IT-Standort Bremen Programmiertes Potenzial

Bremen bietet für IT-Unternehmen viele Vorteile. Doch der Fachkräftemangel und das Image der Stadt bremsen das Wachstum der Branche. An diesem Dienstag gibt es eine Diskussion zum Thema IT-Fachkräfte.
12.03.2018, 20:42
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Büntemeyer

Wer nicht aus Bremen kommt, der verbindet die Stadt mit den berühmten Musikanten, vielleicht auch mit Bier, Kaffee und der Luft- und Raumfahrtindustrie – wahrscheinlich aber noch nicht mit der IT-Branche. Bremen ist kein Silicon Valley, hier gibt es keine Berliner Start-up-Szene, die großen Internetunternehmen wie Google, Facebook oder Zalando sind in der Hansestadt noch nicht vertreten. Doch die IT-Branche in Bremen wächst. Und der Standort hat Vorteile für Internetunternehmen.

Einer davon: Die zahlreichen Studenten, die an den Hochschulen der Stadt und Umgebung Fächer wie Informatik und Wirtschaftsinformatik studieren. „Studienabsolventen für unser Unternehmen zu finden, ist in Bremen kein Problem“, sagt Jörg Pieper, Mitglied der Geschäftsführung von Abat, einem SAP-Dienstleister mit weltweit mehr als 600 Mitarbeitern und Hauptsitz in Bremen. Auch Christoph Ranze, Gründer und Geschäftsführer des Softwareunternehmens Encoway, rekrutiert sein Personal aus den Hochschulen der Region. „Ich bin ein absoluter Fan des Standorts, wir haben mehr Absolventen als Nachfrage“, sagt Ranze. Encoway beschäftigt 200 Mitarbeiter in Bremen, dazu kommen Standorte in Zürich, Stuttgart und Indien. Kai Stührenberg, Referatsleiter für Innovation, Digitalisierung und neue Themen beim Wirtschaftssenator, bestätigt: "Es gibt Unternehmen, die nach Bremen kommen wollen, weil sie hier gutes Personal finden."

"Man kennt sich."

Zurzeit schließen allein an der Universität Bremen 200 bis 300 Studenten pro Jahr einen IT-Studiengang ab, dazu kommen Absolventen anderer Hochschulen der Region. Der Informatikbereich an der Universität Bremen ist einer der größten in Deutschland, sagt Andreas Breiter, Direktor des Instituts für Informationsmanagement. Unternehmen und Hochschulen seien zudem eng vernetzt: „Man kennt sich.“ Doch längst nicht alle Absolventen bleiben in Bremen: Wer bei großen Unternehmen wie Google, Microsoft oder Apple arbeiten will, muss außerhalb Bremens suchen. „Wir haben kein Siemens, keine großen Unternehmen in der IT-Branche", sagt Breiter. Laut der Arbeitnehmerkammer gibt es in Bremen 500 Betriebe, die der IT-Branche angehören – die Hälfte davon jedoch nur mit bis zu fünf Beschäftigten.

Ein Problem für Bremer IT-Unternehmen ist es, Fachkräfte mit Berufserfahrung zu finden. Stefan Messerknecht, Vorstand der Multimediaagentur Hmmh, berichtet von Schwierigkeiten, Mitarbeiter aus anderen Regionen anzuwerben. Das kennt auch Jörg Pieper von Abat: „Wir stehen in Konkurrenz mit anderen großen Arbeitgebern in Deutschland.“ Doch nicht nur die Konkurrenz, sondern auch der Ruf der Stadt macht es dem Softwareunternehmen schwer: „Neue Mitarbeiter ziehen uns nicht in Betracht, weil wir in Bremen sitzen, sondern obwohl wir in Bremen sitzen“, erzählt Pieper. „In Gesprächen stellen wir fest, dass der Ruf von Bremen viel schlechter ist als die Realität.“ Die Stadt müsse ihren Ruf verbessern, fordert Pieper. Wenn Kollegen aus Süddeutschland nach Bremen kämen, seien sie immer positiv überrascht.

Kai Stührenberg vom Wirtschaftsressort sieht es als eine zentrale Aufgabe, den Arbeitgeberstandort noch attraktiver zu machen. "Eine andere Aufgabe für die Zukunft ist es, dass wir noch mehr Leute in den Studiengängen ausbilden können. Das ist Kern der Strategie des Wirtschaftsressorts."

Mehr Gründungen im IT-Bereich nötig

Encoway-Geschäftsführer Christoph Ranze sieht den Mangel an IT-Fachkräften nicht als exklusives Bremer Problem. IT-Fachkräfte mit Berufserfahrung sind in ganz Deutschland schwer zu finden, sagt er. Das liege daran, dass durch die Digitalisierung die Nachfrage nach Experten seit Jahren steige, aber die Zahl der Ausbildungs- und Studienabsolventen gleich geblieben sei. Eine Studie des Digitalverbands Bitkom zeigt, dass im vergangenen November bundesweit 55 000 Stellen für IT-Fachkräfte unbesetzt waren. Die Zahl der freien Stellen steigt seit Jahren kontinuierlich. Christoph Ranze wundert sich darüber nicht: „Wie kann es Leute mit zehn Jahren Erfahrung geben, wenn früher nicht mehr ausgebildet wurde?“

Bremer Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, um IT-Fachkräfte zu halten oder erst nach Bremen zu holen. Die Multimediaagentur Hmmh setzt auf Ausbildung im eigenen Betrieb: Ab August bietet das Unternehmen mit 300 Mitarbeitern als eines der ersten in Deutschland die Ausbildung zum Kaufmann oder zur Kauffrau im E-Commerce an. Auch Encoway investiert in den Nachwuchs: „Wir übertragen sehr früh Verantwortung“, sagt Geschäftsführer Ranze. "Wir haben 40 Studenten im Haus, das sind keine billigen Arbeitskräfte, sondern Kollegen von morgen.“ Beim Softwareentwickler Abat dürfen Mitarbeiter ihren Arbeitsort frei wählen – sie sind nicht auf Bremen festgelegt. Das sei für viele Bewerber attraktiv, sagt Pieper.

Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist die Zahl der Angestellten in der Bremer IT-Branche um 60 Prozent gestiegen: Mitte 2017 gab es 7948 Angestellte, berichtet Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer. Obwohl die IT-Branche wächst, müsse die Stadt noch viel tun, um zukunftsfähig zu sein, sagt Heyduck. „Bremen ist kein Hot-Spot der IT, wir haben aber gute Voraussetzungen durch Logistik, den Hafen, die Industrie und den Handel.“ Für den IT-Standort ist es laut Heyduck zudem wichtig, dass mehr Betriebe vor Ort Forschung betreiben. Derzeit haben viele hochtechnologische Unternehmen wie etwa Airbus dem Wissenschaftler Andreas Breiter zufolge keine Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Bremen.

Um die Branche voranzubringen, müssen laut Elke Heyduck von der Arbeitnehmerkammer vor allem Gründungen in Bremen stärker gefördert werden. „Wir haben im IT-Bereich viel weniger Gründungen als andere Städte“, sagt die Geschäftsführerin. "Und wir müssen die Unternehmen, die wir haben, gut pflegen."

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