2011 gibt es keine Werksferien bei Mercedes / Bremer Betriebsrat erwartet Erfolgsbeteiligung und Jubiläumsgeld "So viel haben wir hier noch nie produziert"

Im vergangenen Winter wurde im Bremer Daimler-Werk kurzgearbeitet. Heute kann sich Mercedes vor Aufträgen kaum retten. Petra Sigge sprach mit dem Betriebsratsvorsitzenden Uwe Werner über die Lage im Jahr nach der großen Krise.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste

Im vergangenen Winter wurde im Bremer Daimler-Werk kurzgearbeitet. Heute kann sich Mercedes vor Aufträgen kaum retten. Petra Sigge sprach mit dem Betriebsratsvorsitzenden Uwe Werner über die Lage im Jahr nach der großen Krise.

Hätten Sie gedacht, dass Daimler so schnell wieder in Gang kommt?

Uwe Werner: Nein, überhaupt nicht. Zu Jahresanfang waren wir noch davon ausgegangen, dass wir 2010 die Talsohle erreicht haben dürften und zumindest nicht weiter abstürzen. Aber die Wende kam ja dann schon innerhalb des ersten Quartals. Nur, auch da hätte noch niemand prognostiziert, dass wir am Jahresende sieben Milliarden Gewinn einfahren werden. Das ist fast ein Rekord in der Unternehmensgeschichte. Nur 2007 ist der Gewinn mit mehr als acht Milliarden Euro noch höher ausgefallen.

Und wie geht's nun weiter?

Die Planungen fürs Jahr 2011 haben wir vergangene Woche abgeschlossen. Danach sollen wir im nächsten Jahr über 310000 Einheiten produzieren - so viel haben wir hier im Werk noch nie produziert. Den größten Anteil daran hat die C-Klasse mit rund 200000 Fahrzeugen.

Müssen Sie deshalb Sonderschichten einlegen?

Nein, Sonderschichten haben wir bisher noch nicht vereinbart. Damit wir die erforderlichen Kapazitäten schaffen können, wird es allerdings erstmals seit vielen Jahren im Sommer keine mehrwöchige Werkspause geben.

Wird die Belegschaft denn aufgestockt, um die angepeilte Stückzahl zu schaffen?

Neue Festanstellungen hat es bei uns in Bremen nicht gegeben - und wird es nach Angaben der Werksleitung auch in nächster Zukunft nicht geben. Uns hat man gesagt, dass man das geplante Programm mit der bestehenden Personaldecke fahren will. Allerdings wurden noch Leiharbeitskräfte dazugeholt. Die ersten 300 wurden im Sommer eingestellt, inzwischen haben wir fast 640 Zeitarbeiter hier im Werk. Damit haben wir jetzt die Höchstzahl erreicht. Laut Betriebsvereinbarung darf die Zahl der Leiharbeiter acht Prozent, gemessen an den Mitarbeitern in der Produktion in den einzelnen Werken, nicht überschreiten. Wenn jetzt also noch weiteres Personal benötigt wird, geht das nur über Festanstellungen.

Ein Großteil der Autos, die in Bremen produziert werden, geht ja in den Export. Wie viele sind das eigentlich?

Konkrete Zahlen kann ich nicht nennen. Tatsache ist aber, dass insgesamt der Aufschwung und der Gewinn bei Daimler maßgeblich auf den Export zurückzuführen sind. Da steht an erster Stelle natürlich China, wo vor allem unsere großen Fahrzeuge gekauft werden, die richtig Geld bringen.

Und inwieweit profitiert das Bremer Werk vom Kaufrausch in China?

Wir produzieren für China nicht nur komplette Autos sondern auch einen großen Anteil Bausätze, die nach Asien verschifft und erst da zusammengebaut werden. Insofern profitieren wir von der wachsenden Nachfrage. Wie sich das weiterentwickelt, wird man sehen. Aber grundsätzlich hat der chinesische Markt mit seiner Milliarden-Bevölkerung natürlich Dimensionen, die wir uns hier kaum vorstellen können. Und das, was bis jetzt an dem Aufschwung teilnimmt, ist ja nur der Rand der Ostküste. Das heißt, das gesamte Hinterland ist noch völlig unerschlossen. Da gibt es noch ein gigantisches Potenzial.

Ihr Konzern-Chef Dieter Zetsche hat angekündigt, künftig 70 Prozent der Fahrzeuge für den chinesischen Markt vor Ort produzieren und nur noch den Rest importieren zu wollen. Bisher ist das umgekehrt. Befürchten Sie die Verlagerung von Arbeitsplätzen?

Wenn man davon ausgeht, dass der europäische Automobilmarkt insgesamt kaum noch wachsen wird, kann einem schon angst und bange werden, ob die Arbeitsplätze tatsächlich langfristig in Deutschland gehalten werden können. Früher war es so, dass immer nur Standorte im Ausland neu installiert wurden. Das waren dann aber reine Zusatzmärkte, von denen wir auch profitiert haben, weil wir Teile dorthin geliefert haben. Die Entscheidung, die C-Klasse-Produktion aus Sindelfingen in die USA zu verlagern, war der erste Schritt, mit dem bei Daimler Arbeitsplätze ins Ausland verschoben wurden. Das könnte in China eines Tages genauso passieren. Diese Gefahr sehen wir schon.

Noch aber werden ja alle Kräfte in Bremen gebraucht. Und sie sollen mit einer Erfolgsbeteiligung bei Laune gehalten werden. Sorgen die Aussichten auf Bonuszahlung und vorgezogene Tariferhöhung für Jubellaune im Werk?

Mit der um zwei Monate vorgezogenen Lohnerhöhung ist zumindest schon mal eine Forderung von der Arbeitnehmerseite erfüllt. Zusätzlich erwartet die Belegschaft aber hoffentlich eine gute Erfolgsbeteiligung für das Jahr 2010 und auch ein Jubiläumsgeld, wenn wir nächstes Jahr 125 Jahre Automobil feiern. Über die Höhe muss noch verhandelt werden. Zum 100. Jubiläumsjahr gab es damals für jeden etwas über 1000 Mark und eine Silbermünze. Doch mit Geld allein ist es ja nicht getan. Was den Beschäftigten zu schaffen macht, ist vor allem die Ungewissheit. Wie lange hält der Boom an? Machen wir übernächstes Jahr vielleicht schon wieder Kurzarbeit? Dieses Sicherheitsgefühl - ich arbeite bei Daimler, das ist fast so wie eine Lebenseinstellung - das ist nicht mehr vorhanden. Wir sind den Marktschwankungen genauso unterworfen wie alle anderen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+