Pilotenausbildung

Bremer Flugschule der Lufthansa droht das Aus

Seit vielen Jahrzehnten bildet die Bundeswehr Flugpersonal in Bremen aus. Doch damit könnte bald Schluss sein. Das könnte auch Folgen für die Lufthansa haben.
21.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Flugschule der Lufthansa droht das Aus
Von Stefan Lakeband
Bremer Flugschule der Lufthansa droht das Aus

Wegen der Corona-Pandemie bleiben die Türen der Lufthansa-Flugschule in Bremen vorerst geschlossen. Mitarbeiter befürchten, dass es für immer so sein kann.

Ingo Wagner /dpa

Die Lufthansa und Bremen sind eng verbunden. Seit mehr als 60 Jahren bildet der Konzern hier seinen Nachwuchs aus. Tausende Piloten haben die Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule absolviert; auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat hier das Fliegen gelernt. Mit dieser Tradition könnte aber bald Schluss sein.

Die Pilotenausbildung ist durch Corona schwer getroffen. Bis mindestens Ende des Jahres gibt es keine Lehrveranstaltungen, 700 aktuelle Pilotenschüler sind in Warteposition. Ob sie der Konzern später überhaupt braucht, ist fraglich. Laut Spohr hat die Lufthansa 900 Piloten zu viel.

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Doch nicht nur die Pandemie bedroht die Existenz der European Flight Academy (EFA), wie die Schule offiziell heißt. Auch eine Entscheidung der Bundeswehr bringt den Standort in Gefahr. Auch sie lässt hier Piloten ausbilden – für die zivile Flugbereitschaft der Bundesregierung, für Transportflugzeuge wie den Airbus A400, aber auch für das Steuern von Drohnen. Dafür bezahlt sie die EFA. Seit vielen Jahrzehnten geht das so. Noch. Ende des Jahres läuft der Vertrag aus.

Wie die Gewerkschaft Verdi und die Vereinigung Cockpit mitteilen, arbeitet das Verteidigungsministerium daran, die Ausbildung von Bremen nach Rostock-Laage zu verlagern. Hier hat die EFA zwar ebenfalls einen Standort, der könne aber günstiger arbeiten. „Der Staat macht durch den Abzug von Aufträgen unser Geschäft kaputt“, sagt Peter Hahn, Fluglehrer bei der EFA und Personalvertreter. Seine Befürchtung: Wenn die Bundeswehr kein Personal mehr zur EFA nach Bremen schickt und auch die Lufthansa für die kommenden Jahre keine neuen Piloten mehr braucht, dann werde der gesamte Standort überflüssig. Laut Monika Kremer, Betriebsratsvorsitzende für das Bodenpersonal, wären davon etwa 150 Beschäftigte betroffen, darunter 35 Fluglehrer.

Auch Vertrag mit All Nippon Airways könnte wegfallen

Neben der Kooperation mit der Bundeswehr gibt es auch eine Zusammenarbeit mit der japanischen Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA) – auch sie lässt Piloten in Bremen ausbilden. Durch den Wegfall des Bundeswehrauftrags würden die Kosten für ANA steigen, sodass auch dieser Vertrag wegfallen könnte.

Die Lufthansa will sich auf Nachfrage nicht zu Verträgen und Verhandlungen äußern. Das Verteidigungsministerium widerspricht dieser Darstellung. Ein Sprecher teilt mit, dass derzeit eine Ausschreibung für die Ausbildung laufe. Dort werde Bremen als Ort "der Leistungserbringung angegeben“. Über eine Verlagerung nach Rostock lägen keine Erkenntnisse vor.

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Aus Mitarbeiterkreisen der EFA ist jedoch eine andere Version zu hören. Demnach habe die Geschäftsführung der Schule bereits kommuniziert, dass man auf diese Ausschreibung nur ein Angebot mit Rostock als Ausbildungsstandort abgeben werde. Andere Bewerber gebe es nicht.

Franz Hartmann, Verdi-Gewerkschaftssekretär in Bremen, sieht die Verlagerung doppelt kritisch. Nicht nur, weil sie die EFA in Bremen gefährden, sondern weil dadurch die Tarifflucht unterstützt würde. „Die Flugschule in Rostock-Laage ist im Gegensatz zu Bremen nicht tarifiert“, sagt Hartmann, die Löhne seien deutlich geringer. „Durch den geplanten Umzug unterstützt die Bundeswehr die Tarifflucht innerhalb des Lufthansa-Konzerns.“

Ein harter Schlag für den Luftverkehrsstandort Bremen

Für den Verdi-Mann ist der mögliche Weggang auch ein harter Schlag für den gesamten Luftverkehrsstandort Bremen. Er befürchtet, dass Bremen dadurch generell an Stellenwert bei der Lufthansa verlieren wird und eventuell Verbindungen von und nach Bremen gestrichen werden. Denn aktuell sorgen die Flugschüler und das Lehrpersonal für zusätzliches Passagieraufkommen. Falle das weg, so Hartmann, könnten auch wichtige Verbindungen zu Drehkreuzen wie München und Frankfurt gestrichen werden. „Bremen könnte so zu einem Flughafen für reine Touristenflieger werden“, prophezeit er. Das werde wiederum vielen Konzernen nicht gefallen, die auf gute Anbindungen angewiesen seien.

Am Mittwoch hat es daher ein Gespräch mit Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) gegeben. Auch bei den Bremer Bundestagsabgeordneten ist das Thema angekommen. „Ich erwarte, dass sich die Bundeswehr zur Flugausbildung in Bremen und damit zu guten Arbeitsbedingungen bekennt“, sagt Sarah Ryglewski (SPD). Das habe sie auch in einem Schreiben an Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) deutlich gemacht. Ryglewski befürchtet ansonsten „weitreichende negative Folgen für den Standort Bremen“.

Elisabeth Motschmann (CDU) bedauert es, „dass die Bundeswehr die Kooperation mit der Verkehrsfliegerschule Bremen beendet“. Für den Luftfahrtstandort Bremen sei das eine weitere tragische Nachricht. Sie fordert: „Die Bremer Landesregierung muss nun dafür Sorge tragen, eine Perspektive für die 150 betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu schaffen.“

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