Flughafen Bremen

Tarifkonflikt: Streik-Spektakel im leeren Terminal

Verwaiste Hallen, gestrichene Flüge: Sicherheitsleute haben in Bremen und in ganz Deutschland den Flugverkehr lahmgelegt.
15.01.2019, 18:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Peter Hanuschke und Marlena Gaul

Der Bremer Flughafen ist am Dienstagvormittag wie leergefegt. Nur vereinzelt sind Reisende anzutreffen oder Mitarbeiter der Airport-Shops im Terminal, die nur selten einen Kunden zu bedienen haben. Vor dem Terminal dagegen herrscht ein ordentliches Spektakel: Dafür sorgen die etwa 65 Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, ausgestattet mit Trillerpfeifen, die ständig im Einsatz sind, und Megafone, um ihre Forderungen mit ordentlicher Lautstärke den anwesenden Journalisten mitzuteilen.

Die Anzahl der Streikenden entspreche in etwa einer Schicht, so Herbert Behrens von der Gewerkschaft Verdi. Insgesamt waren laut Verdi 200 Sicherheitsangestellte am Bremer Flughafen zum Warnstreik aufgerufen.

Der Warnstreik der Sicherheitskräfte hat den Flugverkehr am Dienstag nicht nur in Bremen massiv behindert, sondern gleich an mehreren deutschen Flughäfen. Hunderte Flüge mussten ausfallen, zehntausende Passagiere kamen nicht ans Ziel. Es handelt sich um die dritte Warnstreikwelle der Gewerkschaft Verdi, die für die Luftsicherheitsassistenten einen bundesweit einheitlichen Stundenlohn von 20 Euro erstreiten will. Auch der Deutsche Beamtenbund (DBB) hat seine Mitglieder zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen.

Begonnen hatte der Warnstreiktag um Mitternacht an den Flughäfen Bremen, Hamburg und Hannover. Dort sollte das Sicherheitspersonal den ganzen Dienstag nicht arbeiten. Behrens zufolge sollten in Bremen 17 von 32 Abflügen und acht von 16 Ankünften wegen des Streiks ausfallen. „Wir streiken aber nicht gegen die Passagiere„, sagte der Gewerkschafter. “Schuld daran, dass sie nicht fliegen können, hat der Arbeitgeber, der nicht bereit ist, ein vernünftiges Angebot abzugeben.“

Massive Beeinträchtigungen

Laut Flughafensprecherin Andrea Hartmann war die Lage am Hans-Koschnick-Airport „entspannt und ruhig“. Von 58 Flügen seien 31 gestrichen worden. Die Sicherheitskontrolle sei gewährleistet gewesen, und es habe keine Wartezeiten gegeben.

In Hamburg wurden 92 Ankünfte und 110 Abflüge für den Dienstag gestrichen, wie eine Sprecherin des Hamburger Flughafens mitteilte. Das waren 202 der für den Dienstag angesetzten 357 Flüge.

Seit 2 Uhr beteiligte sich auch das Sicherheitspersonal an Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt/Main. „Der Flugverkehr ist massiv beeinträchtigt“, sagte Verdi-Verhandlungsführer Benjamin Roscher in Frankfurt. Rund die Hälfte der geplanten 1200 An- und Abflüge wurden nach Angaben des Betreibers Fraport von den Fluggesellschaften gestrichen, viele weitere hatten Verspätungen.

Hintergrund sind die bislang ergebnislosen Tarifverhandlungen zwischen dem Bundesverband der Luftsicherung (BDLS) sowie DBB und Verdi für rund 23.000 Beschäftigte der Flugsicherheit. Verdi sprach von einem Warnsignal an die Arbeitgeber, ein verhandlungsfähiges Angebot vorzulegen. „Wir hoffen, dass die Arbeitgeber endlich auf unsere Forderungen eingehen, die Signale der Belegschaften hören und merken, dass die Beschäftigten für ihre Forderungen eintreten und auch bereit sind, hier in den Streik zu treten“, erklärte Verdi-Verhandlungsführer Roscher.

Nach einer Kundgebung vor dem Flughafengebäude sorgten die Bremer Streikenden dafür, dass es auch im Terminal laut wurde: Mit ihren gelben Verdi-Westen marschierten sie durch die Abflug- und Ankunftshalle, vorneweg stand auf einem großem Banner „Mal am Boden bleiben“. Auf kleineren Plakaten war zu lesen: „Wir sind es wert“. Der Dauereinsatz der Trillerpfeifen sorgte in der leeren Halle für umso mehr Krach.

Es hat offensichtlich funktioniert, dass die Airlines ihre Kunden rechtzeitig informierten, damit sich Reisende auf die Flugausfälle einstellen konnten. Immerhin war der Warnstreik bereits am Sonntag angekündigt worden. Die vereinzelt anzutreffenden Passagiere am Bremer Airport machten auf jeden Fall einen zufriedenen Eindruck – sie gehörten offensichtlich nicht zu denen, deren Flug abgesagt wurde. Niemand wirkte wie ein gestrandeter und frustrierter Reisender.

Bislang sind die Stundenlöhne der Sicherheitsleute an deutschen Flughäfen regional sehr unterschiedlich geregelt. Das soll sich nach den Vorstellungen der Gewerkschaft künftig ändern: Verdi fordert für die Kontrolleure von Passagieren, Fracht und Personal eine bundesweit einheitliche Bezahlung von 20 Euro brutto pro Stunde, bei DBB sind es 19,50 Uhr. Derzeit liegt der Verdienst der Sicherheitsmitarbeiter für die Gepäck- und Personalkontrolle bei 11,30 Euro – 12,90 Euro mit Zulagen – in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die bundesdeutschen Spitzenwerte liegen bei 14,84 Euro beziehungsweise 15,78 Euro.

Sicherheitsmitarbeiter in der Passagierkontrolle haben in den ostdeutschen Bundesländern einen Stundenlohn von 14,70 Euro. Am höchsten ist er mit 17,16 Euro in Baden-Württemberg. In Bremen liegt der Stundenlohn laut Verdi für Sicherheitsmitarbeiter der Gepäck- und Personalkontrolle bei 15,50 Euro und für Sicherheitsmitarbeiter in der Passagierkontrolle bei 17 Euro.

Bis zu 77 Prozent Lohnplus gefordert

Damit bewege sich die Verdi-Forderung zwischen 77 und 17 Prozent Steigerung zuzüglich höherer Zulagen, heißt es im Branchenportal Airliners. „Es ist an der Zeit, die Löhne zwischen Ost und West anzugleichen, auch beim Sicherheitspersonal. Die von den Arbeitgebern angebotene Angleichung an das Westniveau in fünf bis sechs Jahren dauert uns viel zu lange“, verteidigte Christel Tempel, Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Sachsen, Sachsen-Anhat und Thüringen im Gespräch mit dem MDR-Magazin „Umschau“ die aktuelle Tarifforderung.

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Aus Sicht von Airliners scheint diese „sportliche“ Gewerkschafts-Forderung insgesamt gar nicht so weit weg zu sein von dem, was realistisch sein könnte: Immerhin seien im Sommer Aushilfen auch schon mit Stundenlöhnen von bis zu 19,50 Euro geködert worden.

Für BDLS-Verhandlungsführer Rainer Friebertshäuser sind die Forderungen völlig überzogen: „Wir haben für Hamburg bereits im Dezember bis zu 3,4 Prozent Erhöhung pro Jahr angeboten.“ Die Forderungen der Gewerkschaft, alleine in Hamburg die Löhne um bis zu 40,85 Prozent anzuheben, seien absurd und wirtschaftlich nicht umsetzbar.

Die Kosten für die Kontrollen werden über Gebühren auf die Tickets und damit auf die Passagiere umgelegt. „Auch die Passagiere müssen wissen: Sicherheit hat ihren Preis“, so Tempel. Verdi-Berechnungen zufolge würde sich jedes Flugticket in Deutschland um schätzungsweise um 50 Cent verteuern, wenn die geforderten Mehrkosten auf die Passagiere umgeschlagen würden.

Wie es weitergeht im Streit zwischen den Sicherheitsmitarbeitern und ihren Mitarbeitern, wird sich am 23. Januar in Berlin zeigen: Dann findet in dem Tarifkonflikt die fünfte Verhandlungsrunde statt.

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