Bequemlichkeit schlägt Zeitgeist

SUVs sind umstritten - verkaufen sich aber prächtig

Umweltschädlich, gefährlich, groß: Folgt man dem vermeintlichen Zeitgeist, müssten SUVs zu Ladenhütern werden. Doch sie verkaufen sich prächtig und werden dies wohl auch weiterhin tun.
16.01.2020, 20:49
Lesedauer: 3 Min
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SUVs sind umstritten - verkaufen sich aber prächtig
Von Maurice Arndt
SUVs sind umstritten - verkaufen sich aber prächtig

Weil die Menschen lieber bequem als klimafreundlich Auto fahren, trotzt der SUV dem schwächelnden Automarkt. Davon gehen Experten aus. Diese rechnen zwar damit, dass der gesamte Pkw-Absatz um rund 200 000 Fahrzeuge zurückgeht, der SUV-Absatz aber lediglich um 20 000 Fahrzeuge nachlässt. Bedeutet: Der Marktanteil steigt unterm Strich weiter.

Martin Schutt

Sie gelten als Sinnbild für den Klimawandel, werden gerne als Panzer verspottet – dennoch sind Geländewagen und SUVs beliebt. 2019 stieg ihr Marktanteil in Deutschland. Ähnliches wird für dieses Jahr erwartet. Diesen Trend spüren auch Bremer Autoverkäufer. Das widerspricht dem vermeintlichen Zeitgeist, doch tatsächlich spiele der Klimawandel beim Autokauf nur eine untergeordnete Rolle, sagen zumindest einige Verkäufer.

Um 1,5 Punkte soll der Anteil von SUV-Fahrzeugen am deutschen Automarkt 2020 wachsen. Das geht aus einer Studie des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen hervor. Demnach wären 34 Prozent aller Autos auf deutschen Straßen SUVs. SUVs seien eine Volksbewegung in Deutschland geworden, sagte CAR-Leiter Ferdinand Dudenhöffer der Zeitung „Die Welt“. „Im November 2019 hatten die SUV-Verkäufe in Deutschland erstmals mit 1,08 Millionen Neuzulassungen die 'psychologische' Grenze von einer Million innerhalb eines Jahres übertroffen."

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Seit Kurzem liegen auch die Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) für das gesamte Jahr 2019 vor. Demnach wurden im vergangenen Jahr 1,13 Millionen Fahrzeuge neu zugelassen. Sowohl das KBA als auch Dudenhöffer zählen dabei die Werte für die kleineren SUVs und meist größeren Geländewagen zusammen. Ein Boom ohne Ende also? Nicht ganz, meint Dudenhöffer. Er vermutet für 2020 einen leichten Rückgang des SUV-Absatzes von bundesweit 1,16 auf etwa 1,14 Millionen Fahrzeuge.

Jedoch geht er auch davon aus, dass der gesamte Markt einen Rückgang von 200 000 Autos erleidet. Unterm Strich stiege der Marktanteil für die Stadt-Geländewagen also. Diesen Rückgang spürt auch Mercedes. Der Konzern baut in Bremen mit dem GLC einen populären SUV. Der Absatz aller SUV-Modelle der Stuttgarter ging zuletzt um 4,5 Prozent zurück. Schuld daran waren aber auch Produktionsprobleme. Mit einem Anteil von einem Drittel blieben SUVs aber das stärkste Segment.

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Dass die umstrittenen Fahrzeuge beliebt sind, spüren auch Bremer Autohändler „Seit vier bis fünf Jahren stellen wir einen deutlichen Trend hin zum SUV fest. Er wird auch die nächsten Jahre anhalten“, sagt etwa Dennis Keyssler, Verkaufsleiter beim Autohaus Keyssler in der Neustadt. Etwas entfernt in der Vahr hat Tanja Woltmann-Knigge ihr Autohaus. Bei ihrer Hausmarke Ford stellt sie beispielsweise einen Anteil von 25 Prozent bei allen verkauften Pkw fest. Interessant: Vor allem die günstigeren Modelle seien gefragt.

Damit bestätigt sie das, was auch Dudenhöffer sagt. Früher habe der hohe Preis Kunden vom Kauf eines SUVs abgeschreckt. Mittlerweile sind die Kosten aber kein Ausschlusskriterium mehr. Denn: Wegen vieler günstiger Modelle kostet ein SUV im Schnitt nur noch 38 000 Euro und damit lediglich 3130 Euro mehr als ein „normaler“ Pkw. Ein Beispiel ist das in Bremen gebaute SUV-Modell GLC von Mercedes. Es gehört im Sortiment des Autobauers zu den eher günstigeren Modellen und ist der meistverkaufte SUV des Stuttgarter Unternehmens in den vergangenen zehn Jahren.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch das KBA: In den beiden relevanten Segment-Klassen SUV und Geländewagen zählen mit dem Ford Kuga (ab 24 350 Euro, SUV) beziehungsweise dem VW Tiguan (ab 30 385 Euro, Geländewagen) jeweils zwei günstigere Modelle zu den meistverkauften Autos in ihrem Segment. Schlägt der Preis also den Zeitgeist, der SUVs eher verpönt? Woltmann-Knigge denkt das nicht: „Wir hatten jahrelang einen Trend zu Großraumlimousinen wie dem Ford Galaxy, den wir nun nicht mehr feststellen. Hier könnte es eine Verschiebung geben.“

Die Zahl der Käufer von großen Autos verändere sich also nicht. Im Vordergrund stehe beim Erwerb aber der praktische Nutzen der Fahrzeuge: viel Platz in Innen- und Kofferraum etwa. Zudem sei – auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels – die erhöhte Sitzposition ein Kaufargument, da sie älteren Kunden zugutekomme. Diese Einschätzung bestätigt Dennis Keyssler: „Das Klima ist schon gelegentlich Thema, aber es hält die Leute nicht vom Kauf ab. Kombis und Limousinen sind wegen ihrer niedrigen Einstiegshöhe einfach nicht mehr so gefragt.“

Man kann es aber auch anders sehen: Der SUV-Boom sei sogar gut im Kampf gegen den Klimawandel, meint zumindest Dudenhöffer. Denn: SUVs hätten sehr große Gewinnmargen und könnten so Geld zur Verfügung stellen, das die Hersteller dann in die Transformation ihrer Antriebsstränge investieren können, vermutet der Autoexperte. Ähnlich sieht es Woltmann-Knigge.

Dudenhöffer ergänzt zudem, dass jeder verkaufte SUV den Druck auf die Hersteller erhöhe, E-Autos zu verkaufen, damit sie die CO2-Regelung der EU einhalten. Die Regelung sieht vor, dass die Flotte der Hersteller im Schnitt maximal 95 Gramm CO2 pro Kilometer und Auto ausstoßen darf. Ohnehin sei aber das eigentliche Problem nicht der CO2-Ausstoß, sondern die Größe von SUVs. Diese stehe dem Platzmangel in Großstädten gegenüber, meint Dudenhöffer. Laut Keyssler ist das für Autokäufer allerdings kein Thema.

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