Interview „Tesla würde wunderbar passen“

Ein Baum vor der Tür reicht nicht mehr. Immer mehr Unternehmen sehen, wie gut ein grünes Image fürs Geschäft ist. So plant Bremerhaven ein grünes Gewerbegebiet, um Unternehmen anzulocken – wie Tesla.
22.08.2017, 21:29
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Tesla würde wunderbar passen“
Von Lisa Schröder

Bremerhaven plant ein grünes Gewerbegebiet. Worum geht es dabei?

Annette Schimmel: Wir wollen auf den gewerblichen Flächen der Luneplate ein nachhaltig ausgerichtetes Gewerbegebiet entwickeln. Das ist das Ziel. Es soll mit erneuerbarer Energie versorgt werden. Ursprünglich hatten wir geplant, 40 Hektar der Fläche als grünes Gewerbegebiet zu entwickeln. Wir sind derzeit in der Findungsphase, wie das aussehen kann. Das hängt vom Bedarf und von den Rahmenbedingungen ab. Das Gebiet liegt in unmittelbarer Nähe zum Naturschutzgebiet Große Luneplate. Deshalb gibt es spezielle Anforderungen.

Ursprünglich. Sie denken bereits größer?

Wir haben überlegt: Bauen wir einen Zaun? Ziehen wir eine Grenze? Oder macht es nicht sogar Sinn, das ganze Gebiet grün zu gestalten. Das hängt natürlich von den Kosten und der Nachfrage ab. Am nächsten Montag startet ein Werkstattverfahren. Wir haben zwei Planungsteams beauftragt, zu zeichnen, wie diese insgesamt 155 Hektar denn aussehen könnten. Wir haben uns national und international verschiedene Ansätze angeschaut. Wir wollen das Beste und Passendeste für Bremerhaven raussuchen.

Jetzt geht es also um das ganze Gewerbegebiet?

Das ist unser Untersuchungsraum. Die Luneplate ist noch ein grüner Fleck. Es soll nun ein Masterplan für das Gewerbegebiet entwickelt werden. Vertreter der Stadt sind dazu eingeladen, damit sie ihre Expertise gleich einbringen und Bedenken äußern können. Es ist gut, von Anfang an die Experten an den Tisch zu holen, um gezielt zu planen.

Warum ist das Projekt für Bremerhaven interessant?

Wir brauchen weitere Gewerbeflächen, um den Strukturwandel voranzubringen und Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist unsere Aufgabe als Wirtschaftsförderungseinrichtung. Wir haben weiterhin eine relativ hohe Arbeitslosigkeit in Bremerhaven. Wir glauben zudem, dass wir mit der Gewerbefläche ein Alleinstellungsmerkmal haben werden. Unsere Recherchen haben gezeigt: Was wir planen, gibt es in der Form noch nicht – auch international. Oft geht es um nachhaltige Weiterentwicklung bestehender Fläche, nicht um die Planung eines grünen Gewerbegebiets von Anfang an.

Was bringt dieses Alleinstellungsmerkmal?

Wir glauben, dass wir ein solches Gewerbegebiet erschließen müssen, weil der Anspruch der Unternehmen und der Wirtschaft in diese Richtung geht. Sie wollen in Zeiten des Fachkräftemangels eine schöne und ansprechende Umgebung für ihre Mitarbeiter bieten – zum Beispiel mit Schutz vor Hitze oder Wind. Unternehmen sind immer mehr bereit, darauf zu achten. Wir wollen außerdem zeigen, dass sich Ökonomie und Ökologie nicht ausschließen. Das ist schwierig, aber erst mal muss man das Maximale fordern.

Was zeichnet das grüne Gewerbegebiet noch aus?

Die Versorgung mit erneuerbareren Energien ist ein wichtiger Baustein. Wir finden auch den Ansatz der Niederländer ganz interessant, dass es einen Gebietsmanager für das Gewerbegebiet gibt. Der kümmert sich zum Beispiel um Ressourceneffizienz: Wenn ein Betrieb Abwärme produziert, kann davon ein anderer vielleicht profitieren. Abfälle einer Produktion können ebenfalls ein wichtiger Rohstoff sein. Das bedarf einer Organisation. Dieser Austausch, voneinander nachhaltig zu profitieren, macht unserer Vorstellung nach ein zukunftsfähiges Gewerbegebiet aus.

Energie ist also ein wichtiges Thema.

Ja. Wir bauen dabei unter anderem auf einer alten Idee auf. Als vor fünfzehn Jahren der Neubau des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) geplant wurde, gab es Überlegungen, das AWI mit Wärme aus Geothermie zu versorgen. Das hätte einem Klimaforschungsinstitut gut zu Gesicht gestanden. Doch die Bohrkosten sind damals explodiert. In den letzten Jahren hat sich bei der Technik aber viel getan. Wir holen die Idee aus der Schublade und prüfen, ob sie heute wirtschaftlich ist.

Wie wird das Projekt grünes Gewerbegebiet unterstützt?

Es wird gefördert im Rahmen der Gemeinschaftsaufgaben zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur. Das sind Bundesmittel, die jedoch zusätzlich vom Land Bremen kofinanziert werden. 25 Prozent steuert zudem die Stadt Bremerhaven bei. Mit diesem Geld werden die Kosten für die Planung gedeckt, meine Stelle und das Marketing.

Das Projekt wird durch einen Blog begleitet.

Genau. Wir hatten zuerst die Idee, einen Newsletter zu verschicken, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Viele Leute sind über Facebook und Twitter unterwegs. Wir füllen den Blog mit interessanten Beiträgen aus Bremerhaven. Damit wollen wir regional und national zeigen, dass wir nicht bei null anfangen, sondern dass es hier schon eine ganze Menge gibt. Wir wollen Bremerhaven als Standort der Green Economy bekannt machen.

Woran machen Sie fest, dass dieses Thema in der Stadt längst angekommen ist?

Zum einen gibt es das AWI. Das Forschungsinstitut ist schon in den 80er-Jahren entstanden und beschäftigt sich mit dem Klimawandel. International hat es einen ausgezeichneten Ruf. Daneben gibt es viele Bausteine: Die Fischwirtschaft hier hat das MSC-Siegel mitentwickelt, das für nachhaltige Fischerei steht, Greenports setzt sich schon lange für die Nachhaltigkeit der bremischen Häfen ein, die Offshore-Industrie trägt per se dazu bei, dass unser Klima geschützt wird.

Wenn man Auswärtige fragt, was ihnen zu Bremerhaven einfällt, dann ist es Fisch – und natürlich das Klimahaus. Diese Puzzleteile zeigen, das grüne Gewerbegebiet ist nicht einfach so aus dem Boden gestampft, weil es Mode ist. Wenn wir den Strukturwandel bewältigen wollen, brauchen wir zudem ein Thema, das passt, das authentisch ist. Wir werden keine Bankenstadt oder Medienstadt. Wir haben eine maritime Vergangenheit.

Das Projekt soll das Image des Standorts prägen. Welche Unternehmen und welche Branchen wollen Sie damit nach Bremerhaven locken?

Grundsätzlich alle Unternehmen. Wir wollen niemanden ausschließen. Spannend ist das Gewerbegebiet aber gerade für diejenigen, die ein Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften haben. Darauf achten immer mehr Unternehmen. Für die gesamte Green-Tech-Branche könnte die Umgebung sehr interessant sein. Sie wollen nicht nur klimafreundliche Produkte produzieren, sondern das auch in einem passenden Umfeld tun.

Was kostet ein grünes Gewerbegebiet?

Das kann ich überhaupt nicht sagen. So weit sind wir noch nicht. Ich konkretisiere das Konzept Green Economy derzeit zunächst für Bremerhaven.

Sie haben sich im Ausland umgesehen. Aus welchen Ideen kann Bremerhaven lernen?

Das niederländische Venlo beschäftigt sich mit dem Thema Cradle to Cradle. Dabei sollen Rohstoffe dem Wertstoffkreislauf wieder zugeführt und nicht einfach weggeworfen werden. Konsumieren macht dann Spaß. Für Wirtschaftsförderer ist Cradle to Cradle eine attraktive Idee, denn Konsum und Innovation sind am Ende nicht mit Wohlstandsmüll verbunden.

Das Rathaus der Stadt Venlo verwendet zum Beispiel Teppiche, die vom Hersteller wiederverwendet werden, wenn sie abgelaufen sind. Die Investitionskosten für solche nachhaltigen Ideen sind vielleicht zunächst höher, aber weil der Unterhalt günstig ist und es einen höheren Restwert gibt, trägt sich das Ganze und ist wirtschaftlich. Solche Ideen möchten wir gerne auch in Bremerhaven umsetzen.

Hat Bremerhaven ebenso wie Bremen Probleme, Gewerbeflächen anzubieten?

In der Vergangenheit haben wir zum Beispiel einem Ansiedlungsinteressenten absagen müssen, weil keine passende Gewerbefläche erschlossen war. Wir haben noch Platz für das Logistikgewerbe, sonst gibt es nur noch Restflächen. Wenn ein großes Unternehmen anfragen würde – zum Beispiel Tesla – wird es schon eng. Wir müssen entsprechende Gewerbeflächen vorhalten. Die Luneplate ist in der Stadt die letzte große Gewerbefläche.

Bremerhaven hat sich bei Tesla-Chef Elon Musk als Standort für eines der geplanten Werke des Unternehmens in Europa beworben. Soll das Gewerbegebiet der Zukunft den E-Autobauer überzeugen?

Das würde wunderbar passen, auch weil für den Export das Autoterminal hier in Bremerhaven quasi vor der Haustür ist. Die Stadt ist auf jeden Fall attraktiv. In Hamburg sind Gewerbeflächen knapp. Das ist eine Chance für den gesamten Standort. Wir verbinden mit der Vermarktung letztlich die große Hoffnung, die Arbeitslosenquote zu reduzieren.

Ließe sich die Idee eines grünen Gewerbegebiets auch für Bremen umsetzen?

Da müssten Sie die Bremer Kollegen fragen. (lacht) Ich bin davon überzeugt, dass das Thema Zukunft hat. Je mehr sich beteiligen, desto besser für unser Klima. Warum sollten die Bremer nicht noch etwas von Bremerhaven kopieren?

Das Interview führte Lisa Boekhoff.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+