Lernen von der Musik

"Ton ist eine Frage des Respekts"

Karola von Borries ist Cellistin und immer auf der Suche nach dem richtigen Ton. Im Interview erzählt sie, warum der im menschlichen Miteinander so wichtig ist und warum man Zuhören üben sollte.
19.08.2019, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Lakeband
"Ton ist eine Frage des Respekts"

Seit mehr als 30 Jahren spielt Karola von Borries Cello-mittlerweile bei den Bremer Philharmonikern. Um den richtigen Ton zu treffen, empfiehl sie, auch das richtige Zuhören zu üben.

Frank Thomas Koch

Frau von Borries, macht der Ton die Musik?

Karola von Borries: Sehr oft sogar! Den Spruch höre ich als Musikerin häufig und natürlich macht er auch Sinn. Das gilt aber nicht nur für die Musik. Egal in welcher Situation man sich befindet: Der Ton spielt immer eine Rolle.

Inwiefern?

Der Ton kann über die Dynamik einer Situation entscheiden. Gut gewählt kann er eine Atmosphäre des Wohlbefindens zwischen Menschen herstellen, in der eventuell gegensätzliche Meinungen viel konstruktiver und harmonischer zu einer Lösung geführt werden können. Die Wahl oder die Suche nach dem guten Ton ist auch eine Frage des Respektes, den man seinem Umfeld entgegenbringt.

Sie spielen mit vielen anderen Menschen zusammen im Orchester: Wie schwer ist es, dass alle gleichzeitig den richtigen Ton treffen?

Jeder meiner Kollegen beherrscht seit Jahren sein Instrument und ist in der Lage, den richtigen Ton zu treffen. Der ist aber interpretatorisch sehr subjektiv. Musik besteht aus Bildern, die für jeden unterschiedlich aussehen. Da kann zum Beispiel schon das Alter einen Unterschied machen. Auch ich selbst spiele Stücke ganz anders, als ich es vor 20 Jahren gemacht habe. Nicht besser oder schlechter – anders. Im Orchester muss ich mich aber zurücknehmen. Hier müssen wir den Ton spielen, den der Dirigent haben will. Je klarer er seine Vorstellung benennen kann, in Worten oder Bildern, desto einfacher wird es. Umso schöner ist es, wenn am Konzertabend das herauskommt, was wir die Woche zuvor gemeinsam geprobt haben.

Das müssen Sie bitte erklären: Sie können ein und dasselbe Musikstück unterschiedlich spielen? Die Noten bleiben doch die gleichen.

Das funktioniert über Emotionen. Mit Anfang 20 ist man vielleicht ungestüm, will raus, zeigen, was man kann. Ist man älter, kann man ganz andere Gefühle reinbringen, weil man mehr Erfahrungen gesammelt hat. Dadurch wird das Stück intensiver. Es macht auch einen Unterschied, aus welcher Epoche ein Musikstück stammt. In einem Barockstück von Bach beispielsweise suche ich einen schlanken, reinen Klang. In der Romantik ist es anders. Hier ist jeder einzelne Ton beladen mit Leidenschaft, Schmerz und Glück – alles, was da ist.

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Im Orchester müssen Sie das Gleiche wie Ihre Kollegen spielen. Möchte Sie nicht lieber ausbrechen und mal etwas anderes machen?

Ich glaube, so geht es jedem. Wenn ich etwas anders empfinde, möchte ich das am liebsten auch anders machen. Im Orchester geht das aber einfach nicht. Ich muss mich zurücknehmen. Deswegen spiele ich auch Kammermusik, dabei sind wir im Streichquartett zu viert – und da gibt es die Chance, selbst etwas zu gestalten.

Adolph Freiherr Knigge hat gesagt: „Lerne den Ton der Gesellschaft anzunehmen, in welcher Du Dich befindest.“ Was halten Sie von diesem Ratschlag?

Sich in eine Gruppe einzufügen und zu schauen, wo man ist, finde ich sinnvoll. Ich glaube aber, dass man sich nicht unterordnen sollte. Besonders, wenn man etwas verändern will. Dann sollte man aber behutsam vorgehen, sich einfügen und einen Kompromiss suchen, mit dem alle zufrieden sind – sonst sprengt man diese Gruppe. Diese Auseinandersetzung kann sehr fruchtbar sein.

Wann haben Sie sich zuletzt im Ton vergriffen?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich fürchte aber, dass mir das auch mal passiert, ohne dass ich es merke. Dass ich jemandem auf die Füße trete, obwohl das nicht meine Absicht war.

Fällt es Ihnen leicht, den richtigen Ton zu treffen?

Meistens ja. Natürlich gibt es aber Situationen, in denen ich mich zusammenreißen muss, weil ich gerne etwas anderes sagen würde. Oft bekomme ich vorher aber nochmal die Kurve.

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Und wenn das mal nicht klappt?

Dann entschuldige ich mich. Wichtig ist, dass man auch hierbei den richtigen Ton trifft.

Und den Fehler eingesteht.

Zugeben, dass man einen Fehler gemacht hat, fällt wohl niemandem leicht. Aber das ist der richtige Weg. Erst wenn man sich selbst hinterfragt, erkennt man, dass man irgendwo falsch abgebogen ist. Dann kann man zurückgehen und die richtige Richtung einschlagen. Würde jeder so ehrlich zu sich selbst sein, würden wir alle besser miteinander klarkommen.

Haben Sie das Gefühl, dass es heutzutage schwerer ist, den richtigen Ton zu treffen?

Dass etwas zum „guten Ton gehört“, ist ein Relikt aus früheren Tagen. Mit diesem Ausdruck verbindet man Tischmanieren, Ausdruck, Umgangsformen, Benehmen. Das wirkt heute antiquiert. Der Gedanke dahinter ist aber immer noch wichtig. Es geht darum, dass die Menschen gut miteinander auskommen. Dass jeder auf jeden achtet, sich alle wohlfühlen – selbst wenn man nicht der gleichen Meinung ist. Dieses Miteinander ist zum Teil verloren gegangen. Heute steht das Ich im Vordergrund.

Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?

Einige Politiker leben vor, wie es auch ohne den guten Ton geht. Es wird gedroht oder beschuldigt, bis man seinen Willen durchgesetzt hat. Jeder verfolgt nur sein eigenes Ziel. Das verselbstständigt sich auch in anderen Teilen der Gesellschaft, etwa in den sozialen Medien.

Sagt es etwas über jemanden aus, wenn er sich regelmäßig im Ton vergreift?

Ich vermute, dass sich diese Person wenig selbst hinterfragt und nicht darauf achtet, wie es den Mitmenschen geht. Für so einen Menschen ist es schwer, sich in eine Gruppe einzufügen.

In welchen Situationen sollte man doch mal einen anderen Ton anschlagen?

Es ist falsch, zu allem Ja und Amen zu sagen. Denn wenn man sich bei etwas unwohl fühlt, sollte man das auch sagen. Ich versuche daher immer, mir treu zu bleiben. Aber auch hier gilt: Der Ton macht die Musik. Wenn ich etwas anders sehe, bemühe ich mich um einen bestimmten, aber dennoch respektvollen Ton.

Kann das Problem auch beim Adressaten der Botschaft der liegen?

Natürlich. Auch ein guter Ton kann missverstanden werden, etwa wenn man andere Erwartungen hat oder aneinander vorbeiredet. Wie in der Musik: Hier hat jeder seine eigenen Vorstellungen von einem Stück. Die passen auch nicht immer zusammen.

Muss man auch das Zuhören üben?

Auf jeden Fall. Vor Jahrzehnten war es in besser gestellten Kreisen noch die Regel, dass Kinder ein Instrument gespielt haben. Dabei haben sie gelernt, zu hören, ob sie falsch oder richtig spielen. Es geht aber auch darum, auf andere zu hören. Das kann auch die Gemeinschaft bereichern. Deswegen machen wir als Bremer Philharmoniker auch so viel Nachwuchsarbeit und kooperieren mit Schulen. Alle Kinder sollen sich mit Musik beschäftigen können, damit sie merken, dass Musik nicht aus der Konserve kommt. Wenn das Radio läuft, berieselt es nur. Aber wer wirklich zuhört, setzt sich auch mit der Musik auseinander. Das hilft in vielen Lebenslagen.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Karola von Borries (43)

hat mit den Bremer Philharmonikern rund 100 Auftritte im Jahr. Sie spielte erst Klavier, bis sie mit elf Jahren das Cello für sich entdeckte. Später studierte sie in Hannover und Berlin und machte einen Abschluss als Diplom-Orchestermusikerin. Seit 2002 ist sie bei den Philharmonikern in Bremen.

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