Schnellerer Ausbau der Windenergie gefordert

Offshore-Windräder ersetzen sieben AKW

Die Fachverbände fordern von der Bundesregierung einen deutlich schnelleren Ausbau der Offshore-Windenergie: Sonst werde die positive Entwicklung der Offshore-Windenergie in Deutschland ausgebremst.
21.01.2019, 21:32
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas Hoenig und Peter Hanuschke
Offshore-Windräder ersetzen sieben AKW

Die Fachverbände fordern von der Bundesregierung einen deutlich schnelleren Ausbau der Offshore-Windenergie. Das Foto zeigt das Hubschiff "Sea Challenger", wie es im vergangenen Sommer beladen mit Bauteilen für den Offshore-Windpark Arkona vom Hafen Mukran ins Sassnitz zum Baufeld des Windparks fährt. Mit 385 Megawatt wird Arkona der bislang leistungsstärkste Windpark in der deutschen Ostsee.

Stefan Sauer

Jobs in Gefahr, die Technologieführerschaft bedroht: Die Windkraftbranche hat die Bundesregierung zu einer Kehrtwende bei der Windenergie auf See aufgefordert. Fachverbände forderten einen deutlich schnelleren Ausbau der Offshore-Windenergie.

Die aktuellen politischen Rahmenbedingungen drohten die weitere positive Entwicklung der Offshore-Windenergie in Deutschland auszubremsen, kritisierten mehrere Fachverbände am Montag in Berlin. „Wir sind gut beraten, wenn wir dramatisch mehr tun“, sagte Andreas Wellbrock, Geschäftsführer der Windenergie-Agentur WAB, die ihren Sitz in Bremerhaven und etwa 350 Unternehmen und Institute der Windenergie in der Nordwest-Region als Mitglieder hat.

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Im vergangenen Jahr stieg die Stromproduktion aus Offshore-Wind nach Angaben der Branche bei weiterhin sinkenden Kosten um etwa acht Prozent. 2018 gingen 136 Anlagen mit einer Leistung von 969 Megawatt neu ans Netz – 2017 waren es noch 1250 Megawatt. Insgesamt speisten 1305 Offshore-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 6382 Megawatt ins Netz ein. Das entspricht ungefähr der Leistung von sieben großen Atomkraftwerken.

Die Branche befürchtet, dass der Ausbau der Offshore-Windenergie zunehmend ins Stocken gerät. Deswegen müsse es noch im ersten Quartal 2019 einen „Sonderbeitrag“ von 1500 Megawatt für die Installation neuer Kapazitäten bei der Offshore-Windenergie geben. Bis 2030 benötige die Offshore-Branche einen Ausbau auf mindestens 20 Gigawatt – bisher sind 15 Gigawatt geplant.

Auswirkungen auf OTB

Ob ein solcher Nachschlag, wenn die Branche ihn denn auch von der Politik bekommt, auch positive Wirkungen auf den geplanten Offshore-Terminal Bremerhaven (OTB) haben könnte, ist fraglich. Dass sich deshalb ein neuer Windanlagen-Hersteller in der Seestadt niederlassen würde, ist unwahrscheinlich. Diejenigen, die produzieren, haben bereits genügend Kapazitäten. So etwa Branchenführer Siemens-Gamesa, der sich mit seinem neuen Werk in Cuxhaven niedergelassen hat. Zudem befindet sich die Branche immer noch in einer Konsolidierungsphase. In Bremerhaven gibt es derzeit nur noch Senvion, bis Ende 2019 gilt dort eine Standortsicherung.

Mit dem OTB, für den es seit 2016 einen Baustopp gibt, wird sich am kommenden Donnerstag das Bremer Verwaltungsgericht beschäftigen. Dabei wird es unter anderem um die Frage gehen, ob ein Eingriff in die Natur dadurch zu rechtfertigen ist, dass der OTB aus Sicht des Bremer Senats ein unverzichtbares Element für den Ausbau der Windenergie in Deutschland darstellt.

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Laut Koalitionsvertrag sollen insgesamt 65 Prozent der deutschen Stromerzeugung bis zum Jahr 2030 aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen werden. Dies sei jedoch mit dem derzeit vorgesehenen Zubau nicht zu realisieren, so die Branche. Im vergangenen Jahr trugen erneuerbare Energien nach Zahlen der Verbandes BDEW rund 35 Prozent zur Stromerzeugung bei, der Anteil der Offshore-Windparks lag bei drei Prozent.

Ursache für den rückläufigen Ausbautrend bei Offshore-Windparks sind politische Vorgaben und Regelungen. Mit einer Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes führte der Gesetzgeber Ausschreibungsverfahren für neue Windkraftanlagen ein und begrenzte gleichzeitig das Volumen. Als Hemmnis für den Ausbau der Windkraft auf See gilt vor allem der bisher unzureichende Anschluss an das Netz. Der Grund ist, dass der Netzausbau, also der Bau neuer Stromleitungen, nur schleppend vorankommt.

Voll im Plan

Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet stellt unterdessen fest, dass er voll im Plan sei. Elf Offshore-Netzanschlusssysteme mit zusammen 6232 Megawatt (MW) Kapazität zur Übertragung von Offshore-Windenergie von See an Land habe das Unternehmen inzwischen an das Stromnetz angeschlossen. „Damit erfüllt Tennet schon jetzt nahezu komplett das Ausbauziel der Bundesregierung, das Offshore-Windkapazitäten von 6500 Megawatt bis zum Jahr 2020 vorsieht", sagt Tennet-Geschäftsführer Wilfried Breuer.

Bereits in diesem Jahr werde der Übertragungsnetzbetreiber dieses Ziel übererfüllen, denn mit der Fertigstellung des Offshore-Windparks BorWin3 würden im Laufe dieses Jahres sogar 7123 Megawatt allein in der Nordsee an Übertragungskapazität in Betrieb sein. Bis Ende 2023 folge mit DolWin6 ein weiteres Anbindungssystem, wodurch dann 8032 MW an Übertragungskapazität in der Nordsee zur Verfügung stehen würden.

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Die von Tennet aus der Nordsee übertragene Windenergie habe 2018 mit 16,75 Terawattstunden (TWh) einen neuen Spitzenwert erreicht, so das Unternehmen. Die gesamte deutsche Offshore-Jahresproduktion habe zusammen mit den Anlagen in der Ostsee, die nicht zum Tennet-Netzgebiet gehört, bei 19,1 TWh gelegen. Damit könnte beispielsweise der jährliche Stromverbrauch von mehr als fünf Millionen deutschen Haushalten gedeckt werden. Das Ergebnis 2018 übertreffe im Tennet-Netzgebiet den Vorjahreswert um 4,9 Prozent. Gemessen am Gesamtwindertrag Deutschlands, der durch Offshore und Onshore zusammengerechnet bei 106,45 TWh gelegen habe, „erreichte der Nordsee-Windertrag im vergangenen Jahr starke 15,7 Prozent“, teilt Tennet mit. Der bisherige Maximalwert der Einspeisungsleistung der Offshore-Windparks sei in der Nordsee am 15. Dezember 2018 mit 4773 MW erreicht worden.

Für Breuer ist es wichtig, dass der Netzausbau an Land beschleunigt wird, "um möglichst bald die notwendigen Netzkapazitäten an Land zur Verfügung zu haben, die den Strom in den verbrauchsstarken Westen und Süden Deutschlands transportieren können“.

In vielen Ländern werde der Ausbau von Windkraft auf See vorangetrieben, so Wellbrock. Der Heimatmarkt aber breche wegen der Ausbau-Deckelung zunehmend weg. Dies bereite vor allem kleineren Betrieben Sorge. Tausende der aktuell rund 26 000 Jobs in der Offshore-Windenergie seien gefährdet, die weltweite Technologieführerschaft deutscher Unternehmen stehe auf der Kippe.

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