Innovation für den Neustart

Bremer entwickelt Reservierungs-Tool für Gastronomie

Freiwillige Meldekette: Ein neuer Assistent soll Bremer Gastronomen bei der Wiedereröffnung ihrer Restaurants helfen. Besucher können sich im Vorfeld einen Tisch sichern.
08.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer entwickelt Reservierungs-Tool für Gastronomie
Von Eva Przybyla
Bremer entwickelt Reservierungs-Tool für Gastronomie

Auch für ihn könnte das Angebot zum Muss werden: Barry Randecker.

Frank Thomas Koch

Einfach reservieren und im Anschluss schnell erfahren, ob am Nachbartisch doch jemand mit Covid-19 infiziert war: Das ist das Prinzip des neuen Assistenten „Safe the Table“ für die Gastronomie. Entwickelt hat es Finn Janik, Gründer des Bremer Software-Unternehmens Digital Guest Solutions GmbH (DGS). Am Donnerstag hat er die Idee erstmals vorgestellt.

Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Am Montag dürfen Restaurants in Niedersachsen wieder öffnen. Einen Tag später soll dann in Bremen ein Plan für die Wiedereröffnung der Gastronomie im Land besprochen werden.

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Wer schon bereits online Plätze in einem Restaurant reserviert hat, dem dürfte „Safe the Table“ bekannt vorkommen. Es funktioniert größtenteils ähnlich: Als Gast trägt man Namen, Telefonnummer und E-Mail-Adresse in ein Online-Formular ein. Dann wählt man den Termin für den Restaurantbesuch sowie die Zahl seiner Begleiterinnen und Begleiter aus. Nach Abschluss der Reservierung erhält man einen Buchungscode per E-Mail, den man beim geplanten Restaurantbesuch vorzeigen muss. Den Link zum Assistenten können Besucher künftig auf der Internetseite des Restaurants finden oder unter http://www.safe-the-table.com.

Neu in der Abfrage ist ein Kästchen. Kreuzen Gäste dies an, stimmen sie zu, dass sie über die gemeldeten Covid-19-Infektionen der Tischnachbarn informiert werden. Melden müssen sich erkrankte Besucherinnen und Besucher selbst. Nach einem positiven Test auf das Coronavirus sollen sie den Betreiber der jeweiligen Gaststätte kontaktieren. Dieser kann dann über „Safe the Table“ sehen, wer zur selben Zeit wie der Betroffene in seinem Lokal zu Gast war. Er ist es auch, der dann wiederum alle anderen Gäste informiert.

Infektionsketten rekonstruieren

Der Vorteil liegt für Christian Seidenstücker, der die Entwicklung des Assistenten unterstützt hat, auf der Hand: Gäste und Gastronomen könnten so rasch eine Infektionskette rekonstruieren und sofort Risikogruppen vor einer Ansteckung bewahren, indem sie sich selbst testen lassen und in häusliche Quarantäne begeben. „Wir könnten schneller handeln als das Gesundheitsamt“, sagte der Vorstand der Eventagentur Joke. Bedenken aufgrund der Datensicherheit hat Seidenstücker nicht: Datenschutzexperten hätten die Hilfe für den Restaurantbesuch geprüft. Außerdem habe lediglich das Lokal, in dem Plätze reserviert würden, Zugriff auf die Angaben der Gäste.

Janina Marahrens-Hashagen, Präses der Bremer Handelskammer, lobt Entwickler und Unterstützer: Das Angebot soll allen Gastronomen schließlich kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt sei innovativ und solidarisch, sagt Marahrens-Hashagen, zugleich Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord.

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Auch der Bremer Gastronom Barry Randecker begrüßt das Angebot. Der Betreiber der Meierei im Bürgerpark sowie des Theatros im Ostertor will die Reservierungshilfe selbst nutzen. Nur um die Laufkundschaft sorgt er sich. Denn auch sie müsste über „Safe the Table“ Plätze reservieren. Die Lockerungen in der Branche könnten Seidenstücker zufolge nämlich an eine Reservierpflicht geknüpft sein. Für Randecker ist das nur eine von vielen Umstellungen des täglichen Restaurantgeschäfts.

Der Fünf-Stufen-Plan der niedersächsischen Landesregierung gibt bereits einen Ausblick auf die Regelungen, die auch der Bremer Senat beschließen könnte. Dieser sieht etwa eine maximale Auslastung der Restaurants von 50 Prozent vor. Mit den Einbußen, die das allein für ihn bedeuten könnte, hat Randecker nach eigenen Angaben kein Problem: „Jetzt verdienen wir ja gerade gar nichts.“ Wenn er künftig allein seine laufenden Kosten decken könne, wäre er bereits zufrieden.

Belegschaft vor Ansteckung schützen

Seine Mitarbeiter freuten sich darauf, wieder zu arbeiten. „Meine Köche sitzen sonst nur zu Hause“, sagt Randecker. Und seinen Gästen wolle er mit der Öffnung ebenfalls ein Zeichen senden. „Kommt zusammen“, ruft der Wirt auf Englisch. Doch was wäre, wenn einer seiner Gäste wirklich eine Corona-Infektion meldet? „Dann machen wir wieder zu und schicken alle Mitarbeiter nach Hause“, sagt Randecker. Er müsse schließlich seine Belegschaft vor einer Ansteckung schützen.

Konditormeister Bernard Timphus will sein Café Stecker gar nicht erst öffnen, wenn der Senat eine Reservierpflicht beschließt, die auch für Kaffeehäuser gilt: „Dann mach ich zu und setze mich an den Strand“, sagt Timphus. Dass die Pflicht kommen könnte, vermuteten viele seiner Kollegen bundesweit. Der Konditormeister befürchtet, dass verpflichtende Reservierungen seine Kundschaft verschrecken könnten. Denn wie der Besuch einer Eisdiele sei der Cappuccino im Kaffeehaus ein Impulskauf: „Aber mit Vorbestellung ist das kein Impulskauf mehr.“ Ein hohes Infektionsrisiko bestehe im Café nicht – zumindest relativ gesehen. „Die Leute sitzen oft länger in der Straßenbahn als im Kaffeehaus“, sagt Timphus. Außerdem würden in seinen Betrieben die Mitarbeiter stets darauf achten, dass die Menschen den Abstand von 1,5 Metern einhielten und einen Mundschutz trügen.

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