Interview mit Reisebüro-Inhaber

„Wir verdienen keinen Cent“

Die Reisebüros in Deutschland stehen vor dem Nichts. Matthias Preusche, der in Achim und Bremen zwei Reisebüros betreibt, schildert im Interview, welche Probleme seine Branche hat.
20.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir verdienen keinen Cent“
Von Silke Hellwig
„Wir verdienen keinen Cent“

Matthias Preusche fühlt sich als Reisebüro-Inhaber von der Politik im Stich gelassen. Die Lage in seiner Branche sei dramatisch.

Frank Thomas Koch

Herr Preusche, wie ist Ihre Lage?

Matthias Preusche: Die Situation der Reisebüros ist dramatisch. Seit Wochen liegt unser Geschäft am Boden. Fast alle stecken in großen finanziellen Schwierigkeiten, etwa die Hälfte hat bereits Insolvenz angemeldet.

Obwohl die Reisewarnungen bis zum 15. Juni für Europa aufgehoben werden sollen?

Ja, die Unsicherheit ist noch gigantisch groß. Es gibt noch viele offene Fragen, aber kaum Antworten. Niemand weiß sicher, ob er, wenn er aus dem Urlaub zurückkommt, erst einmal in Quarantäne muss. Niemand weiß, was ihn im Urlaubsland erwartet. Wer will schon mit Mundschutz am Strand liegen oder an einem Tisch mit Plexiglasscheiben zu Abend essen?

Haben Sie nicht den Eindruck, dass die Bundesregierung Interesse daran hat, dass die Deutschen wieder reisen können und man auch wieder nach Deutschland reisen kann?

Ich bin nicht sicher, ob es in diesem Jahr gelingt, Touristen aus dem Ausland nach Deutschland zu lotsen. Das geben die Kapazitäten gar nicht her, zumal die Deutschen ja selbst aufgefordert werden, in diesem Jahr Urlaub im eigenen Land zu machen. Schon jetzt ist es schwer, am Meer oder in den Bergen noch eine bezahlbare Unterkunft zu finden.

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Aber der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Ja, das ist er, aber das wird leider oft unterschätzt. Rund 100 0000 Arbeitsplätze sind allein in den Reisebüros bedroht. Aber weil es sehr viele kleine Büros und sehr viele Inhaber gibt, hat diese Branche keine starke Lobby und keine laute Stimme in dieser Krise. Wir werden im Regen stehen gelassen.

Es gibt doch sicher Branchenverbände, die für Sie und Ihre Kollegen eintreten.

Ja, natürlich, wir haben mehrere Verbände. Wir haben ja auch schon einiges unternommen, dazu gehören Online-Petitionen und Protestaktionen unter dem Motto „Rettet die Reisebüros“. Auch in Bremen auf dem Marktplatz haben wir auf unsere Lage aufmerksam gemacht. Aber das hat bislang zu keiner konkreten Hilfe geführt.

Es gab eine Gutschein-Lösung . . .

Das hätte uns nicht geholfen, sondern das Problem in die Zukunft geschoben. Statt Geld umgehend zurückzuzahlen, hätte man es später nicht eingenommen. Unter dem Strich hätte uns das wenig gebracht.

Wie ist das überhaupt: Wer bleibt auf den Kosten sitzen, wenn die Reisen abgesagt werden?

In erster Linie wir, die Reisebüros. Die Arbeit, die in den vergangenen sechs bis zwölf Monaten geleistet wurde, wird nicht bezahlt, denn wir machen sie für die Reiseveranstalter. Schon vor einem Jahr wurden Reisen für diesen Sommer gebucht, die jetzt ausfallen. Wir sind auf Kreuzfahrten spezialisiert, die kann man auch schon zwei bis zweieinhalb Jahre im Voraus buchen. Seit Ende Februar bis mindestens zum Juni werden aber derzeit alle Reisen abgesagt und rückabgewickelt. Das heißt: Wir verdienen keinen Cent, nicht durch die Buchung, nicht durch die Beratung und nicht durch die Rückabwicklung. Wir haben also die doppelte bis dreifache Arbeit und null Ertrag, müssen aber das Personal und die Miete bezahlen. Obendrein haben wir Geld für Werbung ausgegeben, das wir nicht erstattet bekommen. Gleichzeitig gibt es keine neuen Buchungen, weder last minute für diesen Sommer noch für den Winter, sodass sich unsere Krise bis ins nächste Jahr verlängern wird. Eine solche Dramatik gibt es in keiner anderen Branche.

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Warum finden Sie in der Politik kein Gehör?

Ich glaube, viele Politiker, aber auch viele Kunden wissen nicht, wie das Vergütungssystem in Reisebüros funktioniert. Ihnen ist nicht klar, dass wir in dieser Lage besonders schlecht dastehen und dringend Hilfe brauchen, es sei denn, man nimmt in Kauf, Tausende Arbeitsplätze zu vernichten.

Wie funktioniert das System?

Wir bekommen acht bis zehn Prozent Provision auf den Umsatz, aber nur wenn die Reise stattfindet und meistens erst im Nachhinein. Und wenn sie vorher gezahlt wurde, müssen wir sie erstatten, wenn die Reise ausfällt.

Und was ist mit Stornogebühren?

Selbst wenn es dazu kommt, dass der Kunde storniert, und nicht der Veranstalter, wie es überwiegend der Fall ist, bekommen die Stornogebühren nicht wir, selbst wenn wir die Stornierung abwickeln, sondern der Veranstalter.

Halten Sie das durch?

Wir haben – wie andere Unternehmen auch – Einmalhilfe in Anspruch nehmen können und Kurzarbeit angemeldet. Das reicht hinten und vorne nicht. Die Einmalhilfe hat bei uns nicht einmal die Kosten eines Monats gedeckt. Wir könnten den Laden natürlich zumachen und die Kunden ihrem Schicksal überlassen, aber wir wollen sie nicht im Stich lassen, obwohl wir dafür nichts bekommen. Es ist eine sehr lange Durststrecke, und ich halte das durch, weil wir Rücklagen gebildet haben und ich mein eigenes Geld einsetze. Aber die meisten Reisebüroinhaber können sich das nicht leisten. Das heißt, wir befinden uns in einer Phase des großen Reisebürosterbens.

Buchen viele Menschen nicht schon online?

Sicher, das tun viele. Aber die meisten Reisen werden über das Reisebüro gebucht, weil viele nicht auf eine Beratung, auf eine gewisse Sicherheit und auf Ansprechpartner verzichten wollen. Natürlich kann man darüber streiten, ob es Reisebüros geben muss, aber mit ihnen verschwindet ein Mehrwert für die Kunden. Den Online-Anbietern geht es im Übrigen genauso schlecht wie uns.

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Haben Sie die Hoffnung, dass die reisehungrigen Deutschen in den nächsten Jahren deutlich mehr verreisen und dieses Jahr ausgeglichen werden kann?

Das steht in den Sternen. Experten vermuten, dass Reisen zunächst auch erst einmal günstiger werden müssen, damit Menschen überhaupt wieder zu gewinnen sind. Und niemand weiß, wie sich die Pandemie entwickelt. Ich habe keine Hoffnung, dass wir dieses Jahr kompensieren können.

Was erhoffen Sie sich?

Zum einen erhoffe ich mir eine Soforthilfe, um die verbliebenen Reisebüros am Leben zu erhalten. Derzeit wird über einen Rettungsfonds geredet in Form sehr langfristiger Kredite. Das wäre eine Lösung, aber er muss schnell kommen, es ist schon viel zu viel Zeit verloren gegangen. Zum anderen wünsche ich mir, dass Kunden mehr Verständnis für die Lage der Reisebüros haben. Denn nicht wir sind diejenigen, die die Kosten der Reise zurückerstatten, das müssen die Veranstalter tun. Wir sind die Vermittler, nicht der Vertragspartner. Wir bekommen aber trotzdem den Frust ab, wenn die Rückabwicklung stockt. Bevor Kunden mit dem Anwalt drohen, wäre ich dankbar, wenn sie sich in die Lage der Menschen in unserer Branche versetzten. Aber ich will nicht nur klagen: Wir bekommen auch viele sehr nette Mails und haben sehr geduldige Kunden. Kürzlich hat uns eine Kundin ausdrücklich um eine Rechnung für die Beratung gebeten, weil sie wisse, in welcher schwierigen Lage wir seien. Auch das gibt es und ist sehr rührend.

Ihre Branche wird auch selbst aus dieser Krise lernen müssen, oder?

Auf jeden Fall. Die Branche ist aufgewacht. Wir haben in der Vergangenheit Fehler gemacht und uns auf den stetig wachsenden Markt verlassen. Wir werden neue Verträge mit den Veranstaltern aushandeln müssen. Es kann nicht sein, dass wir die Arbeit für die Veranstalter machen, ohne dafür vergütet zu werden, und wir werden auch über Beratungsgebühren nachdenken müssen.

Info

Zur Person

Matthias Preusche machte vor 35 Jahren eine Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann. Er war Angestellter, bevor er sich vor 25 Jahren in Achim mit einem Reisebüro selbstständig machte. Ein weiteres Büro in Bremen kam vor zehn Jahren dazu.

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