Raumfahrt in Europa

Wie Bremen von den neuen Plänen der Esa profitieren kann

Der neue Esa-Chef verkündet große Ziele für die europäische Raumfahrt. Hinter den Kulissen herrscht aber offenbar Uneinigkeit – vor allem zwischen Frankreich und Deutschland.
17.04.2021, 05:00
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Wie Bremen von den neuen Plänen der Esa profitieren kann
Von Stefan Lakeband
Wie Bremen von den neuen Plänen der Esa profitieren kann

Europas Raumfahrt soll Weltspitze werden, fordert der neue Esa-Chef. Die Ariane 6 steht jedoch schon lange vor ihrem Erstflug im kommenden Jahr in der Kritik.

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Es ist wohl die Regel, dass ein neuer Chef ein paar Änderungen vornimmt. Vielleicht ein neuer Schreibtisch hier, eventuell ein paar andere Arbeitsabläufe dort. Was Josef Aschbacher, seit März Generaldirektor der europäischen Raumfahrtagentur Esa, nun angekündigt hat, geht aber über das übliche Maß hinaus. Er hat der Esa eine neue Marschrichtung vorgegeben. Das Ziel: ganz oben mitzumischen.

„Wir als Europäer müssen den Ehrgeiz haben, dass unser Raumfahrtprogramm und unsere Raumfahrtagentur zur Weltspitze gehören und weltweit führend sind“, heißt es in einem Papier, in dem der Österreicher die Ziele für die kommenden Jahre aufgezeigt hat. Wie der Weg dorthin aussehen soll, steht für den 58-Jährigen auch schon fest. „Europa muss meiner Meinung nach eine ernsthafte Debatte darüber führen, wo es in den nächsten zehn bis 15 Jahren stehen will“, sagte Josef Aschbacher bei der Vorstellung seiner Agenda. Ein erster Schritt soll ein im kommenden Jahr stattfindender Weltraumgipfel sein, an dem europäische Spitzenpolitiker teilnehmen sollen.

Letztlich gehe es auch ums Geld. Europa müsse sich immer auch mit den USA oder China vergleichen, wo die Investitionen in die Raumfahrt deutlich höher seien, so Aschbacher. „Die Art und Weise, wie Unternehmen im Silicon Valley arbeiten, ist sehr faszinierend und ziemlich inspirierend. Aber man kann das Silicon Valley nicht nach Europa verpflanzen“, sagte der Esa-Chef. Trotzdem müsse mehr Geld aus privater Hand in Europas Raumfahrt fließen.

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In Bremen stößt dieser Vorstoß auf Zuspruch. „Die Esa unter Josef Aschbacher wird Europa unter der neuen Strategie wieder auf Augenhöhe mit China und den USA bringen“, schreibt OHB-Chef Marco Fuchs in einem Beitrag auf der Unternehmenswebsite. In Europa gebe es viele gut ausgebildete Menschen. „Damit diese Talente auch bei europäischen Raumfahrtunternehmen bleiben und nicht nach kurzer Zeit den Rufen des Silicon Valley erliegen, muss auch mehr Geld für Start-ups und gute Ideen fließen.“

Fuchs begrüßt daher auch die Idee Aschbachers, die Esa selbst als Ankerkunden und -investor auftreten zu lassen, der sich an vielversprechenden Start-ups beteiligt. „Denn leider fehlen uns in Europa große Geldgeber wie Elon Musk oder Jeff Bezos, die Milliarden ihres eigenen Vermögens in Raumfahrtfirmen investieren.“ Junge, aufstrebende Firmen müssten unbürokratisch die Hilfe bekommen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Fuchs hat mit der Rocket Factory Augsburg selbst so ein Weltraum-Start-up im OHB-Konzern.

Auch der Bremer Koordinator für Raumfahrt, Siegfried Monser, sieht die neue Esa-Agenda positiv. „Alle Bereiche der Raumfahrt, die für Bremen wichtig sind, werden von ihr abgedeckt“, sagt er. Chancen sieht Monser in dem neuen Projekt, das neben dem Erdbeobachtungsprogramm Copernicus und dem Satellitennavigationssystem Galileo das dritte Aushängeschild der europäischen Raumfahrtpolitik werden soll. So plant die Europäische Union bereits eine eigene Satellitenkonstellation, die Europa mit Internet aus dem All versorgen soll. Denkbar wäre, dass die EU diesem Projekt besondere Bedeutung zukommen lässt. „Bremen könnte hierzu viel beitragen“, sagt der Raumfahrtkoordinator. OHB ist bereits mit einer vorbereitenden Studie daran beteiligt.

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Neben dieser Aufbruchstimmung scheint es aber Unstimmigkeiten in der europäischen Raumfahrtpolitik zu geben. Vor allem Frankreich und Deutschland sind sich uneins. „Frankreich will das Monopol bei Trägerraketen, bei Satelliten, bei der Abschussrampe“, sagte Markus C. Kerber, Professor für öffentliche Finanzwirtschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin mit Gastprofessur an der Universität Paris II, kürzlich der „Wirtschaftswoche“. Deutschland dagegen wünsche sich mehr Wettbewerb.

In der Bundesrepublik gibt es gleich mehrere Start-ups wie die Rocket Factory Augsburg, die günstige Raketen im Kleinstformat entwickeln. Die sollen zwar eine andere Kundengruppe ansprechen als die großen Ariane-Raketen. Ihnen wird aber das Potenzial zugeschrieben, den Markt durcheinander bringen zu können. Angefeuert werden solche Szenarien vom Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung. Thomas Jarzombek (CDU) fordert seit einiger Zeit mehr Wettbewerb in der europäischen Raumfahrtpolitik und stößt damit auch auf Widerstand.

Stéphane Israël, Chef von Arianespace, der Firma, die unter anderem die Starts der Ariane-Raketen anbietet, warnte kürzlich vor einer Spaltung. Es dürfte nicht darum gehen, „eine Konkurrenz für Ariane und Vega zu schaffen“, sagte er der französischen Zeitung „Le Figaro“. Seine Sorge: Dass aus den sogenannten Microlauncher irgendwann große Raketen werden. So eine Entwicklung habe man bereits bei SpaceX und dem Anbieter Rocket Lab gesehen. "Die deutsche Führung ist vollkommen legitim“, sagt Israël. Die Voraussetzung sei jedoch, dass sie die europäische Strategie und die Raketen von Arianespace ergänzten.

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Zur Sache

China beginnt Bau von Raumstation

China will in den nächsten Wochen mit dem Bau seiner Raumstation beginnen. Drei Raumflüge sind dafür bis voraussichtlich Juni geplant. Noch vor Ende April erwarten Beobachter den Start des Kernmoduls der geplanten Raumstation Tianhe (Himmlische Harmonie). Die Rakete wurde bereits zum Raumfahrtbahnhof Wenchang auf der südchinesischen Insel Hainan gebracht. Ähnlich wartet auch das Cargo-Raumschiff Tianzhou-2 in Hainan auf den Start, der anschließend im Mai erfolgen könnte. Insgesamt sind elf Missionen bis 2022 geplant, um die Raumstation zusammenzubauen.

Neben der internationalen Raumstation ISS wäre es der zweite ständige Außenposten im All. Wenn die ISS wie nach russischen Angaben geplant 2030 ihren Dienst einstellen sollte, würde China als einzige Nation eine Raumstation betreiben. Das Kernmodul hat ein Gewicht von rund 22 Tonnen. Die gesamte Station soll am Ende aus drei Modulen bestehen und 66 Tonnen wiegen. Tianhe wäre damit kleiner als die ISS mit 240 Tonnen. Drei Astronauten sollen jeweils bis zu drei Monate an Bord bleiben können.

Nach dem Start des Kernmoduls soll das Cargo-Schiff andocken und Treibstoff und andere Versorgungsgüter verladen. Danach sollen die drei Astronauten den Erwartungen nach voraussichtlich im Juni mit Shenzhou 12 zur Raumstation fliegen.

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