900 Arbeitsplätze fallen weg

Teile von Senvion verkauft - Rest wird abgewickelt

Der Verkauf von Teilen des insolventen Windanlagenbauers Senvion, der auch ein Werk in Bremerhaven hat, an den deutsch-spanischen Konkurrenten Siemens Gamesa ist perfekt.
21.10.2019, 10:06
Lesedauer: 3 Min
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Teile von Senvion verkauft - Rest wird abgewickelt
Von Peter Hanuschke
Teile von Senvion verkauft - Rest wird abgewickelt

Weltweit hat der Senvion-Konzern etwa 3500 Mitarbeiter.

Carsten Rehder/dpa

Der geplante Teilverkauf des insolventen Windanlagenhersteller Senvion an den deutsch-spanischen Mitbewerber Siemens-Gamesa Renewable Energy ist vollzogen: Für einen Kaufpreis von 200 Millionen Euro erwirbt Siemens-Gamesa die Onshore-Rotorblattfertigung in Portugal sowie große Teile des europäischen Dienstleistungsgeschäft für Windanlagen an Land, teilte das Unternehmen am Montag mit. Die IG Metall Küste begrüßt den Abschluss der Verhandlungen: Nun zeichne sich immerhin für etwa 500 der noch 1400 Beschäftigten in Deutschland eine langfristige Perspektive ab.

Senvion – hinter dem Konzern steht mit 71 Prozent als Mehrheitsaktionär der US-Finanzinvestor Centerbridge – hatte im April Insolvenz angemeldet. Seit August war klar, dass Senvion Teile seines Geschäftsbetriebs stilllegen muss. Die Turbinenfertigung in Bremerhaven mit 200 Mitarbeitern steht zum Jahresende vor der Schließung. Erste Kündigungen sind ausgesprochen. Mit dem Aus verabschiedet sich einer der Pioniere der Windkraftbranche in Deutschland. In Bremerhaven war Senvion der letzte noch verbliebene Windkraftanlagenhersteller, der Turbinen für Onshore- und Offshoreanlagen produziert hat. Betroffen von der Senvion-Abwicklung sind neben Bremerhaven die Standorte in Schleswig-Holstein (800 Mitarbeiter) und Hamburg mit etwa 400 Mitarbeitern.

Eine grundsätzliche Vereinbarung für den Teilverkauf war bereits Mitte September getroffen worden, der Gläubigerausschuss von Senvion stimmte vor einigen Tagen zu. Für einige Geschäftsbereiche, etwa für die Aktivitäten in Indien und das außereuropäische Service-Geschäft, laufen weitere Verhandlungen mit potenziellen Investoren.

Im Zuge der Übernahme werden insgesamt etwa 2000 Mitarbeiter von Senvion zu Siemens-Gamesa wechseln. Das entspreche 60 Prozent der Stellen, teilt Senvion mit. „Es wird höchste Zeit, dass die Hängepartie für die Beschäftigten endet“, sagt Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. „Seit Monaten bleibt ihnen nur, auf Ergebnisse der Verhandlungen zu warten.“ Mit der Übernahme zeichne sich zumindest für etwa 500 der Beschäftigten in Deutschland eine langfristige Perspektive ab. „Trotzdem ist es schmerzhaft, dass Hunderte Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verlieren.“

Nachdem bereits 270 Beschäftigte zum 1. Oktober in Transfergesellschaften haben wechseln können, erwartet die Gewerkschaft, dass dies auch für die weiteren, etwa 600 in den nächsten Monaten von Kündigungen bedrohten Mitarbeiter ermöglicht wird. „Um sie vor der Arbeitslosigkeit zu schützen, haben wir uns mit der Insolvenzverwaltung auf die Einrichtung von Transfergesellschaften geeinigt“, sagt Geiken. „Die Transfergesellschaften für die weiteren Mitarbeiter stehen allerdings noch unter Finanzierungsvorbehalt, der nach dem Vertragsabschluss mit Siemens-Gamesa hoffentlich bald fallen kann.“ Da dieses arbeitsmarktpolitische Element mit einer Mindestlaufzeit von vier Monaten bisher nur gering ausgestattet sei, sei die Gewerkschaft mit den Landesregierungen in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein über eine mögliche Verlängerung im Gespräch. Außerdem fordert die IG Metall Küste eine Lösung für die Auszubildenden in Bremerhaven.

Durch die Übernahme von Senvion-Serviceverträgen für Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 8,9 Gigawatt (GW) erhöht sich die von Siemens-Gamesa gewartete Turbinenleistung an Land auf insgesamt fast 69 GW. Die Übernahme trage dazu bei, die geschäftliche und geografische Aufstellung von Siemens-Gamesa zu diversifizieren, teilt Siemens-Gamesa mit. Die Serviceverträge verfügten über eine lange Laufzeit und bieten eine hohe Sichtbarkeit im Markt.

„Diese Transaktion ist ein wichtiger Schritt nach vorne für Siemens-Gamesa“, sagt Markus Tacke, Geschäftsführer von Siemens-Gamesa Renewable Energy. „Die Einbindung der Service-Geschäftsbereiche von Senvion ermöglicht es uns, das Wachstum in einem wichtigen Marktsegment voranzutreiben und unsere Kapazitäten in Deutschland und anderen wichtigen europäischen Märkten entscheidend zu erweitern, während die Rotorblattfertigung uns hilft, Risiken im schwierigen Handelsumfeld zu minimieren.“ Zudem ermögliche das geistige Eigentum von Senvion es Siemens-Gamesa, sein Technologieportfolio für die künftige Unternehmensentwicklung zu erweitern.

Die übernommene Onshore-Rotorblattfertigung in Portugal sei eine der wettbewerbsfähigsten Produktionsstätten in Europa, teilt Siemens-Gamesa mit. Das Werk in Vagos werde dazu beitragen, die industrielle Wertschöpfungskette des Unternehmens zu stärken und die Abhängigkeit von Lieferanten aus Asien zu verringern. Damit reduziere das Unternehmen die Auswirkungen aktuell volatiler Handelsbedingungen.

Die Onshore-Rotorblattfertigung in Portugal hatte ihren Ursprung in Bremerhaven. 2017 hatte Senvion als Muttergesellschaft die Produktion von Powerblades nach Portugal verlegt. Betroffen waren davon in der Seestadt etwa 250 Mitarbeiter. Im selben Jahr hatte Senvion auch schon Betriebsstätten in Husum in Schleswig-Holstein und in Trampe in Brandenburg geschlossen. Das Unternehmen hatte diese Maßnahmen mit einem stärker werdenden Wettbewerbs- und Preisdruck begründet.

Siemens-Gamesa geht davon aus, dass der Kauf in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2020 abgeschlossen ist.

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+++Dieser Text wurde um 11.16 Uhr aktualisiert+++

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