Änderungen ab 2020 Tattoo-Entfernung bald teurer

Fast jeder fünfte Deutsche ist laut Schätzungen tätowiert. Ab Ende 2020 soll die Entfernung nur noch von Ärzten angeboten werden. Damit könnte die Dienstleistung teurer werden, befürchten Tattoo-Träger.
26.08.2019, 06:44
Lesedauer: 3 Min
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Von Anja Sokolow

Tattoos zieren den ganzen Körper der Erzieherin Vanessa Stark aus Berlin. Zwei missglückte Exemplare sollen allerdings wieder verschwinden. Seit Wochen hat die 24-Jährige deshalb mehrere Termine in einem Laserstudio. „Das ist ziemlich ärgerlich und auch nicht gerade billig“, sagt sie. Allein die Entfernung eines Mandalas auf der Hand koste rund 1300 Euro – etwa das Zehnfache dessen, was das Tattoo überhaupt gekostet hat. So wie der Berlinerin geht es vielen Menschen, die sich irgendwann im Laufe ihres Lebens für eine oder mehrere Tätowierungen entschieden haben – sie nun aber wieder loswerden wollen. Künftig könnte dies sogar noch teurer werden.

Tattoo-Entfernung per Laser – das darf momentan noch jeder anbieten, der in Besitz des erforderlichen Gerätes und eines Gewerbescheins ist sowie einen sogenannten Laserschutzkurs absolviert hat. Laut einer neuen Verordnung zum Strahlenschutz darf diese Dienstleitung ab Ende 2020 nur noch von Ärzten angeboten werden. Damit bricht für Laser-Studios eine Einnahmequelle weg: „Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht“, sagt etwa Markus Lühr, Gründer der Kette „Tattoolos“, die mit Heilpraktikern arbeitet. Ärzte darf die GmbH nicht anstellen. „Die Tattoo-Entfernung wird künftig viel teurer, und es wird lange Wartezeiten geben. Ich hoffe, dass das Ganze nicht in eine Grauzone abdriftet und schließlich in Hinterzimmern praktiziert wird“, so Lühr. Diese Befürchtung teilt auch die Gründerin von „Endlich ohne“, Andrea Goeman. „Unsere Kunden sind oftmals sehr belastet durch ihre Tattoos und haben demnächst keine Möglichkeit mehr, sie zu bezahlbaren Preisen legal und professionell entfernen zu lassen. Ich hoffe, dass die Politik doch noch einlenkt“, sagt die Heilpraktikerin aus Hannover. Die neue Regelung sei vernichtend für ihr Unternehmen. Goeman rechnet damit, dass Kunden zur Tattoo-Entfernung künftig auch ins Ausland gehen.

Oft wird von Entfernung abgeraten

Der Hautarzt und Laser-Experte Christian Raulin hingegen betont: „Ein Arzt hat eine Ausbildung, medizinisches Verständnis und vielfach auch eine Ethik.“ In fast der Hälfte der Fälle rate er Patienten von einer Tattoo-Entfernung ab. Und er betont: „Wenn ich sehe, dass die Farben ungünstig sind oder das Tattoo zu groß ist, lasse ich die Finger davon.“ Tattoos, die den halben Oberarm bedecken, sind aus seiner Sicht noch gut zu entfernen. Großflächigen Tätowierungen hingegen prophezeit er ein anderes Schicksal: „Diese Menschen werden die Tattoos ihr ganzes Leben lang behalten müssen.“

Bei einer Laserbehandlung werden die Farbstoffpartikel in kleine Teile zerschossen. Die Bruchstücke sollen dann vom Körper abtransportiert oder abgebaut werden. Mögliche Nebenwirkungen: Bei der Zerstörung von Pigmenten können nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz giftige und krebserregende Verbindungen wie Blausäure oder Benzol entstehen. Die Behörde warnt außerdem vor Verbrennungen, Pigment-Veränderungen, Entzündungen und Narbenbildung, wenn der Laser nicht richtig eingesetzt wird.

„Wenn sich in einem Tattoo ein verdächtiges Muttermal befindet, kann sich nach einer Laserbehandlung nahezu unbemerkt Hautkrebs entwickeln“, warnt zudem Hautarzt Raulin. Darüber hinaus sei es möglich, dass sich allergieauslösende Substanzen aus der Tattoo-Farbe im Körper verteilen.

Der Lasereinsatz ist aus Sicht des Hautarztes die beste Option, um ein Tattoo zu entfernen. Tätowierungen könnten auch abgeschliffen und abgefeilt, mit Säure weggeätzt oder mit flüssigem Stickstoff per Kältetherapie behandelt werden. Wegen ästhetisch inakzeptabler Narben, Pigmentstörungen und sonstiger dauerhafter Nebenwirkungen seien diese Verfahren aber strikt abzulehnen, betont der Hautarzt.

Im Idealfall lasse sich eine Profi-Tätowierung nach bis zu 20 oder mehr Sitzungen wieder entfernen. Doch die klinische Erfahrung zeige, dass etwa bei einem Drittel der Patienten auch nach sehr vielen Sitzungen keine vollständige Entfernung gelinge. Vor allem bunte und mehrfarbige Tattoos und solche, die viel Farbpigmente enthalten, seien schwierig zu entfernen, betont der Arzt.

Nicht so hinbekommen wie gewünscht

Die Gründe dafür, Tattoos entfernen zu lassen, seien vielfältig: Weil etwa der Tätowierer das Motiv nicht so hinbekommen hat, wie es gewünscht war. „Da wird aus einer Eule schnell mal eine Ente und aus einem Hai ein Kabeljau“, sagt Tattoo-Spezialist Lühr. Oft hätten sich Motive aber auch einfach überholt, wie zum Beispiel der Name des Ex-Partners; oder sie seien den Trägern unangenehm, das sei häufiger bei großflächigen Tätowierungen in Form eines Geweihs über dem Po der Fall. „Und manchmal soll auch einfach Platz für Neues geschaffen werden.“

Zur Zahl der Tattoo-Träger gibt es nur Schätzungen: Laut einer 2017 veröffentlichten Studie der Universität Leipzig sind es rund 16 Millionen Menschen. „Früher gehörten Tattoos und Piercings in die Schmuddelecke. Heute gelten Menschen mit Körpermodifikationen als aufgeweckte, interessierte Menschen, die sich zu einer sozialen Gruppe bekennen“, sagt Studienautor Elmar Brähler

Vanessa Stark ist mit der Arbeit ihres früheren Tätowierers unzufrieden: „Die Linien sind viel zu dick“, sagt die Neuköllnerin und zeigt auf das Mandala auf ihrer Hand. Noch ärgerlicher sei aber ein Tattoo auf ihrem Oberschenkel. „Hier wurde viel zu tief gestochen, und es haben sich Narben gebildet.“

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