Geringe Löhne machen Trucker-Beruf unattraktiv Spediteure suchen Fahrer

Bremen. In Deutschlands Logistikbranche werden nach Berechnungen des Prüfkonzerns Dekra in absehbarer Zeit mehrere Zehntausend Berufskraftfahrer fehlen. Bremer Spediteure haben schon jetzt Probleme, freie Stellen zu besetzen.
21.09.2012, 05:00
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Spediteure suchen Fahrer
Von Petra Sigge

Bremen. In dieser Woche ist großes Brummi-Treffen in Hannover. Am Donnerstag hat dort die weltweite Leitmesse für Mobilität, Transport und Logistik begonnen. Zumindest am Rande dürfte dabei auch der Faktor Mensch eine Rolle spielen. So werden in Deutschlands Logistikbranche nach Berechnungen des Prüfkonzerns Dekra in absehbarer Zeit mehrere Zehntausend Berufskraftfahrer fehlen. Bremer Spediteure haben schon jetzt Probleme, freie Stellen zu besetzen.

Sigward Glomb würde von heute auf morgen drei neue Leute einstellen – wenn er denn die Richtigen fände. "Die Suche wird immer schwieriger", sagt der Geschäftsführer der Glomb Container Dienst GmbH in Bremerhaven. Glomb ist Besitzer eines Fuhrparks mit 70 Lkw und beschäftigt rund 130 Mitarbeiter.

Es gebe zwar genügend Bewerber, die einen Lkw-Führerschein haben, "aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch als Kraftfahrer geeignet sind". Technisches Wissen allein reiche heute nicht mehr aus. Lkw-Fahrer müssen schnell und zuverlässig ihr Ziel erreichen und sich überall gut zurechtfinden. "Dazu gehört auch, dass sie ihre Touren selbst planen, einschließlich der Lenk- und Pausenzeiten", sagt Glomb. "Schon allein damit sind viele überfordert, weil die Vorschriften so wahnsinnig kompliziert sind."

Qualifizierung für Quereinsteiger

Seit zehn Jahren bildet die Bremerhavener Spedition auch selbst aus, ebenso wie andere Betriebe der Branche. Doch mit der aktuellen Ausbildungsquote kann der künftige Bedarf nicht mehr gedeckt werden. "Innerhalb der nächsten zehn Jahre geht jeder dritte Fahrer in Rente", sagte Dekra-Chef Stefan Kölbl im Vorfeld der IAA. Jährlich absolvieren aber nur rund 3000 Kandidaten die dreijährige Facharbeiterausbildung zum Berufskraftfahrer. Das ergab eine Anfang des Monats vorgestellte Studie des Instituts für Nachhaltigkeit in Verkehr und Logistik (INVL) der Hochschule Heilbronn.

Hinzu kommen demnach noch mal bis zu 12000 Männer und Frauen, die – oft als Quereinsteiger – eine beschleunigte Qualifizierung durchlaufen. Sie ist Voraussetzung für gewerbliche Fahrer. Um den Bestand zu halten, seien jedoch jährlich etwa 25000 Nachrücker nötig. Früher habe die Bundeswehr noch etwa 15000 Wehrpflichtige jährlich zu Kraftfahrern ausgebildet. Das sei nun vorbei.

Auch das Ansehen des Berufs hat gelitten. Von der früheren Trucker-Romantik ist nicht viel geblieben: Vor allem die oft geringe Entlohnung und die familienfeindlichen Arbeitszeiten machen vielen Fahrern das Leben schwer, heißt es in der Studie. Überlastete Straßen, enge Baustellen, unvorhersehbare Wartezeiten und der permanente Zeitdruck verursachten Stress. Hinzu kommt der Druck des digitalen Fahrtenschreibers, der akribisch jede Minute Fahrzeitüberschreitung notiert. Werden die vorgeschriebenen Pausen nicht eingehalten – was wegen fehlender Parkplätze entlang den Autobahnen leicht passieren kann – drohen Geldbußen. Um das Nachwuchsproblem zu lösen, müssten die Unternehmen dringend ihr Image verbessern, schreiben die Autoren der Zukunftsstudie. Dazu gehörten etwa sozialverträglichere Arbeitszeiten und höhere Löhne. In Bremen liegt der Einstiegslohn für einen ausgebildeten Berufskraftfahrer bei 10,46 Euro brutto pro Stunde. Ab 2013 sind es 10,68 Euro. Macht etwa 1700 Euro im Monat. Bei Fernfahrern kommen noch Spesen hinzu. "Viele Spediteure zahlen neben dem Grundgehalt auch Prämien für spritsparendes oder unfallfreies Fahren", weiß Kristof Ogonovski, Geschäftsführer des Bremer Landesverbandes Verkehrsgewerbe, dem insgesamt 150 Betriebe angehören.

Wenn man alles zusammenrechne, könne ein ausgebildeter Fahrer auf ein Monatseinkommen von 2000 bis 2300 Euro kommen. Andererseits gebe es jedoch auch Betriebe, die unter Tarif zahlten. Das Problem sei der große Konkurrenzdruck, sagt der Bremerhavener Fuhrunternehmer Glomb. Da werde um jede Ladung gekämpft "Es gibt einfach zu viele Lkw, da können die Kunden ihre Marktmacht ausspielen und sie finden letztlich immer einen, der meint, es noch billiger machen zu können. Das ist ein richtiger Unterbietungswettbewerb." Auch Glomb findet, dass die Kraftfahrer eigentlich mehr verdienen müssten. "Fakt ist aber, dass die Umsatzrendite für das Transportgewerbe nur sehr gering ist. Entsprechend schwer fällt es den Unternehmen, die Kraftfahrer besser zu entlohnen."

Das wird sich in den nächsten Jahren zwangsläufig ändern, glaubt Ogonovski vom Verkehrsgewerbeverband. Auch im Land Bremen gehe in den nächsten zehn Jahren ein Drittel der Kraftfahrer in den Ruhestand. Das habe eine Umfrage in den Mitgliedsbetrieben ergeben. Deutschlandweit werden nach den Zahlen der Dekra im Jahr 2022 mehr als 150000 Trucker.fehlen.

Der Wettbewerb um die Fahrer werde sich verschärfen und langfristig zu höheren Löhnen führen, sagt Ogonovski. "Was wegen der geringen Margen der Speditionsbetriebe zwangsläufig zu höheren Transportkosten und in der Folge auch zu steigenden Produktpreisen führen wird." Unternehmen, die auf Dumpinglöhne setzen, hätten bald ausgespielt. "Die werden keine Fahrer mehr finden", ist sich der Verbandssprecher sicher.

Spediteur Glomb lockt heute schon mit Prämien. Wer bei ihm besonders spritsparend fährt, kann sein Tarifgehalt noch mal um bis zu 300 Euro im Monat aufstocken. Und er hat Respekt vor den Leistungen der Berufskraftfahrer: "Es ist eigentlich ein Tausendsassa, den man da auf dem Wagen hat – wenn es ein Guter ist."

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