Bremer Raumfahrtkonzern

OHB und die Zeit nach dem Virus

Der Bremer Raumfahrtkonzern OHB hat angesichts der gegenwärtigen Corona-Krise keine Sorge um Aufträge. Das Unternehmen erwartet „eine Welle von Auftragseingängen“.
19.03.2020, 05:00
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Von Florian Schwiegershausen und Helmut Reuter
OHB und die Zeit nach dem Virus

Das Archivfoto zeigt, wie OHB-Techniker im Reinraum in Bremen Tests an den Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo machen.

Ingo Wagner /dpa

OHB-Vorstandsvorsitzender Marco Fuchs wagte am Mittwoch den Blick in die große Glaskugel und dachte laut über die Zeit nach dem Corona-Virus nach. Da rückten die Geschäftszahlen des Bremer Raumfahrtunternehmens fast ein wenig in den Hintergrund. Dabei sehen die so robust und positiv aus wie schon in den vergangenen Jahren. Erstmals konnte der Raumfahrtkonzern im abgelaufenen Geschäftsjahr beim Umsatz die Grenze von einer Milliarde Euro überspringen. Die Milliarden-Grenze war 2018 schon bei der Gesamtleistung geknackt worden, damals zählten aber auch noch nicht bilanzierte Eigenleistungen des Unternehmens hinzu – das war beispielsweise selbstentwickelte Software für Satelliten.

Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) stieg zuletzt um drei Prozent auf 49,1 Millionen, der Vorsteuergewinn sank dagegen auf 39,1 Millionen Euro (minus elf Prozent). Der Rückgang ist nach Unternehmensangaben auf eine deutlich höhere Zinsbelastung 2019 sowie auf ein schlechtes Geschäftsjahr eines Unternehmens der Luftfahrtindustrie in Bayern zurückzuführen, an dem OHB eine Minderheitsbeteiligung hält. Die Aktionäre des Bremer Satellitenbauers können sich über eine Dividende freuen, die mit 43 Cent genauso hoch ist wie im vergangenen Jahr.

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OHB sieht sein Geschäft aufgrund der langfristigen Auftragsstrukturen in der Raumfahrtbranche durch die Coronavirus-Krise nicht signifikant belastet. „Wir haben langfristige Verträge“ – und die seien keinen kurzfristigen Schwankungen unterzogen, nannte Marco Fuchs den per Telefon zugeschalteten Journalisten einen der Gründe, warum OHB weniger betroffen sein werde als andere Firmen. So erwartet das Raumfahrtunternehmen bis 2025 eine Steigerung seiner Gesamtleistung auf 1,5 Milliarden Euro. Das Ebit will OHB bis dahin auf 120 Millionen Euro mehr als verdoppeln. Es sei zwar denkbar, dass es zu Verzögerungen bei Projekten komme, sagte Fuchs: „Wir haben aber nicht die Sorge, dass die Aufträge wegbrechen, sondern erwarten eine Welle von Auftragseingängen.“ 2020 rechnet OHB immerhin mit einem Eingangsvolumen von zwei Milliarden Euro.

Der börsennotierte Konzern erwartet bis 2025 eine Steigerung seiner Gesamtleistung auf 1,5 Milliarden Euro. Das Ebit will OHB bis dahin auf 120 Millionen Euro mehr als verdoppeln. Schon in diesem Jahr sei mit einem Auftragseingang zu rechnen, der insgesamt ein Volumen von knapp zwei Milliarden Euro hat. Und so machte sich Marco Fuchs bei der Telefonkonferenz bereits Gedanken darüber, wie die Welt wohl nach dem Coronavirus aussehen wird. „Es wird auf alle Fälle eine andere sein“, sagte der OHB-Vorstandsvorsitzende, „sie wird auf alle Fälle digitaler sein.“

Die Welt wird sich noch stärker vernetzen

So ist Fuchs der Ansicht, nachdem die Unternehmen und ihre Beschäftigten ihre Erfahrungen mit dem Homeoffice gemacht haben, dass sich die Welt noch stärker vernetzen werde, dass die Verfügbarkeit von Daten eine noch größere Bedeutung bekommen und Telekommunikation die zentrale Säule sein werde. „Die Robustheit wird hier weiter ausgebaut.“ Genauso werden die Wetterbeobachtung und die Navigation einen höheren Stellenwert bekommen. „Denn die Optimierung von Mobilität funktioniert nicht ohne Navigation“, ergänzte Fuchs.

Außerdem rechnet der OHB-Chef damit, dass nach der Coronakrise für die Staaten die Haushaltsdisziplin eine untergeordnete Rolle spielen wird. Viel wichtiger sei dann, mit I­nvestitionen die Wirtschaft anzukurbeln. „Davon wird auch die Raumfahrt profitieren“, ist sich Fuchs sicher. Derzeit beschäftigt OHB 2900 Mitarbeiter, davon 2400 in Deutschland. Mit zusätzlichen Arbeitsplätzen sei zu rechnen. Damit ist das Unternehmen hinter Airbus Defence and Space und Thales Alenia Europas drittgrößter Raumfahrtkonzern.

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Zu den Projekten, die noch nicht so rundliefen wie anfangs erhofft, zählt Fuchs den Übergang von der europäischen Trägerrakete Ariane 5 zur Ariane 6. Die Aufträge für das neueste Modell, an dessen Bau die OHB-Tochter MT Aerospace beteiligt ist, seien bisher überschaubar. In einem Jahr sollen die ­ersten Serienmodelle fertig sein.

Raketenstarts in Französisch Guayana vorerst ausgesetzt

Gänzlich unberührt bleibt der Raumfahrtkonzern dann allerdings doch nicht vom Coronavirus. Das liegt zum einen daran, dass wegen der sich ausbreitenden Krankheit in Französisch Guayana die Raketenstarts der Ariane vorerst ausgesetzt sind. Die Pandemie-Vorschriften am europäischen Weltraumbahnhof in Kourou verbieten die Starts. Aus diesem Grund kann der von OHB gebaute Mikrosatellit ESAIL nicht wie geplant in der kommenden Woche starten. Er dient der Ortung von Schiffen. Es betrifft aber auch die OHB-Jahreshauptversammlung am 26. Mai. Anfang April will der Aufsichtsrat entscheiden, ob es dabei bleibt oder ob der Termin mit dem traditionellen Spargelessen verschoben werden muss.

Bisher war der Name Corona für Marco Fuchs jedoch, zumindest was das Thema Weltraum angeht, eher positiv besetzt. Startete doch im Februar in Cape Canaveral die Rakete mit der Sonde Solar Orbiter, an der das Bremer Unternehmen mit seiner schwedischen Tochter mitgearbeitet hat. Die Sonde wird sich nun auf den Weg zur Sonne machen – und soll dabei Erkenntnisse nicht nur über die Korona liefern, sondern auch über das Innere. Dreieinhalb Jahre wird sie unterwegs sein. Wenn sie 2023 ankommen wird, wird sich auf der Erde das Thema Corona hoffentlich erledigt haben.

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