Für die „letzte Meile“ in Bremen Pakete in die Innenstadt per E-Lastenrad

Ein neues Projekt in Bremen soll den Lkw-Lieferverkehr minimieren. Ganze Paletten lassen sich per Lastenrad transportieren. Die Initiatoren hoffen auf zusätzliche Kunden.
23.09.2019, 21:14
Lesedauer: 4 Min
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Pakete in die Innenstadt per E-Lastenrad
Von Florian Schwiegershausen

Marc Logemann vom Bremer Radkurier ist neuerdings bequemer unterwegs als normalerweise. Denn seit zwei Wochen liefert er in der Bremer Innenstadt Pakete mit einem besonderen Lastenrad aus, das von einem Elektromotor unterstützt wird: „Das geht so leicht, dass ich damit problemlos von der Innenstadt nach Blumenthal fahren könnte“, sagte Logemann bei der Vorstellung am Montagmittag.

An diesem Projekt, das die Wirtschaftssenatorin mit 230 000 Euro fördert, sind das Logistikunternehmen Hellmann beteiligt, die Entwicklungsgesellschaft des Güterverkehrszentrums (GVZ) sowie die Deutsche GVZ-Gesellschaft und das Unternehmen Rytle. Die Bremer Firma stellt diese E-Lastenräder her und arbeitet bereits in Städten wie Hamburg, München und Oldenburg mit den großen bekannten Paketdienstleistern zusammen. Langfristig soll auf diese Weise der Lkw-Lieferverkehr in der Bremer Innenstadt minimiert werden. Marco Schulte von Hellmann Logistics, die im GVZ sitzen, erläutert: „Jeden Morgen fährt ein Lkw, der zuvor die Pakete bei verschiedenen Dienstleistern abgeholt hat, in die Innenstadt an den Sammelpunkt.“ Der steht am Jacobikirchhof zwischen der Martinistraße und der Obernstraße auf Höhe des Angarikirchhofs.

Mehr Unternehmen sollen sich am Projekt beteiligen

Derzeit sind es Pakete für vier Firmenkunden, die ausgeliefert werden. „Wir hoffen und sind uns sicher, dass sich noch mehr Unternehmen an dem Projekt beteiligen werden“, sagt Ralph Sandstedt von der GVZ-Entwicklungsgesellschaft. Das sei auch so gewollt. Denn wenn die Projektphase Ende 2020 auslaufe, solle es sich von selbst tragen. Marco Schulte von Hellmann Logistics nannte für einen weiteren möglichen Projektteilnehmer als Beispiel den Paketdienstleister DPD, der gleich nebenan von Hellmann im GVZ sitzt. Nun ist die Situation so: An jedem Morgen um 8 Uhr fährt der Lkw von Hellmann die Pakete zum Umladepunkt. Hier ist Platz für bis zu neun Europaletten. Auch der Laderaum des Lastenrads ist so lang und breit, dass eine Europalette reinpassen würde. Das unterscheide das Projekt von denen in anderen Städten, die ebenso die Auslieferung auf der letzten Meile per E-Rad versuchen.

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Die morgendliche Beladung mit den Paketen ist laut Schulte nur der erste Schritt: „Im zweiten Schritt liefert der Lkw die Paletten, auf dem die Pakete geladen sind und stellt sie in den Container. Der dritte Schritt wäre dann, dass jeden Morgen der Lkw kommt und den Container mit den vorkonfektionierten Paketen ablädt.“ Dann wären die Pakete also schon bei Hellmann zurechtsortiert.

Von der möglichen Distanz her seien die Fahrten zu schaffen: Da Bremen vergleichsweise flach ist, würden die Akkus ausreichen, um zwischen 50 und 60 Kilometern zurückzulegen. „Danach werden die Akkus dem Rad entnommen und aufgeladen“, erklärt Kristian Schopka vom Bremer E-Lastenradhersteller Rytle. „In Städten wie Stuttgart oder Tübingen, wo es wesentlich hügeliger ist, reichen die Akkus für bis zu 30 Kilometer.“ Etwa 15 000 Euro kostet ein solches E-Gefährt.

Idee schon bekannt

Die Idee, in Bremen Pakete auf der letzten Meile mit einem Lastenrad zu transportieren, ist nicht neu. Bereits vor zwei Jahren hatte sich der Verein „Bremen kommt“ mit solchen Plänen ­beschäftigt. Dort entwickeln Multiplikatoren der Stadt Ideen, die Bremen voranbringen ­sollen. Das Konzept von damals sah vor, dass Pakete bei der Bremer Straßenbahn AG am Flughafendamm gesammelt werden und von dort mit einem Bus per Anhänger an einen Sammelpunkt in der Innenstadt transportiert werden. Von dort sollten die Kuriere per Lastenrad die Pakete zu ihrem Empfänger bringen. Hans-Georg Tschupke, Leiter der Abteilung Industrie und Innovation bei der Wirtschaftssenatorin, sagte dazu: „Das war das erste Projekt, und das hier ist das Nachfolgeprojekt.“ Offiziell nennt es sich nun „Urban-BRE – elektromobile Citylogistik in Bremen“.

Der Paketdienstleister Hermes hatte bereits seit dem Sommer 2018 ein Jahr lang die Paketzustellung per Lastenrad in Berlin getestet. Während Urban-BRE derzeit nur Firmenkunden beliefert, die in Geschäftskontakt zu Hellmann Logistics stehen, lieferte Hermes die Pakete auch an Privatkunden aus. Mit im Boot waren auch die Mitbewerber DHL, DPD und andere Paketdienstleister. Was sich laut einem Hermes-­Sprecher positiv herausstellte: „Die Lasten­räder finden überall in den Straßen Platz.“ Dagegen muss ein herkömmliches Lieferfahrzeug erst einen Platz zum Halten finden. Und der Projektversuch brachte nach Angaben von Hermes einen Nebeneffekt mit sich: „Um die ­Lastenräder zu fahren, konnten wir dafür Studierende und auch Rentner gewinnen, die sich im Nebenjob damit Geld verdienen wollten.“ Dagegen werde es im herkömmlichen Transport immer schwieriger, ausreichend Mitarbeiter zu finden, die als Paketboten ar­beiten.

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Doch bei allen positiven Erfahrungen gibt es auch eine Kehrseite. Was Hermes bei dem Projektversuch dann auch feststellen musste: Die Lastenräder sind verglichen mit den üblichen Paketautos mit Verbrennungsmotor wartungsintensiver, sodass alle zwei bis vier Wochen der Mechaniker ranmusste, um etwas zu reparieren. Aber darum ging es eben auch in diesem Test. Dem Unternehmen sei klar: „Für die letzte Meile ist diese Art der Paketauslieferung die Zukunft – gerade in Zeiten, in denen in immer mehr Städten über eine autofreie Innenstadt nachgedacht wird.“ Die Paketdienstleister stünden dabei vor der Herausforderung, dass sich viele Kommunen bereits Gedanken über diese letzte Meile machten, jede Kommune aber eben anders plane. Die Paketdienstleister könnten wesentlich schneller an die Umsetzung gehen, wenn es seitens der Städte eine standardisierte Planung geben würde.

Laut Hermes wurden die Lastenräder aber durchweg positiv aufgenommen. Diese Erfahrung hat ebenso der Bremer Radkurier Marc Logemann in der kurzen Zeit gemacht, in der er mit seinem Gefährt in der Hansestadt unterwegs war: „Die anderen Radfahrer haben bisher alle freundlich Platz gemacht und reagierten freundlich, wenn ich an ihnen vorbeigefahren bin.“

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