Stahlbranche unter Druck

Arcelor-Mittal in Bremen setzt weiter auf Kurzarbeit

Stahlbranche unter Druck: Das Werk von Arcelor-Mittal in Bremen muss weiter auf Sicht fahren. Für die nächsten Monate werden leichte Verbesserungen erwartet. Doch viele Herausforderungen bleiben.
01.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Arcelor-Mittal in Bremen setzt weiter auf Kurzarbeit
Von Lisa Boekhoff
Arcelor-Mittal in Bremen setzt weiter auf Kurzarbeit

Reiner Blaschek, Vorstand von Arcelor-Mittal Bremen, im Warmwalzwerk der Hütte. 960 Meter ist die Halle lang.

Christina Kuhaupt

Wieder Donnergrollen. Und eine glühende Bramme erscheint auf der Walzstraße. Die Hitze ist sofort spürbar, wenn der Stahlblock vorbeizieht. Ein beeindruckendes Spektakel. In der riesigen Halle von Arcelor-Mittal zischt und qualmt und knallt es. Immer länger und schneller schießt die Bramme vorbei. 960 Meter ist das Warmwalzwerk der Bremer Hütte lang und bringt Coils hervor – tonnenschwere Stahlrollen.

Eigentlich donnert es hier viel öfter. Einer der drei Öfen ist kalt. Denn die Krise hat die Stahlbranche hart getroffen. Seit Mitte März gibt es im Werk Kurzarbeit. Kein Novum: Das Instrument hat schon in der Vergangenheit in schwierigen Zeiten geholfen. Doch Corona ist anders.

Stahlkocher müssen zum Fiebermessen

Zusammen mit dem Vorstand Reiner Blaschek steht der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Hering vor einer Wiese – am Horizont der Hochofen 2. Die Grillen zirpen, eine Bahn mit Schlacke fährt vorbei, Dampf ist zu sehen. „Das Problem ist, dass man keine verlässlichen Aussagen treffen kann“, sagt Hering. Niemand wisse, wie sich die Gesamtkonjunktur und die Pandemie selbst entwickelten. In der Vergangenheit seien Krisen einem bestimmten Zyklus gefolgt, irgendwann sei die Nachfrage wieder angestiegen. „Man wusste aus vorherigen Krisen, dass es bis dahin so und so lange dauert. Das kann man den Kollegen jetzt leider überhaupt nicht sagen. Gibt es noch eine zweite Welle? Was passiert dann?“ Vor dem Betreten des Geländes müssen die Stahlkocher derzeit zum Fiebermessen am „Covid-19-Checkpoint“ halten. Allmählich werde die Produktion wieder hochgefahren, aber mit aller Vorsicht. Denn damit steige das Infektionsrisiko wieder.

Stahlwerk ArcelorMittal

Am Ende des Warmwalzwerks ist aus den glühenden Brammen eine riesige Stahlspule entstanden – immer noch heiß.

Foto: Christina Kuhaupt

Zu Beginn der Pandemie sei es zunächst um den Schutz und die Gesundheit der Belegschaft gegangen, sagt der Chef des Bremer Stahlwerks Blaschek. Dann sei der wirtschaftliche Zusammenbruch gekommen. „Das hat uns natürlich sehr hart getroffen – wie alle industriellen Produzenten.“ In den Monaten April, Mai und Juni gingen die Aufträge je nach Anlage um 35 bis knapp 40 Prozent zurück. „Allen voran durch die Automobilindustrie, weil faktisch alle Unternehmen von einem auf den anderen Tag die Produktion eingestellt hatten.“ Der kleinere Hochofen 3 ist hier seit März abgestellt.

Wasserstoffprojekt mit SWB

Für das laufende Quartal geht Blaschek von einer leichten Verbesserung aus – genauer lasse es sich gerade schwer sagen. Sonst produziert der Konzern hier jährlich 3,2 Millionen Tonnen Stahl. Und 2020? Zu fragil die Umstände, um es zu prognostizieren. „Wir fahren auf Sicht und passen das Produktionsniveau an die wirtschaftliche Entwicklung an.“ Und: „Wir erwarten eine langsame Erholungsphase.“ Im Moment ist nicht geplant, wann der Hochofen 3 wieder hochfährt.

Die Kurzarbeit soll bis Ende des Jahres dauern. „Das sind finanzielle Einschnitte. Das hält die Belegschaft noch relativ gut aus, weil wir eine Aufstockung haben“, beschreibt Betriebsratschef Hering die Situation für die Mitarbeiter. „Die Ungewissheit lässt sich nicht nehmen. Aber wir wissen, dass diese Krise nicht spurlos an uns vorbeigehen wird – auch im gesamtwirtschaftlichen Kontext“, sagt Standortchef Blaschek. Die positive Nachricht sei, dass das Unternehmen es bisher ohne kurzfristigen Stellenabbau und Kündigungen gemeistert habe.

Stahlwerk ArcelorMittal

Stahlwerk ArcelorMittal

Foto: Christina Kuhaupt


Im Warmwalzwerk ist auf dem knappen Kilometer neben allen monströsen Maschinen ein Mitarbeiter zu sehen. Das hat mit dem hohen Grad an Automatisierung der Vorgänge zu tun. Zu finden sind Herings Kolleginnen und Kollegen öfter mal in den Schaltzentralen hinter Bildschirmen, um Prozesse und Qualitäten zu überprüfen und zu steuern. Wie bei der Verzinkungslinie. Hier werden etwa 500.000 Tonnen Stahl fast ausschließlich für die Automobilindustrie produziert – im Normalfall. Wenngleich dieses Segment sehr wichtig ist: Als Lieferant auch für den Maschinen- und Anlagenbau oder den Energiesektor ist das Werk breit aufgestellt. In dieser Krise gab es jedoch, bis auf die Solarbranche, überall einen Einbruch.

Neben Corona steht das Stahlwerk weiterhin vor der großen Herausforderung, immer klimafreundlicher zu werden. Bis 2050 soll die Produktion des Konzerns in Europa C02-neutral sein. Ein Baustein am Standort ist das Projekt mit der SWB im Gemeinschaftsunternehmen Ingaver. Es geht um die Herstellung von grünem Wasserstoff für die Hütte. Fünf Stufen bis 2038 sind geplant, nur eins fehlt noch: die Förderung. Denn zunächst ist der Wasserstoff nicht wirtschaftlich und die Investition ein Wagnis. Doch der Energieversorger und das Stahlwerk sind von der Idee überzeugt.

Guter Austausch mit Wirtschaftssenatorin und Bürgermeister

Vor wenigen Tagen haben Blaschek und der Vorstandschef der SWB, Torsten Köhne, Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) und Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) getroffen. Es gebe einen guten Austausch miteinander, sagt Köhne, nach dem Sommer wolle man loslegen. Die Anlage und der Betrieb kosten, die Unterstützung des Bundes oder der EU ist aus Sicht der Partner notwendig. Schließlich gehe es um einen Technologiewechsel. Wasserstoff werde derzeit „gehypt“, sagt Köhne. Nun gehe es um die konkrete Arbeit: „Für uns ist ganz wichtig: Wir wollen jetzt anfangen.“ Klaus Hering hofft ebenfalls auf Taten: „Es geht immer noch um Arbeitsplätze bei der ganzen Geschichte. Jetzt kommt es darauf an, dass aus mündlichen Zusagen und Papier tatsächlich konkrete Förderung wird.“

Ob Transformation oder der seit Jahren immense internationale Wettbewerb – beides erhöht den Druck für das Stahlwerk. „Und dahingehend werden wir uns perspektivisch ausrichten. Wir werden vermutlich in Zukunft eine Produktionsmenge haben, die geringer ist als in den letzten Jahren“, sagt Blaschek dazu. Für das Wasserstoffprojekt und die Umweltziele müsse aber vor allem auch der politische Rahmen passen.

Immer wieder hat die Branche darauf hingewiesen, dass fairer Wettbewerb derzeit nicht gegeben ist, dass die Hersteller in Europa nicht vor billigem Stahl geschützt werden. Die Zertifikate für C02-Emissionen verteuern die Produktion in Millionenhöhe. Die Importquoten wurden unlängst zum Entsetzen von Klaus Hering erhöht. Positiv sei, findet Blaschek, dass es nun eine Wasserstoffstrategie des Bundes und der EU gebe und der Wille da sei. Mitte des Monats hat das Bundeskabinett zudem ein „Handlungskonzept Stahl“ beschlossen. Im Titel heißt es: für „eine starke Stahlindustrie in Deutschland und Europa“.

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