„Plattform Urbane Mobilität“

Zukunft der Mobilität: Warum Bremen mit den Autobauern zusammenarbeitet

Weniger Lärm, mehr Platz: Städte und Autohersteller arbeiten zusammen an den Verkehrskonzepten der Zukunft. Bremen gehört zum Kreis der neun Städte.
26.10.2020, 06:00
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Zukunft der Mobilität: Warum Bremen mit den Autobauern zusammenarbeitet
Von Lisa Schröder

Auf den ersten Blick mag die Geschichte verwundern: Bremens Verkehrsressort arbeitet mit der Automobilindustrie an der Zukunft der Mobilität in den Städten. Das scheint nicht dazu zu passen, dass in der Hansestadt die autofreie Innenstadt angedacht ist, dass Bremen noch viel mehr zur Fahrradstadt werden soll. Und doch stimmt es. An der „Plattform Urbane Mobilität“ sind neben den Herstellern Daimler, BMW, Audi, Porsche, Ford und Volkswagen neun Städte beteiligt. Unter anderem München, Hamburg, Düsseldorf, Hannover und Bremen.

Sowohl Städte als auch die Automobilindustrie steckten in Umbrüchen, konstatiert Bremens Mobilitätssenatorin Maike Schaefer. Es sei sehr zu begrüßen, dass man nun gemeinsam an neuen Lösungen arbeite. Technik allein werde das Problem nicht lösen. „Klimaschutz, endliche Ressourcen, Luft- und Lärmbelastung verlangen ebenso nach Veränderungen im Mobilitätsbereich wie auch der natürlich begrenzte Straßenraum in unseren Städten“, so Schaefer.

Bewusstsein bei Herstellern schaffen

Michael Glotz-Richter aus Schaefers Behörde vertritt Bremen bei der Zusammenarbeit. Der Referent für nachhaltige Mobilität berichtet, dass die Hersteller dabei etwa erstmals ein Bewusstsein dafür bekämen, dass die immer breiteren Fahrzeuge ein riesiges Problem für Städte seien. Auf wenigen Metern müssten schließlich Autos, Fußgänger, Kinderwagen, Rollstühle, Räder und auch die Feuerwehr Platz finden. Gerade in Bremens schmalen Wohnstraßen – etwa im Viertel – sei das eine Herausforderung. Die Plattform schätzt der Experte deshalb, weil es wichtig sei, dass die Akteure sich gegenseitig verstünden.

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Außerdem haben die Treffen die Bremer offenbar zu einem Experiment inspiriert: Ein von BMW erprobtes Projekt in Berlin soll in Bremen ebenfalls getestet werden – voraussichtlich in Findorff. Dort sollen Bewohner des Stadtteils ihr Auto für eine gewisse Zeit abgeben können und bekommen dafür ein Paket mit alternativen Mobilitätsangeboten. Das zielt darauf ab, dass mancher vielleicht im Anschluss auf das eigene Fahrzeug verzichtet.

Autolobby und Politik? Die Zusammenarbeit geht auf Initiative des Verbands der Automobilindustrie (VDA) zurück. Mobilität und Logistik effizienter, sicherer und umweltfreundlicher zu gestalten und dadurch eine höhere Lebensqualität in den Städten zu schaffen – das gibt die Plattform als ihr Ziel aus. „Weder Städte noch Industrie allein können die notwendige Transformation der Mobilität bewältigen, kooperative Lösungen sind gefragt“, sagt die Präsidentin des VDA, Hildegard Müller.

Die Partner schicken ihrem aktuellen Thesenpapier dabei klare Worte vorweg: Die Transformation der Mobilität und Logistik sei für die Partner kein „Nice-to-have“, sondern notwendige Bedingung für lebenswerte und resiliente Städte. Die Krise derzeit lehre: Nachher darf keine schlichte Fortsetzung des Vorher sein.

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Worum geht es konkret? Die Partner formulieren zum Beispiel, wie es gelingen kann, dass es weniger Emissionen gibt – auch von Lärm. Als Lösung wird hier die zunehmende E-Mobilität gesehen, wofür ein zügiger Ausbau der Ladeinfrastruktur nötig sei. Hier brauche es weitere Anreize für den öffentlichen als auch privaten Raum. Notwendig seien auch Vorteile für emissionsarme Lieferfahrzeuge.

Gerade über die Bedeutung von E-Mobilität bestünde in der Runde Konsens, sagt Glotz-Richter. „Da gibt es keinen Zweifel.“ Und wie funktioniert der Austausch zwischen Herstellern und Städten sonst? Der Experte beobachtet beim Engagement durchaus Unterschiede zwischen den Herstellern – je nach Thema.

Weichen stellen in Bremen

In Bremen trafen sich die Partner Anfang des Jahres, um Weichen zu stellen. Dabei seien Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgedeckt worden, formulierte es damals Carl Friedrich Eckhardt, bei BMW für Nachhaltigkeit und Mobilität zuständig, im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Wir als ,Plattform Urbane Mobilität' müssen Rahmenbedingungen, Mobilitätsdienstleistungen und Fahrzeugkonzepte weiterentwickeln, damit die Menschen ein verändertes Mobilitätsverhalten als Bereicherung empfinden und nicht als Verzicht“, sagte er.

Michael Glotz-Richter plädiert dafür, dass eine Stadt nicht komplett zur „Smart City“ werden müsse, sondern zu einer „Wise City“, die für sie passenden Technologien und Ansätze wählt. Hildegard Müller vom VDA betont, es sei wichtig, dass Menschen mobil und unabhängig bleiben könnten. Gerade im Umland der Städte und am Stadtrand werde für viele Menschen das eigene Auto weiter notwendig sein – insbesondere für Pendler. Um Menschen für Alternativen zu gewinnen, müsse ein breiteres und vernetzteres Mobilitätsangebot geschaffen werden. Für Senatorin Maike Schaefer ist das Ziel klar: Eine zukunftssichere Stadt müsse klimaneutral sein, effizient und Lebensqualität bieten. Bremen zeige als Fahrradstadt, dass der Verkehr durchs Radfahren entlastet werde. Davon profitierten alle – auch Autofahrer.

Das Thesenpapier steht unter www.plattform-urbane-mobilitaet.de.

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Zur Sache

Im Papier geht es unter anderem auch um automatisiertes Fahren und die Forderung nach Rahmenbedingungen dafür. Wie lange dauert es, bis es selbstfahrende Fahrzeuge gibt? Christof Büskens von der Universität Bremen leitet mehrere Projekte zur Automatisierung – ob in der Landwirtschaft, Schifffahrt, bei Satelliten oder Autos. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass es noch lange dauert, bis autonome Autos eine Strecke von der Bremer Haustür nach München bewältigen. „Das ist schwer vorherzusagen.“ Im Hintergrund gebe es Probleme, gerade die Rechtslage sei eine Hürde.

Dagegen kann sich der Mathematiker in näherer Zukunft autonome Shuttles vorstellen, die in bestimmten Gebieten eine spezifische Aufgabe übernehmen. Die Busse könnten etwa in der Peripherie einen Anschluss an den ÖPNV bieten. Derzeit läuft für ein entsprechendes Projekt ein Antrag der Bremer Forscher beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Büskens kann sich die Erprobung verschiedener Szenarien vorstellen: Shuttles in einzelnen Stadtteilen wie Borgfeld, Strom und Oberneuland, als Transportmittel für das Autoterminal von BLG oder auf dem Werksgelände von Daimler.

Gerade in ländlichen Regionen gebe es heute kaum Busse, weil der Betrieb zu teuer sei. Ein Großteil der Kosten, 70 bis 80 Prozent, machten dabei die Fahrer aus. Autonome Shuttles könnten jedoch auch in diesen Gegenden funktionieren. In Borgfeld arbeitet ein Team an der Automatisierung von Autos. „Es geht darum, nachzuweisen, dass es funktioniert“, sagt Büskens. In diesem Stadtteil gebe es ebenfalls Orte, die weit von der nächsten Straßenbahnhaltestelle entfernt seien.

Büskens hält den Ansatz der autonomen Shuttles für wichtig: „Wenn Bremens Verkehr verbessert werden soll, dann müssen die Pendler dazu bewegt werden, mehr den ÖPNV zu nutzen.“ Dafür müsse aber einiges attraktiver werden, weil der Mensch bequeme Lösungen suche. Am Ende könne es, wenn Menschen damit aufs eigene Auto und das Pendeln verzichteten, die Qualität in der Stadt und auf dem Land verbessern.

Im Thesenpapier der „Plattform Urbane Mobilität“ lautet der Befund ebenfalls, dass der Verkehr durchs Pendeln einen großen Teil des gesamten Verkehrsaufkommens in Städten ausmache und es noch zu wenig attraktive Alternativen zur Nutzung des eigenen Pkw gebe. „Das Mobilitätsangebot der Alternativen muss komfortabler und flexibler auf die Bedürfnisse der Pendler*innen zugeschnitten werden.“ Hier könnten auch Unternehmen einen Beitrag leisten und zum Beispiel Sharing-Angebote fördern oder Parkplätze für Fahrgemeinschaften stellen.

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