Made in Bremen: Sensorise

Start-up für kluge Schrauben

Das Start-up Sensorise baut smarte Schrauben. Kritische Verbindungen in riesigen Bauwerken können damit aus der Ferne gewartet werden. Die Gewinnschwelle ist nach einem knappen halben Jahr bereits in Sicht.
18.01.2020, 20:41
Lesedauer: 4 Min
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Start-up für kluge Schrauben
Von Maurice Arndt
Start-up für kluge Schrauben

Cord Winkelmann lässt mithilfe einer kleinen Holzkonstruktion den Sensordraht in die Schraube ein. Am Kopf der Schraube befindet sich der Stecker.

Christina Kuhaupt

Drei Flügel hat ein Windrad für gewöhnlich. Und normalerweise drehen die in etlichen Metern Höhe beständig ihre Runden. Dass das so bleibt und die riesigen Rotorblätter nicht unerwartet abbrechen, dafür möchte Sensorise sorgen. Das Bremer Start-up baut Schrauben und Gewinde, die mitteilen, wie fest beziehungsweise locker sie sitzen. Mit ihnen können etwa Windräder bequem aus der Ferne überwacht werden.

Cord Winkelmann, Geschäftsführer von Sensorise, scheint mit seiner Idee einen Nerv zu treffen: Schon in diesem Jahr will er Gewinn machen – obwohl er das Unternehmen erst im Juni 2019 gegründet hat. Dass es so schnell geht, habe mehrere Gründe, meint er. Einerseits gebe es mittlerweile einen Markt für Industrie-4.0-Produkte und damit auch einen Bedarf für seine Schrauben. Andererseits ist Winkelmann mit seinem Produkt schon seit knapp zehn Jahren unterwegs und für seine Kunden kein Fremder.

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Für seine Promotion kam er 2009 nach Bremen. Schon damals beschäftigte er sich damit, Sensoren in herkömmliche Maschinenbauteile einzubetten. Sein Ziel ist damals wie heute unverändert: „Ich möchte Mikrosystemtechnik, wie wir sie aus unseren Handys kennen, für klassische Bauteile nutzen.“ Die Idee und die Produkte, die Winkelmann entwickelte, überzeugten. Der Ingenieur bekam viele Fördergelder.

Zu viele, wie er im Nachhinein feststellen musste. „Ein erster Förderantrag wurde abgelehnt, weil er zu gering war. Ich sollte eine Viertelmillion mehr reinschreiben.“ Das Problem: Das mit dem Geld gegründete Unternehmen Sensosurf wuchs zu schnell, obwohl es noch keinen Markt für die Produkte gab. Heute weiß Winkelmann: „Nur weil dir Leute Geld geben, heißt das noch lange nicht, dass dein Produkt auch auf dem Markt funktioniert.“

Ein Draht, der sich rauf und runter schlängelt

Nachdem Sensosurf gescheitert war, fokussierte sich Winkelmann mit seinen Sensoren auf Schrauben, weil diese „wegen der Marktentwicklung am interessantesten“ waren. Mit dem estnischen Software-Unternehmen ­Proekspert fand er einen Partner. Der Clou hinter dem gemeinsamen Produkt besteht aus zwei Komponenten: In den Schaft einer Schraube oder einer Gewindestange wird ein Stecker eingelassen. Die Tragfähigkeit wird dabei aber nicht reduziert. Der eigentliche Sensor ist ein Draht, der sich entlang des Gewindegangs einmal rauf und runter schlängelt.

Etwa eine Stunde braucht Winkelmann, um den Leiter in Handarbeit einzubauen. Dieser ist hauchdünn, mit dem Auge eigentlich nur wegen seiner bunten Farbe zu erkennen. Deshalb beeinträchtigt er auch nicht die eigentliche Aufgabe der Schraube: Dinge ­zusammenhalten. „Wir geben die mechanische Funktion nicht auf. Wir stellen stattdessen messende Schrauben her“, erklärt der Sensorise-­Gründer.

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Konkret funktionieren seine Schrauben nun so, dass ein elektrisches Signal gemessen wird: Ist eine Schraube festgezogen, ist das Signal hoch. Ist es niedrig, sitzt die Schraube locker. Der momentan wichtigste Anwendungsbereich sind Windparks auf hoher See. Betreiber können dank Winkelmanns Idee aus der Ferne ihre Windräder warten. Das hat allerdings auch seinen Preis: Die intelligenten Schrauben kosten pro Stück 500 Euro, herkömmliche hingegen nur 30.

Trotzdem gehe die Rechnung auf, sagt Winkelmann. Der Grund: Die Windräder müssen regelmäßig gewartet werden. Ein dafür notwendiges Schiff kostet laut Winkelmann pro Tag rund eine Viertelmillion Euro. Komplett ersetzen kann Sensorise solche Wartungen zwar noch nicht. Dazu müsse sich erst die Gesetzeslage ändern. Bereits jetzt könnten Windparkbetreiber aber ihre Wartungsintervalle vergrößern.

Kunden kommen eher selten aus Deutschland

Wie es ihren Schrauben geht, können die Kunden am Computer sehen. Damit das funktioniert, werden die Sensorise-Schrauben über ihren Stecker an einen Sender angeschlossen. An dieser Stelle kommt das estnische Partnerunternehmen Proekspert ins Spiel. Mit dessen Software werden die Daten, die die Schraube produziert, ausgelesen, für die Kunden aufbereitet und an diese versendet. Winkelmanns Kunden kommen bislang eher selten aus Deutschland.

In Bremen fühlt er sich mit Sensorise dennoch wohl: „Wir haben viel Kontakt in die skandinavischen Länder, die nicht weit weg sind. Dort werden weiterhin sehr viele Hochsee-Windräder gebaut. Zudem haben wir bereits Anfragen aus China, wo wir mit einem Schraubenhersteller kooperieren“, sagt Winkelmann. Im vergangenen Jahr gab es so viele Aufträge, dass Sensorise seine Umsatzprognose deutlich übertraf.

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Allein kann das Start-up diesem Auftragsvolumen künftig nicht mehr gerecht werden. Winkelmann hat noch einen Kollegen, ­weitere Mitarbeiter gibt es bislang nicht. „Wir werden künftig mit Lizenzen arbeiten. Die Hersteller von großen Schrauben, wie Jungeblodt, die Schrauben für Atomkraftwerke bauen, können dann ihre Produkte mit der Technik von Sensorise aufrüsten. So sollen Stückzahlen von mehr als 100 pro Auftrag möglich werden. Mehr schaffen Winkelmann und sein Kollege aktuell nicht.

Gibt es dann in Zukunft auch Sensorise-­Schrauben für das Regal zu Hause? „Nein“, sagt Winkelmann, „wir konzentrieren uns auf Industriebereiche, die man nicht mit dem bloßen Auge kontrollieren kann. Da kommen für gewöhnlich Schrauben zum Einsatz, die dicker als ein Daumen sind. Das ist unsere Grenze.“ Er entwickelt sein Produkt aber weiter: Künftig soll eine Schraube nicht nur mitteilen können, ob sie sicher sitzt, sondern noch mehr Informationen liefern, etwa wie sich ihr Zustand in nächster Zeit entwickeln wird. „Bauwerke werden immer größer und komplexer“, sagt Winkelmann. „Da hilft es nicht nur, die Verbindungen immer stärker zu bauen, sie müssen auch besser werden.“

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