Neue Studie zu Auswirkungen der Pandemie

Krise als Nährboden für Innovationen in Bremen

Bremer Wirtschaftswissenschaftler verschiedener Einrichtungen haben sich in einer Studie mit den Auswirkungen der Corona-Krise beschäftigt und daraus Handlungsempfehlungen für die Bremer Politik abgeleitet.
18.11.2020, 19:52
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Krise als Nährboden für Innovationen in Bremen
Von Peter Hanuschke
Krise als Nährboden für Innovationen in Bremen

Das Tabakquartier wird in der Studie als Pionierstandort für eine zunehmende Urbanisierung von Quartieren in Städten genannt.

Kuhaupt

Die Auswirkungen der Covid-19-Krise sind beispiellos: Noch nie gab es solch gravierende Einflüsse auf Wirtschaft und Gesellschaft. Welche Folgen sich daraus für Bremen und Bremerhaven ergeben, haben Bremer Wirtschaftswissenschaftler instituts- und hochschulübergreifend in einer gemeinsamen Studie analysiert und daraus Handlungsempfehlungen für die Bremer Politik abgeleitet.

Am Mittwoch stellten die Partner die Studie vor. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie hätten sich Wirtschaft und Gesellschaft in einem strukturpolitischen Umbruch befunden – etwa in den Bereichen Dekarbonisierung und Nachhaltigkeit der Ressourcennutzung sowie Digitalisierung, so Ökonom Jan Wedemeier vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) in Bremen, das zusammen mit der Universität Bremen die Studie herausgegeben hat. Die Digitalisierung sei eines der wenigen Beispiele dafür, dass sich die Pandemie auch auf manche Prozesse dynamisch und positiv auswirken könne.

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„Insgesamt erfahren Wirtschaft und Gesellschaft im Moment außergewöhnliche Härten“, sagte Jutta Günther, die eine Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Innovations- und Strukturökonomik, an der Universität Bremen innehat. Es werde in diesem Jahr ein negatives Wirtschaftswachstum geben, das von der Größenordnung her ungefähr vergleichbar mit dem des Jahres 2009 sei. Das bedeute eine wirklich tiefe Rezession. „Ich bin Innovationsökonomin, und ich weiß, dass solche Wirtschaftskrisen aber auch immer ein Nährboden für Innovationen sind und einen Strukturwandlungsschub auslösen können.“ Es würden zwar ein paar Firmen ausscheiden, doch genauso neue hinzukommen und bestehende Unternehmen sich neu ausrichten. Und darin bestehe in der Krise die Chance.

Die 130 Seiten umfassende Studie gliedert sich in vier Schwerpunkte: Innovation und Gründungsgeschehen, urbane Entwicklungen und Nachhaltigkeitsinnovationen, finanzwissenschaftliche Aspekte sowie globale Märkte und Wertschöpfungsketten.

Tabakquartier als Pionierstandort

Ein zentrales Merkmal der Corona-Pandemie sei das Zusammenbrechen internationaler Wertschöpfungs- und Zulieferverflechtungen, so Guido Nischwitz vom Institut Arbeit und Wirtschaft. Daraus ergebe sich für ein paar Wirtschaftszweige auch eine Chance, nämlich in der zunehmenden Urbanisierung von Quartieren in Städten. „Das heißt, Wohnen, Arbeiten und Freizeit rücken näher zusammen.“ Die Pandemie beschleunige solche Prozesse der Nutzungs- und Funktionsmischung, und in Bremen gebe es bereits Pionierstandorte, die sich zu Zentren der „kurzen Wege“ entwickeln könnten, etwa das Tabakquartier. Die Krise habe insgesamt eine Rückbesinnung auf regionale Wirtschaftskreisläufe hervorgerufen, was aber nicht auf alle Produktionsbereiche übertragbar sei. Ebenso spiele die Veränderung im Mobilitätsverhalten bei diesen Entwicklungen eine Rolle.

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Sinnvoll wäre daher, so Nischwitz, ein politisches Bekenntnis zur Produktion in der Stadt, was sich in einem Leitbild widerspiegeln solle. „Das bedeutet, ich muss zum einen überlegen, wie ich eine Sicherung vorhandener Gewerbestrukturen hinbekomme, und zum anderen, wie ich neue urbane digitale Strukturen unterstützen kann.“ Dafür sei eine Gesamtstrategie nötig, die als städtische Aufgabe wahrgenommen werden müsse und nicht Einzelakteuren überlassen werden dürfe. Darin müsse beispielsweise auch einfließen, veränderte Qualifizierungsbedarfe zu berücksichtigen. Bremen sei durchaus gut aufgestellt, sich in der Post-Corona-Phase in Richtung produktive Stadt zu entwickeln.

Bremen hat Entwicklungspotenzial

Es gebe also Entwicklungspotenzial, und das sei gut für eine hoffentlich folgende Bremer Debatte in diesem Zusammenhang, sagte Rudolf Hickel, Bremer Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor. Letztlich gehe es darum, ob das alles bezahlbar sei. Oder werde der Stadtstaat am Ende fiskalisch so in die Knie gezwungen, dass nur noch Notlagenpolitik gemacht werde? Bundesweit liege das fiskalische Risiko bis Ende 2021 hochgerechnet bei 1,2 Billionen Euro. Dass Bremen als Haushaltsnotlageland trotz der damit verbundenen Schuldenbremse eine Ausgabenexplosion hingelegt habe, sei allein der Corona-Krise geschuldet. Außerdem sei in der Landesverfassung geregelt, dass eine Notsituation die Schuldenbremse außer Kraft setze. Und es gebe bundesweit und vor Ort den Konsens, dass es nur die eine Möglichkeit gebe, die Handlungsfähigkeit der Wirtschaft und ihren Wiederaufbau zu ermöglichen: nämlich über Schulden.

Positiv sei, dass Bremen sich dazu entschlossen habe, alles, was coronabedingt auf der Ausgabenseite schuldenfinanziert anfalle, in dem Bremen-Fonds mit 1,2 Milliarden Euro transparent zu bündeln, so Hickel. Entscheidend sei, ob dieses Geld reiche. Davon sei nicht auszugehen. Das gelte auch für die Bundesmittel. Denn die Krise werde länger dauern, insofern müssten auch die ganzen Programme wie Überbrückungshilfen auf einen mittelfristigen Zeitraum ausgelegt werden. „Denn eines sollte klar sein: Nur die Schuldenfinanzierung wird am Ende den Steuerstaat retten.“

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Studie mit Seltenheitswert

An der Studie haben viele wissenschaftliche Einrichtungen aus dem Wirtschaftsbereich in Bremen mitgearbeitet: Die Autoren kommen von der Hochschule Bremen, der Hochschule Bremerhaven, der Jacobs University, der Niederlassung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts in Bremen und der Universität Bremen. Einen Auftraggeber hat es dafür nicht gegeben. Die Studie sei aus Eigenmotivation entstanden, so Volkswirtin Jutta Günther von der Bremer Universität. Das Gemeinschaftsprojekt sei eine Bauchentscheidung gewesen, ergänzte Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Da man nicht auf statistisches Material zurückgreifen konnte, habe man mit der empirischen Methode des sogenannten Topic Modelings gearbeitet, so Jutta Günther. Dabei werde anhand von Nachrichtentexten gezeigt, welche Themenfelder medial in den Vordergrund gerückt sind.

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