Spiekeroog zwischen Bollerwagen und Beluga Stolbergs Insel

Wenn die Rede davon ist, dass das bisherige Lebenswerk von Niels Stolberg auf dem Spiel steht, geht es auch um Spiekeroog. Dort ist er der wichtigste Hotelier und Investor. Kein Wunder, dass sich die Bewohner Sorgen machen um die Zukunft ihrer Insel.
17.03.2011, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Christian Palm

Wenn die Rede davon ist, dass das bisherige Lebenswerk von Niels Stolberg auf dem Spiel steht, geht es auch um Spiekeroog. Dort ist er der wichtigste Hotelier und Investor. Kein Wunder, dass sich die Bewohner Sorgen machen um die Zukunft ihrer Insel.

Das Nebelhorn tutet laut. "Sind gleich zu Hause", sagt der Matrose, kurz bevor die Fähre in den Spiekerooger Hafen einläuft. Es ist Sonntagabend, drei Tage, nachdem Fahnder im Auftrag der Bremer Staatsanwaltschaft Stolbergs Privathaus auf Spiekeroog durchsucht haben, drei Tage, bevor die erste Tochterfirma von Beluga Insolvenz anmelden wird. Die Spiekerooger haben in großen Rollcontainern verstaut, was sie vom Festland mitbringen. Eine Frau, die bei Bekannten zu Besuch ist, bringt Zeitungen aus der vergangenen Woche mit.

Über Niels Stolbergs Situation wissen die Menschen hier auch nur das, was sie aus den Medien erfahren. Sei der denn derzeit überhaupt für jemanden zu sprechen?, fragt ein junger Mann seinen Sitznachbarn. "Ruf doch mal seinen Anwalt an", rät der. Auch 130 Kilometer und eine 45-minütige Fährfahrt von Bremen entfernt sprechen die Leute über Beluga.

Kein Wunder, schließlich hat Niels Stolberg die Insel in den vergangenen Jahren geprägt wie kein anderer. 2002 eröffnete er erste Ferienwohnungen, in schneller Folge kamen Hotels, Restaurants und Geschäfte hinzu. Wo früher ein einfaches Ferienheim auf Urlauber wartete, lockt nun ein Hotel der gehobenen Klasse mit Fußbodenheizung im Badezimmer und Wellness-Bereich im Erdgeschoss. "Künstlerherberge" heißt das Hotel, ein anderes heißt "Spiekerooger Leidenschaft".

Die, die schon länger auf der Insel leben, haben beobachtet, wie sich deren Charakter verändert hat. Heute ist Stolberg der Hotelier mit den meisten Gästebetten auf Spiekeroog. Es sind rund 300 und damit etwa zehn Prozent des Angebots auf der Insel. Zudem hat er das Künstlerhaus gebaut, wo seit 2007 Seminare und Tagungen mit namhaften Künstlern stattfinden. Zwei Jahre hintereinander hat Stolberg das Ensemble der Bremer Seebühne in Spiekeroog auftreten lassen. Der Eintritt war frei. Ein anderes Mal lud er den Werder-Trainer Thomas Schaaf zu einem Vortrag ein.

Stolberg brachte Geld mit, das er auf den Weltmeeren verdient hatte, nicht auf der Insel wie die anderen Unternehmer. Die Rede ist von etwa 20 Millionen Euro, die Stolberg auf Spiekeroog investierte. Kein Einheimischer hätte so viel Geld aufbringen können. Es prallten zwei Welten aufeinander, als Stolberg begann, in den Spiekerooger Fremdenverkehr zu investieren. Auf der einen Seite der weltgewandte Selfmade-Millionär, auf der anderen die Spiekerooger. Hier die Vision vom modernen Tourismus, dort der Stolz auf die gewachsenen Strukturen auf der Insel. Zu diesen Strukturen gehört Stolberg längst dazu. Deshalb machen sich die Spiekerooger große Sorgen um seine Zukunft und die seiner Firma Beluga.

"Meine Schreckensvision ist, dass das alles an einen Großinvestor verkauft wird", sagt Bernd Fiegenheim, Spiekeroogs Bürgermeister. Denn mit Stolberg haben sie sich längst arrangiert. Abzusehen war das nicht. 2006 fand der Kommunalwahlkampf bundesweite Beachtung: Vom "Kulturkampf in Spiekeroog" berichtete die "Berliner Zeitung", von der "unerwünschten Liebe eines Millionärs" schrieb "Spiegel Online".

Damals ging es um große Fragen, um die Zukunft Spiekeroogs zuallererst und darum, wie viel Einfluss ein zugereister Geschäftsmann auf dem Eiland haben sollte."Wir haben damals die Gewalt des Geldes kennengelernt", sagt Fiegenheim, der seit fünf Jahren im Amt ist. Angetreten war er für die Wählervereinigung, die Stolberg in seinem Elan bremsen wollte.

"Die Macht des Geldes" hat er auch ganz persönlich erfahren. Er war der Leiter des Mutter-Kind-Heimes, in das Stolberg investieren wollte. Mit der großen Mehrheit seiner Kollegen sprach er sich gegen den Einstieg des Unternehmers aus und musste deshalb seinen Platz räumen. Über die Sache ist längst Gras gewachsen. Der Kontakt mit Stolberg habe sich normalisiert und sei konstruktiv.

Villa an den Dünen

Ein neuer Morgen. Es sind noch zwei Tage bis zur Insolvenz der ersten Beluga-Tochter. Der Nebel auf der Insel ist so dicht, dass wohl nicht mal Niels Stolberg das Meer sehen kann - falls er überhaupt in seinem Haus ist, das direkt hinter den Dünen steht. Trotz des schlechten Wetters ist nachvollziehbar, warum Stolberg sich auf Spiekeroog so wohl fühlt. Die Landschaft, die Abgeschiedenheit und Ruhe: Auf der Insel lässt sich's gut leben.

Fast jeder Insulaner kann Geschichten erzählen über Stolberg - manche Episoden möchten sie der Harmonie wegen aber lieber vergessen. "Irgendwann werden die Spiekerooger aus meiner Kloschüssel trinken", soll Stolberg einst in einer Versammlung des örtlichen Hotel- und Gaststättenverbandes gesagt haben. Bestätigen will das heute keiner mehr. Aber es dementiert auch niemand, auch nicht Georg Germis. In dritter Generation führt er das Hotel "Inselfrieden", zu dem mehrere Ferienhäuser gehören. Bis Stolberg kam, war Germis der wichtigste Hotelier der Insel. Den Neuling soll er bei seiner Ankunft als "Heuschrecke" bezeichnet haben.

Dass neues Kapital auf die Insel gekommen ist, finde er gut, sagt er heute. Man müsse es nur kontrollieren können. Vor der unternehmerischen Leistung Stolbergs zeigt er großen Respekt: "Es ist bemerkenswert, was er geschafft hat", sagt Germis. Aber das Risiko gehöre zum Unternehmertum nun mal dazu. Er weiß, wovon er spricht. Lange bevor Stolberg kam, hat er in eine Wellness-Landschaft und ein Schwimmbad investiert. Letztlich kämen die Touristen, von denen die Insel so abhängig ist, aber nicht wegen der tollen Hotels. "Die Insel ist die Attraktion."

Diese Attraktion wollen immer mehr Touristen erleben. Selbst jetzt in der Vorsaison kommen Gäste. Ein Unternehmen aus Süddeutschland hat das Künstlerhaus für ein Seminar gemietet. Eine Frau mit Yoga-Matte unter dem Arm geht zur Tür hinein. "Niels Stolberg?" Den Namen höre sie zum ersten Mal. Ohne Stolberg wäre sie aber wohl nicht auf der Insel.

Der Image-Gewinn durch die Werbung, die Stolberg für die Insel gemacht hat, ist groß. "Eine solche Kampagne hätte Spiekeroog allein nicht finanzieren können", sagt dazu Fiegenheim, vom Künstlerhaus, das kaufkräftige Gäste auf die Insel bringt, ganz zu schweigen.

Zugleich hat er aber eine "Spaltung der Inselgesellschaft" verursacht, die es vorher nie gegeben hat, sagt der Journalist Hartmut Brings. Er bringt den "Inselboten" heraus, eine Zeitung, die seit 1987 auf Spiekeroog erscheint. Zuweilen habe er das Gefühl, dass manche Idee "etwas aus der Hüfte geschossen kam", sagt Brings.

Zumal nicht immer klar sei, wie viel Einfluss Stolberg überhaupt auf das Tagesgeschäft seiner Betriebe auf Spiekeroog habe. Es sei auch diese Unsicherheit, wer eigentlich der Ansprechpartner für sie ist, die manche Insulaner dazu gebracht hat, dem Bremer Unternehmer skeptisch gegenüberzustehen. Aber Stolberg hat sich oft durchgesetzt gegen die Bedenken der Spiekerooger. Wohl auch, weil er es versteht, Menschen für sich und seine Visionen einzunehmen.

Als Stolberg damals gesagt habe, "ich will, dass du für mich arbeitest", habe er nicht lange überlegen müssen, erzählt Mato Jelavic. Er ist seit acht Jahren Techniker in der "Spiekerooger Leidenschaft". Per Handschlag hätten sie die Sache besiegelt und seither nicht ein einziges Mal Probleme miteinander gehabt. Auf seinen Chef lässt er nichts kommen. "Er kann die Leute begeistern", sagt er, "und wer gut arbeitet, hat gute Chancen bei ihm". Noch liefen alle Betriebe völlig normal. Sorgen machen sich die rund 80 Angestellten seiner Firmen trotzdem. Manch einer habe schon gekündigt, bevor die Saison begonnen hat. "Aber ich bleibe ihm treu, vielleicht bis zum bitteren Ende", sagt Jelavic.

Zugleich berichten die Spiekerooger von der verletzlichen Seite des Unternehmers. Einmal ließ er seine Frau bei Reporter Brings anrufen, weil er sich gekränkt fühlte von einem Bericht im "Inselboten". Ein anderes Mal traf es wieder Fiegenheim. Als 2007 das Künstlerhaus feierlich eröffnet wurde, sollte er eigentlich eine Rede halten. Er hatte sich viele Gedanken gemacht, über ein Zitat Stolbergs. Er habe sich in Spiekeroog verliebt, hatte der gesagt. Der Vortrag war längst fertig. Am Tag vor der Einweihung lud der Unternehmer den Bürgermeister dann aber aus - aus Angst, der könnte öffentlich etwas Kritisches über ihn sagen. "Dabei hatte ich das gar nicht geplant", sagt Fiegenheim.

Seminar für Neu-Spiekerooger

Vielleicht hätte es geholfen, wenn Fiegenheim seine neueste Idee etwas früher gehabt hätte. Demnächst wird er ein Seminar für Neu-Spiekerooger anbieten. An einem Nachmittag sollen denen einige Fakten und Besonderheiten der Insel nähergebracht werden. Adressaten sind vor allem die Saisonkräfte. Hätte es ein solches Seminar schon damals gegeben, vielleicht wäre Stolberg den Einheimischen anders gegenübergetreten.

So ist der Spaltung über Stolbergs Aktivitäten die Unsicherheit über deren Zukunft gefolgt. Niemand weiß, welche Teile der Spiekerooger Unternehmen ihm persönlich gehören und wie viel seinen Nachfolgern bei Beluga. Nun hängt die Zukunft Spiekeroogs womöglich davon ab, was Finanzinvestoren mit dem Lebenswerk von Niels Stolberg anfangen werden. Kein Wunder, dass sich die Insulaner Gedanken machen, wie es für sie weitergeht. "Angst vor der Zeit mit Stolberg hatte ich nie", sagt Bürgermeister Fiegenheim. "Nur vor der Zeit nach ihm."

Spiekeroog:

Nur rund 700 Einwohner leben auf der Insel im niedersächsischen Wattenmeer zwischen Langeoog und Wangerooge. Es stehen etwa 3500 Gästebetten zur Verfügung. Die autofreie Insel ist nur über eine Fähre zu erreichen. Trotzdem kamen in den vergangenen Jahren immer mehr Touristen nach Spiekeroog. Nach Angaben der Nordseebad Spiekeroog GmbH, die im Auftrag der Gemeinde für die Tourismusförderung zuständig ist, verbrachten 2010 etwa 100.000 Touristen rund 600.000 Nächte auf der Insel. Damit kamen zehn Prozent mehr Gäste als vor fünf Jahren. Dennoch freuen sich nicht alle Einheimischen über Stolbergs Engagement. Spiekeroog habe sich zu schnell und zu stark verändert, sagen seine Kritiker.

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