Finanzinvestor kauft Metro-Tochter

Real steht vor der Zerschlagung

Ob Real-Märkte in Bremen und umzu schließen sollen, ist noch unklar. Die Real-Betriebsratsvorsitzende vom Markt an der Duckwitzstraße kritisiert auch, dass sie und die Kollegen Infos nur über Medien erhalten.
20.02.2020, 06:30
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Ivonne Wolfgramm und Erich Reimann
Real steht vor der Zerschlagung

Das Namenslogo leuchtet auf dem Dach eines Real-Marktes. Nach dem Verkauf der Supermarkt-Kette sollen nicht alle Filialen weitergeführt werden.

Oliver Berg /dpa

Die Stimmung bei den Mitarbeitern der Real-Märkte in Bremen ist durchwachsen. „Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht“, sagt Susanne Meister über den Verkauf der Supermarktkette. Sie ist die Betriebsratsvorsitzende von Real an der Duckwitzstraße in der Bremer Neustadt. Am Dienstagabend wurde bekannt, dass Metro nach mehr als zwei Jahren Suche für die Real-Märkte mit dem Finanzinvestor SCP einen Käufer gefunden hat. Insgesamt sind 34.000 Beschäftigte, 276 Filialen, 80 Immobilien und der Online-Shop von der Übernahme betroffen.

Alleine in Bremen und umzu sind fünf Märkte angesiedelt: in der Duckwitzstraße, in Habenhausen, der Vahr, in Ritterhude-Ihlpol und Groß Mackenstedt. Zudem gibt es jeweils in Bremerhaven und Oldenburg zwei weitere Häuser. Im Vergleich zu anderen Großstädten ist die Dichte von Real-Märkten in der Hansestadt recht hoch.

Lesen Sie auch

Für Susanne Meister, die seit 1984 am Standort an der Duckwitzstraße tätig ist, ist es der dritte Verkauf, den sie miterlebt. Als sie damals anfing, war es noch Wertkauf, dann übernahm der US-Konzern Walmart, und als sich die Kette 2006 aus Deutschland zurückzog, wurde daraus Real. Den Verkauf nun hat Meister bereits 2018 vorausgesehen. Als sie und viele andere Real-Mitarbeiter damals auf dem Marktplatz gegen den Ausstieg des Unternehmens aus dem Tarifvertrag demonstrierten, sagte sie: „Da soll die Braut wohl aufgehübscht werden.“ Durch die niedrigen Löhne sollten die Kosten zwecks Verkaufs gesenkt werden, war die Mutmaßung. Nun ist es so weit gekommen. „Und wir wissen aktuell nicht mehr, als das, was in den Medien steht“, sagt Meister im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Alles, was sie sonst sagen könne, wäre reine Spekulation.

SCP will Real nach der Übernahme zerschlagen, wie der Finanzinvestor und Metro nach Vertragsunterzeichnung in der Nacht zum Mittwoch gemeinsam per Mitteilung bekräftigten. Ein Großteil der 276 Real-Märkte soll an Wettbewerber wie Kaufland, Edeka oder Globus gehen. Nur ein Kern von 50 Filialen soll noch 24 Monate unter dem Namen Real weitergeführt werden. Rund 30 Filialen sollen mangels Perspektiven geschlossen werden. Ob von der Schließung auch Bremer Standorte betroffen sind, kann Meister nicht sagen. Auch, ob es nach der Übernahme bei dem Vollsortiment von rund 70.000 Produkten bleibt, oder ob es zu einer Neustrukturierung kommt, bleibt vorerst offen. Doch eines ist sich die Betriebsratsvorsitzende gewiss: „Veränderung kostet immer Leute.“

Leiden unter den veränderten Einkaufsgewohnheiten

Die Supermarktkette Real war zuletzt das Sorgenkind bei dem Düsseldorfer Handelsriesen und hatte im Geschäftsjahr 2018/19 für tiefrote Zahlen bei der Metro gesorgt. Die meist auf der grünen Wiese gelegenen Hypermärkte litten seit Jahren unter den veränderten Einkaufsgewohnheiten in Deutschland. Immer öfter ließen die Kunden die Hypermärkte links liegen und kauften lieber in Supermärkten und bei Discountern in ihren Wohnvierteln. Unabhängig vom Verkauf der Metro-Tochter muss sich der Einzelhandel laut Meister auch anderen Herausforderungen stellen. „Die neue Technik bedroht den Einzelhandel.“ Der Onlinehandel und der demografische Wandel sorgen dafür, dass es die Branche schwer hat. Denn diese werde zunehmend unattraktiver für Arbeitnehmer. „Es stehen also viele Fragezeichen in der Luft“, betont die Betriebsratsvorsitzende.

SCP-Group-Chefin Marjorie Brabet-Friel kündigte an, der Finanzinvestor werde versuchen, „Schließungen und Entlassungen so weit wie möglich zu vermeiden“. Doch hänge das weitere Vorgehen von SCP auch vom künftigen Engagement der anderen Beteiligten, von den Mitarbeitern, Betriebsräten und Gewerkschaften über die Politik bis hin zu den Vermietern ab. Der Vertrag muss noch vom Aufsichtsgremium der russischen Sistema PJSFC genehmigt werden, die die Finanzierung sicherstellt. Sistema teilte mit, dass man dafür bis zu 263 Millionen Euro zur Verfügung stelle. Auch die Kartellbehörden müssen noch zustimmen.

Lesen Sie auch

Metro erwartet durch den Verkauf einen Netto-Mittelzufluss in Höhe von rund 300 Millionen Euro. Das sind 200 Millionen Euro weniger als noch vor wenigen Monaten erhofft. Metro-Chef Olaf Koch zeigt sich erleichtert, dass der größte Teil der Real-Standorte nach den Plänen des Käufers auch in Zukunft weiter für Einzelhandel genutzt werden soll.

Der Zusammenhalt bei den Real-Mitarbeitern in Bremen sei da. Susanne Meister hat nicht den Eindruck, dass derzeit übermäßig viele Kollegen aufgrund der aktuellen Situation kündigen. Auch wenn sie nicht ausschließen kann, dass einige doch nach anderen Stellenangeboten suchen. „Eine gewisse Fluktuation ist immer da.“ Ob sie und die anderen Mitarbeiter der Warenhaus-Kette wieder auf die Straße gehen werden, so wie es vor zwei Jahren der Fall war, weiß Meister noch nicht.

Anforderungen an die neuen Eigentümer

Sollte sich der Verkauf allerdings ungünstig für die Angestellten darstellen, werde sie auf jeden Fall dagegen angehen. Die energische Frau hat jedoch schon klar Anforderungen an die neuen Eigentümer. „Es muss deutliche Ansagen und einen vernünftigen Umgang mit den Mitarbeitern geben.“ Dazu zählt sie unter anderem die Anwendung und Umsetzung von Arbeitnehmerschutzgesetzen sowie eine faire Behandlung der Mitarbeiter, die versetzt oder gekündigt werden.

Auch die Gewerkschaft Verdi sieht die Zerschlagung von Real kritisch. „Tausende Arbeitsplätze werden gestrichen, während parallel die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel geschliffen werden“, sagt Tobias Uelschen von Verdi in Bremen. Ebenso liegen der Gewerkschaft keine weiteren Infos vor. Das könne bis Mai oder Juni dauern, bis der Verkauf abgeschlossen ist und der neue Eigentümer Details über die Zukunft von Standorten und Beschäftigten nennt. „Dass das Unterschreiben des Kaufvertrages durch den Aufsichtsrat so lange hinausgezögert wird, sorgt bei uns und den Betriebsräten für Unruhe“, sagt Uelschen weiter.

Lesen Sie auch

Info

Zur Sache

Warnung der Verbraucherzentrale

Mit dem Bonusprogramm „RealPro“ erhalten Real-Kunden derzeit 20 Prozent Rabatt auf verschiedene Artikel, die nicht unter den Wochenangeboten sind – für 69 Euro im Jahr. Die Verbraucherzentrale Bremen sieht das kritisch: „Solange Einzelheiten des Real-Verkaufs nicht bekannt sind, können wir nur davon abraten, sich jetzt langfristig an diesen Anbieter durch Teilnahme an Kundenbindungsprogrammen wie „RealPro“ zu binden.“ Erst wenn Verbraucher die versprochenen Rabatte künftig auch tatsächlich realisieren können, ließe sich das Ziel derartiger Programme erreichen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+