Programm Joblinge

Starthilfe für den Berufseinstieg in Bremen

Sie gelten als chancenlos und unvermittelbar. Dass viele von ihnen trotzdem einen Ausbildungsplatz finden, verdanken sie einem Förderprogramm der Aufgeschlossenheit einiger Unternehmen.
23.12.2019, 21:14
Lesedauer: 3 Min
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Starthilfe für den Berufseinstieg in Bremen
Von Stefan Lakeband
Starthilfe für den Berufseinstieg in Bremen

Renas Al Ahmand (Mitte) kam aus Syrien und macht nun eine Ausbildung bei Willenbrock Fördertechnik. Geholfen haben ihm dabei Anja Gilge vom Programm Joblinge und Manfred Wilhelm von Willenbrock.

Frank Thomas Koch

Als Renas Al Ahmad aus Syrien nach Deutschland floh, hatte er ein Ziel: „Ich wollte etwas Richtiges haben“, sagt er. Ankommen, seine Chancen nutzen, etwas aus sich machen. Jetzt, vier Jahre später, ist er mittendrin. Seit August macht er eine Ausbildung als Mechatroniker für Land- und Baumaschinen. Der Weg dahin war allerdings nicht einfach.

Eigentlich wollte er studieren. Doch im Alter von 19 kommt er in Bremen an, und lernt als erste Grundlage Deutsch. Und er weiß: Wenn er jetzt noch studiert, dauert alles sehr, sehr lange. Deswegen fängt er an, in einem Restaurant zu arbeiten – nimmt sich aber vor, eine Ausbildung zu machen.

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Dass er die nun beim Bremer Mittelständler Willenbrock Fördertechnik absolviert, hat er Anja Gilge mit zu verdanken. Sie arbeitet in Bremen für das Programm Joblinge. „Im Amtsdeutsch sind wir eine Maßnahme“, sagt Gilge. Etwas, wo Arbeitslose hingeschickt werden, um am Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Das sei auch der Kern bei Joblinge. Aber man verstehe sich eher als Initiative. „Bei uns engagieren sich Wirtschaft, Staat und Privatpersonen gemeinsam, um junge Erwachsene mit schwierigen Startbedingungen zu unterstützen.“ 80 Prozent aller Teilnehmer werden laut Gilge in Ausbildungen oder Einstiegsqualifizierungen vermittelt.

Für viele ist das nicht selbstverständlich: Die Teilnehmer sind meist 15 bis 25 Jahre alt und gelten häufig als unvermittelbar, darunter sind Geflüchtete genauso wie Menschen, die in Bremen aufgewachsen sind. Viele haben ein schwieriges soziales Umfeld, Vorbilder in der Familie fehlen, Erfolge in der Schule bleiben aus. Im Alltag heißt das unter anderem: Die Jugendlichen kommen zu spät zu Terminen oder erst gar nicht, ohne abzusagen.

Wer bei Joblinge mitmacht, der kann sich das nicht erlauben. „Wir sind keine Kuschelpädagogen“, sagt Gilge. Es gebe eine feste Struktur. Das Programm beginnt damit, dass die Teilnehmer ehrenamtlich arbeiten, etwa Müll im Bürgerpark aufsammeln. „‘Ihr bekommt etwas von Bremen, deswegen müsst ihr auch etwas zurückgeben‘, sagen wir den Teilnehmern“, so Gilge. Recht schnell geht es auch darum, Stärken und Schwächen der Jugendlichen zu erkennen.

Noch nie zum Bewerbungsgespräch

Al Ahmad hatte beispielsweise Defizite bei der Sprache und brauchte Nachhilfe in Mathe. Zu schauen, was geht, dabei helfen auch die Mentoren. Das sind Menschen, die den Berufseinstieg schon geschafft haben und sich freiwillig eine Stunde pro Woche Zeit nehmen, um mit Teilnehmern zu sprechen oder etwas zu unternehmen. Das könne das Formulieren von Bewerbungsschreiben sein oder ein bisschen Sport auf dem Fußballplatz. Profitiert hat Al Ahmad auch vom Bewerbungstraining, bei dem er unter anderem Jobinterviews geübt hat. „Die gehen vielleicht nur eine halbe Stunde, sind aber so wichtig“, sagt der 23-Jährige. Zuvor hatte er nie ein Bewerbungsgespräch geführt, für ihn sei es wie „eine andere Welt gewesen“.

Damit ist er kein Einzelfall. Wie grüße ich, wenn ich ein Büro betrete? Welche Fragen erwarten mich? Viele Jugendlichen hätten damit keine Erfahrungen, sagt Gilge. Oft gebe es in ihrem Umfeld auch niemanden, der da weiterhelfen könnte. Gleiches gelte auch für den Einblick in die Arbeitswelt: Viele wüssten gar nicht, wie viele verschiedene Berufe existierten. Deswegen gebe es neben der theoretischen Hilfe auch viele Besuche vor Ort, sagt Gilge. Die Teilnehmer könnten so einen Eindruck davon bekommen, wie welcher Beruf aussieht. Bei Interesse bewerben sie sich auf ein Praktikum.

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So sind auch Al Ahmad und Willenbrock zusammengekommen. In den zwei Wochen, in denen der junge Syrer mitgeholfen habe, habe er sich bewährt, sagt Manfred Wilhelm von Willenbrock. Daher habe man ihm einen Ausbildungsplatz angeboten. „Wir haben zwar noch das Glück, mehr Bewerbungen zu bekommen, als wir Ausbildungsplätze haben“, sagt er, dennoch freue er sich über jeden Jugendlichen, der sich interessiere. Denn neben den schulischen Leistungen zähle beim mittelständischen Unternehmen noch etwas anderes. „Wir brauchen keine Einzelkämpfer“, sagt Wilhelm. Es gehe viel um Teamwork, die Lehrlinge müssten zuverlässig sein.

An das Programm kam Willenbrock durch Zufall. Eine Mitarbeiterin hatte davon gehört und den Tipp an Wilhelm weitergegeben. Was er an den Teilnehmer schätzt: Sie sind vorbereitet, hätten Lust und brächten genug Sprachkenntnisse mit. Bei anderen Maßnahmen sei das nicht immer der Falle. „Außerdem werden die jungen Leute nicht einfach bei uns abgeladen, wenn sie eine Ausbildung machen“, sagt er.

Schwierigkeiten in der Ausbildung zu bleiben

Das bestätigt auch Gilge: „Eine Ausbildung zu finden, ist nicht ganz schwer. In der Ausbildung zu bleiben, hingegen schon.“ Deswegen unterstütze man die Teilnehmer auch noch im Anschluss bei Problemen, bei denen Arbeitgeber, Freunde oder Familie nicht helfen könnten.

In den vergangenen anderthalb Jahren haben laut Gilge 87 Teilnehmer das Programm absolviert, 71 haben danach eine Ausbildung oder eine Einstiegsqualifizierung begonnen – mit dem Ziel, später eine Lehre zu beginnen. Dabei ist sie auch immer auf Firmen wie Willenbrock angewiesen, die vermeintlich schwächeren Jugendlichen eine Chance geben. Renas Al Ahmad ist jedenfalls begeistert. Schon jetzt denkt er an die Zeit nach der Ausbildung. Dann will er arbeiten, sich weiterbilden – und vielleicht seinen Meister machen.

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