Interview mit einem Kunsthändler

„Schönheit hat kein Maß“

Kunsthändler Achim Neuse erklärt, warum manche Menschen mehr Wert auf ihr Äußeres legen und weshalb sie dadurch nicht unbedingt oberflächlich sind.
27.10.2019, 21:27
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Schönheit hat kein Maß“
Von Stefan Lakeband
„Schönheit hat kein Maß“

Alte Bilder, silberne Becher: Wer zu Achim Neuse kommt, hat in der Regel einen gewissen Wohlstand. Reich müsse man für Schönes aber nicht sein, sagt Neuse.

Christina Kuhaupt

Herr Neuse, wann haben Sie das letzte Mal etwas Schönes gesehen?

Achim Neuse: Ich sehe ständig schöne Dinge.

Ständig?

Ja. Die anderen Sachen nehme ich gar nicht mehr wahr. Das habe ich mir über die Jahre so angewöhnt.

Was finden Sie denn schön?

Das sind Dinge, die mich positiv berühren, die Glücksgefühle in mir auslösen. Etwas, bei dem ich sage: „Oh, ich freue mich, das zu sehen!“ In meinem Büro hängt beispielsweise ein Bild von Antoine Pesne, das Friedrich den Großen zeigt. Es strahlt so ein Pflichtbewusstsein aus – das mag ich sehr. Aber das geht wahrscheinlich nicht jedem so. Jeder findet etwas anderes schön. Vielleicht kommen wir ja auf einen Nenner, wenn wir uns länger unterhalten.

Schauen wir mal.

Es fällt einem aber auch nicht einfach zu, etwas als schön zu erkennen. Man muss sich damit auseinandersetzen. Je mehr man über eine Sache weiß, desto leichter fällt es, die Schönheit zu erkennen.

Das müssen Sie erklären.

Der große Kunsthistoriker Max Friedländer sprach von „Kennerschaft“. Das ist Wissen, das weit über das hinausgeht, was man in der Schule oder an der Universität lernt. Für die Kennerschaft muss man sich über Jahre mit einem Thema beschäftigen. Und das kann man nur, wenn man seinen Beruf lebt. Für mich fühlt sich mein Job beispielsweise nicht wie Arbeit an, weil ich Freude an dem habe, was ich mache.

Lesen Sie auch

Es gibt also Schönheitsexperten?

Ja – Menschen, die sich tagtäglich mit Schönheit beschäftigen. Wer viel weiß, kann Gegenstände vergleichen, die ähnlich, aber nicht gleich sind, und die Unterschiede erkennen. Er kann dann zum Beispiel genau sagen, ob dieses oder jenes Objekt filigraner gearbeitet ist als das andere. Solche Nuancen zu erkennen, macht Freude.

Dann wissen Sie sofort, ob Sie etwas schön finden? Oder kann das auch mal ein paar Minuten dauern?

Beides, weil ich mich immer in einer Doppelrolle befinde. Einerseits kaufe ich Kunst und Antiquitäten für mich. Das sind Sachen, die ich haben möchte, weil ich sie schön finde. Andererseits denke ich natürlich auch immer an unsere Kunden. Ich brauche ein Gespür für das, was andere Menschen schön finden könnten – selbst, wenn es mir nicht so gut gefällt.

Trotzdem braucht es ja keine Kennerschaft, um etwas schön zu finden. Auf dem Weg zu unserem Treffen habe ich Autos, Werbeplakate, andere Menschen gesehen. Bei allen kann ich sagen, ob ich sie schön oder weniger schön finde, ganz ohne Expertenwissen.

Natürlich. Aber man hat sich mit den meisten Dingen schon einmal auseinandergesetzt. Trotzdem liegen wir mit unseren Einschätzungen nicht immer richtig. Manchmal finden wir ja andere Menschen auf Anhieb nicht so schön oder unsympathisch. Das kann täuschen: Je besser man einen Menschen kennenlernt, desto mehr kann auch seine Schönheit wachsen.

Ist es oberflächlich, wenn Menschen in Kategorien wie „schön“ und „nicht schön“ denken?

Es kommt darauf an, wie man sich ausdrückt. Wenn jemand etwas schön oder weniger schön nennt, reflektiert, wie er zu diesem Schluss kommt und sich so ausdrückt, dass er niemanden verletzt, finde ich das in Ordnung. Wer aber jemanden verspottet, weil er ihn nicht schön findet, der ist für mich kein guter Mensch.

Lesen Sie auch

Warum wollen Menschen überhaupt schön sein oder immer das Schönste haben?

Es geht um Aufmerksamkeit. Die anderen Leute sollen sehen, was man hat. Gleichzeitig will man sich durch Schönheit von der Masse absetzen. Dieses Streben ist bei manchen Menschen ausgeprägter als bei anderen.

Kommt daher auch der Spruch „Wer schön sein will, muss leiden“?

Das ist Quatsch. Das setzt voraus, dass alles, was schön ist, einen Leidensweg hinter sich hat. Das stimmt nicht. Natürlich quälen sich Menschen manchmal, wenn sie einem Schönheitsideal hinterher rennen und sich deshalb die Nase machen oder sonst wie operieren lassen. Schönheit funktioniert aber nicht nur über das Äußere. Manche Menschen können vielleicht besonders gut kochen oder Blumen arrangieren. Auch das kann schön machen. Wichtig ist, dass man mit sich zufrieden ist und das ausstrahlt.

Innere Schönheit also?

Ja, absolut.

Im Laufe der Jahrtausende hat sich das Schönheitsideal mehrfach geändert. Warum?

Es liegt am Leben. Es wandelt sich jede Sekunde. Allein durch unser Gespräch können Sie neue Impulse bekommen, die Ihre Sicht auf die Dinge verändern. Anders als bei Längen- oder Gewichtseinheiten hat Schönheit kein Maß. Man kann sie nicht bemessen, es gibt keine allgemeingültige Skala.

Es gibt also mit großer Wahrscheinlichkeit nichts, das alle Menschen schön finden?

Es finden sicher immer ein paar Leute, die gegen dieses oder jenes argumentieren – allein schon aus Prinzip. Es kann mir aber keiner erzählen, dass er es nicht schön findet, am Meer zu sitzen, die Sonne geht unter, die Wellen rauschen. Das ist doch herrlich!

Ist Schönheit etwas, das in den Dingen steckt? Oder liegt sie, wie das Sprichwort behauptet, immer im Auge des Betrachters?

Ich glaube, beides ist der Fall. Wie gesagt: Wer sich mit den Dingen auseinandersetzt, der kann Schönheit eher als solche erkennen. Da kommt es auf das eigene Wissen an. Unser Haus beschäftigt sich aber auch mit sehr alter Kunst. Es gibt Skulpturen aus dem antiken Griechenland oder Ägypten – die gelten seit Tausenden von Jahren als schön. Schönheit muss also auch in den Dingen liegen.

Lesen Sie auch

Sie verkaufen Gemälde von alten Meistern, Skulpturen aus dem Mittelalter, Stühle von Marie Antoinette. Wer, bitteschön, sind Ihre Kunden?

Das sind häufig Menschen, die sich ganz intensiv mit Kunst auseinandergesetzt haben. Oft beschäftigen sie ein oder zwei Kunsthistoriker, die sie beraten. Außerdem sind sie mit den großen Museen vernetzt. Sie sind sich ihrer Kaufkraft bewusst, spenden viel und stellen das, was sie sammeln, auch der Allgemeinheit zur Verfügung. Und natürlich haben sie auch einen gewissen Wohlstand. Trotzdem sind es unauffällige Menschen, die nicht mit Chauffeur und Rolls-Royce vorfahren.

Sind Kunst und schöne Dinge also nur etwas für reiche Menschen?

Ganz und gar nicht. Es ist ein bisschen wie im Fußball. Es gibt die Kreisliga und die Champions League. Wer in der Kreisliga spielt, verdient zwar nicht so viel wie Messi oder Ronaldo, hat aber trotzdem Spaß am Fußball. So ähnlich ist es mit der Kunst.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Achim Neuse

handelt seit mehr als 50 Jahren mit Kunst und Antiquitäten. Der 76-Jährige leitet mit Volker Wurster die Galerie Neuse in Bremen. Die Objekte, die sie dort verkaufen, kosten mitunter Hunderttausende Euro. Schon als Kind kam Neuse mit alten und schönen Dingen in Kontakt – seine Eltern sammelten Worpsweder
Maler und Biedermeier-Gläser.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+