Zetsches letztes Baby aus Bremen

So fährt sich der neue Mercedes EQC

Das Fahrgefühl im EQC, dem neuen Elektro-Mercedes, der in Bremen gebaut wird, ist gut. Aber anscheinend ist Daimler einige Kompromisse eingegangen, um den Wagen auf der GLC-Plattform bauen zu können.
15.05.2019, 00:01
Lesedauer: 4 Min
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So fährt sich der neue Mercedes EQC
Von Florian Schwiegershausen
So fährt sich der neue Mercedes EQC

Von außen erinnert der Elektro-Mercedes an den GLC. Für einen SUV ist unten aber mit 12,5 Zentimetern eigentlich zu wenig Abstand zum Straßenbelag.

Schwiegershausen

Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche ist auf Abschiedstour. Am Sonntag beim Formel-Eins-Rennen in Barcelona nahm er am Siegertreppchen den Pokal für den Teamgewinner entgegen, Champagnerdusche inklusive. Genauso hatte es sich Zetsche zuvor auch nicht nehmen lassen, bei den Fahrtests für ausgewählte Journalisten mit dem neuen Elektro-Mercedes EQC in Norwegens Hauptstadt Oslo dabei zu sein. Immerhin hatte er doch im Oktober 2016 in Bremen auf der AutoDigital-Konferenz des WESER-KURIER bekanntgegeben, dass der erste EQC im Bremer Werk vom Band rollen wird.

Seit Monatsanfang wird der EQC nun tatsächlich in Bremen gebaut, die ersten Autos sollen ab Juni an die Kunden gehen. In Oslo freute sich Zetsche entsprechend und sagte: „Nun können wir die Transformation hin zur Elektromobilität voranbringen und damit unseren ökologischen Fußabdruck verbessern.“

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Laut Zetsche haben bei Daimler in Zukunft erst mal Autos mit Elektrobatterie Priorität, die Brennstoffzelle mit Wasserstoffantrieb hat vorerst das Nachsehen. Der Druck, in E-Autos und autonomes Fahren zu investieren, wird immer größer. Die Kosten für Forschung und Entwicklung seien auf 14 Milliarden Euro angestiegen, sagte der Daimler-Chef. 2015 waren es noch acht Milliarden Euro. „Das kann man nicht ewig fortführen.“ Entsprechend müsse Zetsches Nachfolger Ola Källenius die Margen bei Mercedes trotz der hohen Entwicklungskosten verbessern.

Kompromisse beim neuen EQC

Der WESER-KURIER hat das erste Elektroauto von Mercedes nun in Oslo getestet. Das erste Fazit: Trotz gutem Fahrgefühl scheint Daimler zu viele Kompromisse gemacht zu haben. Denn damit der Konzern beim Bau seiner Fahrzeuge flexibel bleiben kann, wird der EQC in Bremen auf der gleichen Plattform gefertigt wie das SUV-Modell GLC mit Verbrennungsmotor. Entsprechend hat der Elektro-Mercedes von außen viel Ähnlichkeit mit dem GLC, an einer bestimmten Stelle sogar zu viel: Da der EQC keinen Auspuff hat, wäre der Mitteltunnel im Fußraum des Fonds eigentlich überflüssig.

Trotzdem ist er geblieben – und nimmt so wichtigen Platz weg. Einer der EQC-Entwickler argumentierte, dass bei einem Unfall der Motorblock und auch der Mitteltunnel einen Teil der Energie auffangen würden. Außerdem würden einige Kabel entlang des Tunnels laufen. Denn Mercedes hat die Leistung des Autos auf einen Motor vorn und einen hinten verteilt. Am Ende sagte der Entwickler aber doch, dass dies ein „Nachteil“ sei, weil Fußraum verloren ginge. Grundsätzlich ist der Platz auf der Rückbank eng bemessen, ebenso ist das Heckfenster eher klein.

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Auch die mangelnde Bodenfreiheit unter dem Auto ist ein Nachteil. Eine Messung zeigt: Zwischen Bodenabdeckung und Straße liegen im Heckbereich gerade einmal 12,5 Zentimeter. Da passt nicht mal ein Apple-X-Smartphone hochkant drunter. Schuld daran sind die Batterien, die ihren Platz brauchen. Den deutschen SUV-Fahrer dürfte das wenig einschränken, nutzt er ein solches Fahrzeug eher für den Großstadtdschungel. Allerdings will Daimler den EQC auch gern in Norwegen und Schweden verkaufen, und da geht es auch mal auf unwägbaren Strecken ins abgelegene Wochenendhaus. Der 650 Kilogramm schwere Akku trägt außerdem dazu bei, dass es das Auto auf 2,5 Tonnen Gesamtgewicht bringt – so viel wie drei VW-Käfer zusammen.

Der Autoschlüssel ist beim EQC nur zum Öffnen der Türen notwendig. Zum Starten reicht der Start-Stopp-Knopf. Aschenbecher gibt es vorn ebenso wenig wie einen Zwölf-Volt-Anschluss. Den Anschluss gibt es dafür mittig bei der Rückbank und im Kofferraum, der ein Volumen von 500 Liter hat. Vorn hinter den Getränkehaltern ist aber ein USB-C-Anschluss für das Smartphone.

Innerhalb von fünf Sekunden bei 100 Stundenkilometern

Auf der Armatur befindet sich ein großes, längliches Display. Der Bereich hinter dem Lenkrad zeigt die Geschwindigkeit an, Akkupower und wann der Wagen Strom verbraucht beziehungsweise wann er rekuperiert. Denn wenn der EQC bremst, entsteht Energie, die wieder gespeichert wird. Rechts daneben ist das Infotainment-System für Radio, Navi und der Anzeige für weitere Infos – etwa auf einer Landkarte, bis zu welchen Zielen die verbliebene Akkupower reicht.

Die Fahrt im E-Mercedes ist wirklich lautlos. Lediglich das Rollen der Reifen ist zu hören. Das lauteste Geräusch ist das Piepen des Parkassistenten beim Zurücksetzen. Innerhalb von fünf Sekunden kann der EQC auf 100 Stundenkilometer beschleunigen. Da auf der Mehrheit der norwegischen Straßen nur Tempo 80 erlaubt ist, war dies leider nicht zu testen. Solche moderaten Geschwindigkeiten dankt dafür der Akku mit mehr Reichweite. Denn je schneller man fährt, desto schneller leert sich auch die Batterie. Bei der Fahrt um Oslo herum verbrauchte der Wagen etwas mehr als 24 Kilowattstunden auf 100 Kilometern.

Die Batterie hat eine Kapazität von 80 Kilowattstunden. Bei der Fahrweise wäre also spätestens nach 300 Kilometern die Suche nach einer Ladestation notwendig gewesen. Daimler gibt die Reichweite mit 450 Kilometern an. Die Ladesäule lässt sich im Auto per Mobilfunk anstellen, per App auf dem Smartphone oder per Me-Karte, die der Kunde mit dem Kauf des EQC erhält. An der Gleichstrom-Schnellladesäule dauert es 40 Minuten, bis die Batterien wieder auf 80 Prozent sind. An der normalen Steckdose kann das schon mal eine Nacht dauern. Das ist aber auch bei den anderen E-Autoherstellern nicht anders.

Bei aller Kritik an den Kompromissen: Das Fahrgefühl im EQC ist angenehm. Verschiedene Fahrmodi setzen den Akzent auf möglichst viel Reichweite oder auf komfortbetontes Fahren. Daimler hat außerdem einen Spurassistenten mit eingebaut, einen Ausweich- sowie einen Bremsassistenten, um Auffahrunfälle zu vermeiden oder Kollisionen mit Fußgängern – in Norwegen auch mit Elchen. Ebenso ist auch der Tote-Winkel-Assistent in den Rückspiegeln links oder rechts hilfreich.

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Den EQC gibt es ab 71 281 Euro. Da er ohne Mehrwertsteuer unter 60 000 Euro liegt, erhalten Käufer noch 4000 Euro E-Prämie vom Staat. Daimler hat nun den Start in die elektrische Zukunft hingelegt. Und Dieter Zetsche hat mit dem EQC sein letztes Baby aus Bremen auf den Weg gebracht, bevor er sich kommenden Mittwoch auf der Daimler-Hauptversammlung von seinem Vorstandsposten zurückziehen wird. Die nächste Aufgabe wartet bereits: Der Touristikkonzern Tui will Zetsche zum Aufsichtsratschef machen.

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