Musik-Streaming für die Party

Spotify statt DJ

Dank Musik-Streaming-Diensten wie Spotify werden Plattensammlungen überflüssig, um nicht nur auf der Silvesterfeier die richtigen Hits aufzulegen. Wie das die DJs in Bremen zu spüren bekommen.
29.12.2017, 19:15
Lesedauer: 5 Min
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Spotify statt DJ
Von Florian Schwiegershausen
Spotify statt DJ

DJ Choco alias Marcus Mbiwe

Roland Scheitz

Silvester ist der Tag des Feierns. Egal ob die einen lieber daheim mit Freunden zusammen Raclette oder Fondue machen, oder die anderen die große professionell organisierte Party bevorzugen – Musik ist mit dabei. Es kann auch ruhig die Privatparty sein. Aber um dazu die Musik zu spielen, ist der Plattenfreak im Freundeskreis mit der großen Sammlung inzwischen überflüssig. Das erledigen mittlerweile alles Musik-Streaming-Dienste im Internet wie Spotify, Apple Music, Deezer und andere. Sie kosten zwischen fünf und zehn Euro im Monat, sie sind monatlich kündbar, und oft ist ein Probemonat gratis.

Wo also vor 20 Jahren noch ein DJ auch zur Privatparty gehörte, wird er gerade dort durch die digitale Konkurrenz immer mehr ersetzt. So sagt Christian Seidenstücker, Vorstandsvorsitzender der Eventagentur Joke, die ihren Hauptsitz in Bremen hat: „Bei Privatfeiern wie 40. Geburtstage oder überschaubare Hochzeiten merken wir, dass die Kunden oft bei uns nur die Tonanlage bestellen, wo sie früher vielleicht auch noch nach einem DJ gefragt hätten.“

Laut Seidenstücker sei das auch in vielen Kneipen zu beobachten: „Da legte früher jemand auf, vielleicht sogar der Barkeeper selbst. Das nimmt ab, da liegt dann eher nur ein Tablet an der Seite, von dem die Musik kommt. Das ist schade, weil man mit der richtigen Musik eben den richtigen Moment erzeugen kann.“

Online die Abspielliste abstimmen

Wenn es beim gemütlichen Raclette-Abend zu Silvester nur um die Hintergrundmusik geht, reiche eine Abspielliste bei einem der Musik-Streaming-Dienste ja aus. Der Gastgeber könnte Tage vor dem Abend auch seine Gäste per Internet kontaktieren, um gemeinsam mit ihnen eine Abspielliste zusammenzustellen.

„Absolute Stille geht ja heute auch nicht, außerdem sorgt Musik für Emotionen eine bestimmte Stimmung, so wie wir ja bei Joke sagen „Creating memories“, ergänzt Seidenstücker. „Dabei kommt es ja darauf an, welches Lied ich in welchem Moment spiele. Und das kann ein Live-DJ immer noch am besten. Dafür hat die Software bisher nicht das Feingefühl. Dieser Algorhythmus müsste erst entwickelt werden, der das hat.“

Dadurch, dass die große Plattensammlung nicht mehr notwendig ist, kommen viele neue junge DJs nach. Da stellt Seidenstücker fest: „Die haben auch ein niedrigeres Preisgefüge als die alteingesessenen DJs. Allerdings zählt bei den DJs natürlich auch viel Erfahrung und Empathie und das entsprechende Feingefühl. Deshalb halten wir auch an den DJs fest, mit denen wir schon lange gut zusammenarbeiten.“

Seidenstücker hat in jungen Jahren auch als DJ aufgelegt und Unsummen in seine Platten investiert. Durch das Internet sei das eben nicht mehr notwendig. Für den Bremer DJ Choco alias Marcus Mbiwe, der seit mehr als 20 Jahren auflegt, sind Streaming-Dienste wie Spotify eher ein Fluch: „Es passiert inzwischen eigentlich überall, wo ich auflege, dass die Leute mit ihrem Smartphone in der Hand zu mir kommen, und dann soll ich von ihrem Smartphone den einen bestimmten Song abspielen.“

Es würde ja reichen, ihm den Titel zu nennen, dann könnte es Choco ja selbst raussuchen. Grundsätzlich sagt Choco: „Am Anfang einer Veranstaltung kann man vielleicht mit Spotify und einer Playlist arbeiten. Aber später am Abend würde dann das Empathische fehlen, dass Du als DJ dann auch den richtigen Song auflegst.“

Aber im Notfall sei Spotify eben auch ein Retter: „Vor zwei Monaten bei einer Hochzeit kam die Trauzeugin auf mich zu und wollte einen bestimmten Song. Wenn Du dann WLAN hast wie dort, konnte ich den Song dann eben kaufen und runterladen.“ Er meint, dass er den Song als MP3-Datei kaufen konnte, um ihn auf seinem Laptop von seiner DJ-Software abzuspielen.

Gema-Gebühren bei Privatparty

Denn auch wenn DJ Choco früher der absolute Vinyl-Verfechter war, legt er seit zehn Jahren per Laptop auf und möchte das nicht missen. Das macht er am Silvesterabend auch auf der Party im Bremer City im Atlantic Grand Hotel. Gleichzeitig läuft auf Bremen Vier in der Zeit von 20 Uhr bis 1 Uhr sein Silvester-Mix – für diejenigen, die sich den DJ sparen wollen und das Geld für den Streaming-Dienst.

Wirte sollten übrigens aufpassen, wenn sie ihren Laden für eine Privatparty vermietet haben und dem Mieter sein Spotify zur Verfügung stellen will, wie der Bremer Dehoga- Hauptgeschäftsführer Thomas Schlüter als Jurist erläutert: „Normalerweise fallen bei Privatpartys ja keine Gema-Gebühren an. Wenn der Wirt aber den Musik-Streaming-Dienst, für den er monatlich zahlt, zur Verfügung stellt, könnte man daraus eine gewerbliche Nutzung ableiten. Und dann könnten auch bei einer Privatparty Gema-Gebühren anfallen.“

Eine solche Gutmütigkeit des Wirts kann also Kosten nach sich ziehen. Besser ist es also, wenn auf der Privatparty ein Freund des Gastgebers auflegt und dafür den eigenen privaten Spotify-Anschluss nutzt. Während DJ Choco hauptberuflich auflegt, macht das DJ Marcel, alias Marcel Hencke, nur nebenbei alle zwei Wochenenden - alles vom Geburtstag über die Hochzeit bis zur Kohlfahrt.

Nur mit gekauften Liedern

Was er immer mehr bemerkt: „Weil alle Spotify auf ihrem Handy haben, denken sie, dass Du als DJ auch alle Lieder hast. Aber als DJ musst Du den Song gekauft haben. Denn die gängigen Programme auf dem Laptop arbeiten nicht mit Streaming-Diensten zusammen. Nur wenn Du das Lied als mp3 hast, kannst Du das auch vernünftig abmischen.“ Wenn es eine Privatparty ist, könne er notfalls das Smartphone von jemandem an die Klinke anschließen, um es abzuspielen.

Hencke macht das jetzt seit zehn Jahren. Damals hatte er mit seinem Informatik-Studium angefangen und so nebenbei Geld verdient. Er sagt: „Damals gab es nur eine handvoll DJs. Heute ist das in unserer Region unüberschaubar, wie viele es da gibt.“ Ob diese DJ-Inflation auf das Musik-Streaming zurückzuführen sei, kann er nicht sagen.

Was ihm aber wiederholt passiert: „Immer öfter rufen mich Leute an und fragen, ob ich in ein bis zwei Wochen Zeit hätte, weil ihnen kurzfristig ein DJ abgesprungen ist. Den haben sie dann oft im Netz bei Ebay-Kleinanzeigen gefunden.“ Trotz Musik vom Laptop bringt Hencke immer noch einen CD-Player und CDs mit: „Ich bin da etwas altmodisch.“

Der perfekte virtuelle DJ

Aber nicht zu Silvester. Da ist es bei ihm Tradition, dass er dort nicht arbeitet und sich stattdessen mit seinen Freunden feiert, von denen er viele das Jahr über viel zu selten gesehen habe. Der Chef der Eventagentur Joke, Christian Seidenstücker, schließt für die Zukunft eine Verdrängung des DJs nicht aus: „Wer weiß, vielleicht wird es in fünf bis zehn Jahren den perfekten virtuellen DJ geben. Vielleicht wertet ja auch jemand 10.000 Parties aus und kann danach genau sagen, welches Lied man beispielsweise am besten nach Gloria Gaynors „I will survive“ spielen kann.“

Wer sich für Silvester eine Abspielliste zusammenstellen will und diese auch mit „Silvester“ betitelt, erhält von Spotify direkt Vorschläge. Bei existierenden Silvester-Abspiellisten arbeitet der Dienst auch mit einigen DJs zusammen, so dass es womöglich wirklich in wenigen Jahren heißt: Spotify statt lokalem DJ.

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