaben das weltweit erste recycelbare Rotorblatt für den kommerziellen Einsatz auf See entwickelt. Die Produktion soll im industriellen Maßstab im nächsten Jahr anlaufen. Zu Testzwecken kommen die "grünen" Rotorblätter an einigen Anlagen bereits im RWE-Windpark Kaskasi zum Einsatz, der 35 Kilometer nördlich von Helgoland entsteht und 2022 ans Netz angeschlossen werden soll. 

„Wir freuen uns, dass unser Offshore-Windpark Kaskasi hervorragende Möglichkeiten bietet, Innovationen zu testen", sagt Sven Utermöhlen, geschäftsführender Vorstand Wind Offshore von RWE Renewables. Dies sei ein wichtiger Schritt, um die Nachhaltigkeit von Windkraftanlagen auf die nächste Stufe zu heben.

Alpha Ventus war 2010 der erste Offshore-Windpark in der Deutschen Bucht. Da Offshore-Windparks etwa eine Lebensdauer von 20 Jahren haben, ist das Nicht-Recyceln der Rotorblätter also ein zeitlich verzögertes Problem. Wie problematisch die Entsorgung ist, dass ist zudem durch den einen oder anderen Onshore-Windpark bekannt, der das Ende seiner Betriebszeit erlebt hat oder die Anlagen schon vorher bei der Modernisierung durch leistungsstärkere Windmühlen ersetzt wurden.

Anders als bei vielen anderen Anlagenteilen kann bei Rotorblättern beispielsweise nicht der Stahl aus den Türmen und Beton aus dem Fundament recycelt werden. Laut dem Fraunhofer Institut für Chemische Technologie kann die Recyclingquote bei bis zu 80 oder 90 Prozent liegen. Die bezieht sich aber nicht auf die Rotorblätter.

Aus ihnen kann man lediglich mit den Metallresten etwas anfangen. Dazu werden die tonnenschweren Anlagen zerkleinert und auf maximal 50 Millimeter kleine Stücke geschreddert. Der große Rest kommt in die energetische Verwertung. Die bei der Verbrennung anfallende Aschen macht laut dem Bundesverband Windenergie etwa 50 Prozent der Gesamtmasse der Rotorblätter aus und enthält einen sehr hohen Anteil an Mineralstoffen. Diese Asche kann hinterher bei der Zementherstellung als Ersatz für andere verwendete Rohstoffe dienen.

Grund für die schwere Trennung der Materialien ist, dass Rotorblätter vor allem  glasfaserverstärkte Verbundwerkstoffe enthalten - häufig Epoxidharz mit eingebetteten Glasfasern (GFK). Und dieser sehr feste "Klebstoff" macht das Trennen der anderen Materialien schwer. Es wäre möglich, aber der erforderliche Energieeinsatz dafür wäre unverhältnismäßig.

Auch Siemens-Gamesa verwendet bei den neuen Rotorblättern Harz, um die Kombination der Materialien zu einer starken und flexiblen Leichtbaustruktur zu vergießen. Doch die chemische Struktur dieses neuen Harztyps ermöglicht es laut Herstellerangaben, das Harz am Ende der Lebensdauer des Blattes effizient von den anderen Komponenten zu trennen und für neue Anwendungen wiederzuverwenden.

Und Siemens-Gamesa will mit dem Produkt in den Markt. Dafür arbeitet der Windanlagenhersteller unter anderem mit den in Deutschland und international tätigen Projektentwicklern EDF Renewables aus Berlin und WPD aus Bremen zusammen. Ziel sei, die "Recyclable-Blade-Technologie" bei künftigen Offshore-Projekten einzuetzen.

„Wir sind begeistert, mit Unternehmen wie Siemens-Gamesa zusammenzuarbeiten, um zum Fortschritt des Recyclings im Windenergiesektor beizutragen", so Bruno Bensasson, Vorstandsvorsitzender von EDF Renewables. Das Team des französischen Unternehmens sei fest entschlossen, "diese bahnbrechende Technologie gemeinsam mit seinen Zulieferern zu entwickeln, um die Umweltverträglichkeit unserer Projekte kontinuierlich zu verbessern." Diese Vereinbarung unterstreiche zudem die Vision der EDF-Gruppe: Die Erzeugung von kohlenstoffarmem Strom, der dem Klima zugutekommt, und die Verringerung lokaler Umweltauswirkungen in Einklang zu bringen."

WPD habe in den vergangenen 20 Jahren aktiv zur nachhaltigen Entwicklung der Offshore-Windindustrie beigetragen, so Achim Berge Olsen, geschäftsführender Vorstand der WPD-Gruppe: "Durch die Zusammenarbeit im Rahmen des Recycling-Technologieprogramms von Siemens-Gamesa machen wir einen weiteren Schritt nach vorn für die Branche, so dass wir voller Zuversicht auf die Nachhaltigkeit der zukünftigen Lieferkette blicken.“

Siemens-Gamesa hatte jüngst eine Nachhaltigkeitsvision für das Jahr 2040 vorgestellt, um eine bessere Zukunft für kommende Generationen zu schaffen. In diesem Rahmen kündigte das Unternehmen das ambitionierte Ziel an, die Turbinen bis 2040 vollständig recycelbar zu machen. "Unser Ziel ist es, Windturbinen herzustellen, die 20 bis 30 Jahre lang erneuerbaren Strom erzeugen können", sagte Gregorio Acero, Leiter des Bereichs Qualitätsmanagement, Gesundheit, Sicherheit und Umwelt bei Siemens-Gamesa. "Wenn sie das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichen, können wir die Materialien trennen und für neue relevante Anwendungen nutzen." Das Recyclable-Blade sei ein großer Schritt in diese Richtung, "den wir weit vor unserem Ziel für 2040 machen."

Zur Sache

Siemens Gamesa ist seit über 40 Jahren im Windenergiebereich tätig und zählt damit zu den Pionieren in der noch jungen Industrie. In dem Unternehmen sind mehr als 25.000 Mitarbeiter tätig, um dazu beizutragen, "die größte Herausforderung unserer Generation zu bewältigen - die Klimakrise", heißt es auf der Unternehmensseite. Insgesamt hat Siemens-Gamesa bislang Windanlagen weltweit mit mehr als 110 Gigawatt installiert.

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