Suche nach dem richtigen Mittel

Was ein Rabatt-Verbot im Online-Handel für Bremens Apotheken bedeutet

Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) startet einen neuen Versuch bei der EU, Onlineapotheken Rabatte für die Kunden zu verbieten. Was das für Bremens Apotheken bedeutet, erläutert Kammer-Präsident Scholz.
16.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Was ein Rabatt-Verbot im Online-Handel für Bremens Apotheken bedeutet
Von Florian Schwiegershausen
Was ein Rabatt-Verbot im Online-Handel für Bremens Apotheken bedeutet

Notfalls auch das richtige Mittel gegen Schlangenbisse: Vor-Ort-Apotheken haben einen Versorgungsauftrag, den Onlineversender so laut Kammer-Präsident nicht haben.

Jan Woitas/DPA

Bereits seit vergangenem August will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Versandapotheken, die aus dem Ausland agieren, Rabatte für ihre Kunden verbieten. Auf diese Weise will er im Sinne der Präsenzapotheken eine Preisbindung für Arzneimittel erreichen. Doch dagegen hat die EU-Kommission etwas. Deshalb liegt das geplante Gesetz dazu bisher auf Eis. Vergangenen Freitag hat Spahn dazu mit dem zuständigen EU-Binnenkommissar Thierry Breton per Videokonferenz gesprochen.

Das Ergebnis dieser Unterredung soll laut Spahn aber nicht an die Öffentlichkeit kommen. So hatte er es zumindest der „Deutschen Apothekerzeitung“ gesagt. Experten gehen daher davon aus, dass sie die Politiker nicht einigen konnten. Dem Vernehmen nach will Spahn das Thema am liebsten vom Tisch haben, bevor Deutschland zum 1. Juli die Ratspräsidentschaft in der EU übernimmt. Es bleiben also noch zwei Wochen Zeit.

Laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2016 dürfen die ausländischen Versandanbieter bei Arzneien ihren Kunden Rabatte gewähren. Die EU-Kommission sah hier bisher auch eine Art Ausgleich dafür, dass sie einen erschwerten Marktzugang nach Deutschland hätten.

Lesen Sie auch

Sollte es bei den Rabatten bleiben, befürchtet Bremens Apothekerkammer-Präsident Klaus Scholz negative Auswirkungen für die Zahl der Apotheken in der Hansestadt. Laut Scholz liegt sie im Bremer Stadtgebiet bei 96. 2014 waren es noch 101. Was die zunehmende Konkurrenz durch die Onlineanbieter in Zahlen bedeutet, beschreibt Scholz so: „Mehr Apotheken werden es auf alle Fälle nicht. Bundesweit schließt pro Tag eine Apotheke.“ Allerdings, sagt der Apothekerkammer-Präsident, sei Bremen noch immer gut versorgt.

Dabei kommt Scholz auch direkt auf den Unterschied zwischen den Versand- und den Präsenzapotheken zu sprechen: „Wir haben einen Versorgungsauftrag. Wenn der Onlinehandel uns die Patienten wegschnappt, die in Dauerbehandlung sind, wie beispielsweise diejenigen, die Herz-Kreislauf-Mittel benötigen, dann ist das das Brot-und-Buttergeschäft.“ Gerade diese Patienten können planen, zu wann sie ein neues Paket benötigen, aber ohne sie wird es für Scholz und seine Kollegen schwieriger.

Lesen Sie auch

Die Lieferdauer bei einer Versandapotheke könne bis zu mehreren Tagen dauern, sagt Scholz: „Und wenn man in Ecken wohnt, wo man nicht jeden Tag Post erhält, dauert es eben länger.“

Scholz und andere Apothekerkollegen in Bremen nutzen das Internet zumindest für den Präsenzverkauf: „Über die Internetseite können Sie sehen, ob das Mittel verfügbar ist. Das hilft den Kunden, damit sie wissen, dass ihr Weg nicht umsonst war.“ Dabei wird der Onlinekauf immer beliebter. Laut der aktuellsten Studie des Digitalverbands Bitkom kauft knapp jeder Zweite seine Medikamente in einer Onlineapotheke. Im Jahr 2017 war es noch jeder dritte Kunde. Die Umfrage diente dem Verband als Argument, dass Spahns Gesetz zur Stärkung der Apotheken vor Ort am Bedarf der Patienten vorbeiginge.

Olaf Heinrich, Vorstandsvorsitzender des Onlineversenders Docmorris, hatte bereits im vergangenen Jahr gesagt, dass er gegen Spahns geplante Gesetzesänderung alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen werde. Dabei kündigte er wie schon in der Vergangenheit an, eine stärkere Kooperation mit den Vor-Ort-Apotheken anzustreben. Eine Reaktion auf die Versandhändler könnten für die Präsenzapotheken längere Öffnungszeiten sein – keine Apotheke in der Bremer Innenstadt hat regulär bis 20 Uhr geöffnet, auch nicht am Hauptbahnhof.

In Hannovers Hauptbahnhof hat die Apotheke dagegen regulär bis 22 Uhr geöffnet. Dazu sagt Scholz: „Wir Apotheken leben ja größtenteils von Rezepten. Und eine ‚Lauf-Apotheke‘ lohnt sich nur dort, wo auch Lauf-Kundschaft ist.“ Das sei nach 19 Uhr in der Bremer Innenstadt eben schwierig. In diversen Bremer Einkaufszentren haben die Apotheken bis 20 Uhr geöffnet. Scholz erklärt auch den Unterschied zu anderen Geschäften: „In einem Modeladen reicht zu fortgeschrittener Uhrzeit vielleicht eine Arbeitskraft. In der Apotheke sind mindestens zwei vorgeschrieben, wovon eine Person Apotheker sein muss. Das ist also ein gewisser Preis, den wir haben.“

Zumindest teilt Scholz mit den Versandapotheken eine Gemeinsamkeit: Für alle bringe das neue E-Rezept Erleichterung: „Der Arzt hat alles im Computer und druckt es auf Papier. Damit kommt der Patient zu uns in die Apotheke und bekommt sein Medikament. Anschließend nehmen wir das Rezept und digitalisieren es wieder für unsere Abrechnung.“ Letzterer Schritt wäre sowohl für die Vor-Ort-­Apotheken als auch für die Onlineanbieter mit der Einführung überflüssig.

++ Dieser Artikel wurde am 17.06. um 15.30 Uhr aktualisiert ++

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+