Nach Bahn-Streik Rückstaus im Güterzug-Verkehr

Seit Montag rollen die Züge im Norden wieder planmäßig – allerdings nur im Personenverkehr. Im Güterverkehr rechnet die Deutsche Bahn weiter mit Problemen. Großunternehmen wie Mercedes oder BLG Logistics hatten sich aber wohl gut eingestellt.
20.10.2014, 18:00
Lesedauer: 3 Min
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Rückstaus im Güterzug-Verkehr
Von Peter Hanuschke

Seit gestern Morgen rollen die Züge im Norden wieder weitestgehend planmäßig – allerdings nur im Personenverkehr. Im Güterverkehr rechnet die Deutsche Bahn erst frühestens Mitte dieser Woche wieder mit fahrplanmäßigen Abfahrten. Großunternehmen wie Mercedes oder BLG Logistics hatten sich auf den bisher längsten Lokführerstreik in diesem Jahr aber offenbar gut eingestellt.

Im Bereich Autotransport wirkt sich ein Lokführerstreik im Güterverkehr für die BLG Logistics Group nicht aus: Das Unternehmen hatte sich 2008 mit 50 Prozent am Mainzer Unternehmen Car Transport Logistics beteiligt. Die in BLG AutoRail umbenannte Firma verfügt über eigene Waggons und eigenes Personal. Sprecher Hartmut Schwerdtfeger: „Wir transportieren unsere Autos – rund 600 000 im Jahr – auf der Schiene in Eigenregie.“ In anderen Unternehmensbereichen, wo Güter mit der Deutschen Bahn bewegt werden müssen, seien ihm ebenfalls keine Probleme bekannt. Der Streik habe ja nun auch hauptsächlich am Wochenende stattgefunden, und da gebe es einfach weniger Güterbewegungen.

Dass der 61-stündige Streik im Güterverkehr – der Personenverkehr wurde von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) 50 Stunden bestreikt – dennoch einen hohen finanziellen Schaden insgesamt anrichtet, davon sei auszugehen, so Gunnar Gburek, Logistikexperte des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik. Immerhin schneide so ein Streik wichtige Industriebranchen von der Rohstoffversorgung ab.

„Wir haben uns im Vorfeld mit möglichen Auswirkungen des Streiks beschäftigt und dabei die Verlagerung von Gütertransporten auf andere Verkehrsträger berücksichtigt“, sagt eine Sprecherin von Mercedes. So habe der Nachschub auch am Wochenende nicht gestockt. „In der Produktion gab es deshalb für uns keine Probleme.“

Gburek: Selbst wenn es nicht zu Produktionsausfällen komme, werden die Unternehmen einen finanziellen Schaden haben. Sie müssten Lieferungen etwa auf Lastwagen umschichten oder ihre Lager nach dem Streik mit großem Aufwand wieder auffüllen. Die Bahn-Konkurrenten hielten nur etwa ein Fünftel des Marktes und könnten den Ausfall bei Weitem nicht ausgleichen. Nach früheren Expertenschätzungen dürfte der volkswirtschaftliche Schaden bei bis zu 50 Millionen Euro täglich liegen, bei der Bahn ist die Rede von Umsatzeinbußen im zweistelligen Millionenbereich pro Streiktag.

„Mir sind noch keine Klagen zu Ohren gekommen“, sagte gestern Robert Völkl, Geschäftsführer vom Verein Bremer Spediteure. „Ich gehe aber davon aus, dass zahlreiche Gütersendungen nicht rechtzeitig angekommen sind – als Unternehmen ruft man deshalb aber nicht gleich den Verband an.“ Mit Sorge blickt Völkl aber in die Zukunft: Wirtschaft benötige insgesamt in Sachen Logistik Verlässlichkeit. „Und ich gehe davon aus, dass es bei der Bahn noch weitere Streiks geben wird.“ Das sei Gift für die Wirtschaft. Der Verkehrsträger Bahn, über den ein wesentlicher Bestandteil des Gütertransportes abgewickelt werde, werde als Verkehrsträger enorm geschwächt.

Dass künftig mehr Unternehmen aufgrund des Vertrauensverlustes ihre Güter auf der Straße transportieren, dürfte auch nicht im Sinne der Bundesregierung sein, deren erklärtes Ziel es ist, mehr Güter von der Straße auf die umweltfreundliche Schiene zu bringen: Schon im vergangenen Jahr wurden nur 9,7 Prozent der Güter auf der Schiene transportiert, 76,7 Prozent kamen per Lastwagen ans Ziel. Anders als im Personenverkehr – dort hatte sich die Bahn auf den Streik vorbereitet indem sie einige Züge schon am Freitag so positionierte, dass sie am Montag pünktlich den geplanten Startbahnhof verlassen konnten – ist das beim Güterverkehr so nicht möglich. „Im Güterverkehr haben wir noch einige Rückstaus“, sagte gestern Egbert Meyer-Lovis, Sprecher von DB-Logistik für den Norden. Ein strategisches Umpositionieren der Züge wie im Personenverkehr funktioniere beim Güterverkehr nicht. „Bis wir den Rückstau komplett abgebaut haben, kann es noch bis Ende dieser Woche dauern.“ Welcher Schaden dadurch entstehe, sei noch nicht absehbar.

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