Frosta-Chef Felix Ahlers fordert mehr gesetzliche Anreize für saubere Lebensmittel / Hilfsprojekte in Afrika "Trickserei mit Zusatzstoffen beenden"

Der jüngste Lebensmittel-Skandal hat die industrielle Landwirtschaft insgesamt in Verruf gebracht. Über die Qualität von Nahrungsgütern und die Tricksereien der Produzenten sprach Petra Sigge mit Felix Ahlers, Vorstandschef des Tiefkühlkost-Herstellers Frosta in Bremerhaven.
01.02.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Der jüngste Lebensmittel-Skandal hat die industrielle Landwirtschaft insgesamt in Verruf gebracht. Über die Qualität von Nahrungsgütern und die Tricksereien der Produzenten sprach Petra Sigge mit Felix Ahlers, Vorstandschef des Tiefkühlkost-Herstellers Frosta in Bremerhaven.

Haben Sie überhaupt noch Appetit auf ein Frühstücksei?

Felix Ahlers: Ja, schon. Aber eins ist klar: Man muss als Verbraucher heute schon genauer hinschauen, was man kauft und kann nicht nur nach dem Preis gehen. Sache des Staates ist es jetzt, Gesetze zu schaffen, die deutlich schärfere Kontrollen ermöglichen. Das wäre auch wichtig, damit ein fairer Wettbewerb stattfinden kann, in dem sich auch die Unternehmen behaupten können, die sich an die Regeln halten. Gut finde ich den Ansatz, dass künftig die Namen von Firmen öffentlich gemacht werden sollen, die dagegen verstoßen haben. Aus meiner Sicht ist das der richtige Weg und ich verstehe eigentlich nicht die zum Teil heftige Kritik aus der Industrie daran.

Handelt es sich beim jüngsten Dioxinskandal denn um Straftaten einzelner oder liegt der Fehler in einem Produktionssystem, das nach dem Motto "Hauptsache billig" verfährt?

Wenn die Verbraucher vorzugsweise billig kaufen, ist der Druck natürlich entsprechend hoch, immer noch billigere Lebensmittel herzustellen. Das kann aber ja nicht als Entschuldigung für Gesetzesverstöße dienen. Man muss eben auch mal sagen: Zu dem Preis können wir das nicht und dann darf man's eben auch nicht machen.

Wie stellen Sie denn sicher, dass nur einwandfreie Produkte verwendet werden?

Wir brauchen für unsere Gerichte mehr als 10000 verschiedene Zutaten. Da können Sie nicht Hunderte von Lieferanten gleichzeitig kontrollieren. Wir beschränken uns deshalb auf wenige Lieferanten, die wir regelmäßig besuchen, um sicherzugehen, dass die Produkte in Ordnung sind. Das sind Landwirte, mit denen wir zum Teil schon seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Wer dagegen lieber auf dem Spotmarkt das Billigste kauft, was gerade erhältlich ist, riskiert eher, dass er mal danebengreift und schlechte Qualität einkauft.

Haben Sie denn schon mal Probleme mit Lieferanten gehabt?

Das liegt schon länger zurück. Da haben wir uns von einigen Fischlieferanten getrennt, weil unklar war, ob sauber gefischt wurde oder mit zu kleinmaschigen Netzen.

Welche Konsequenzen wären nötig, um die Verbraucher besser zu schützen?

Das wirklich größte Problem im Lebensmittelbereich ist aus meiner Sicht die Trickserei mit Zusatzstoffen. Zum Beispiel können Sie heute mit 3000 sogenannten natürlichen Aromen jeden Geschmack nachahmen, den sie möchten, und dadurch die Lebensmittel billiger machen. Das ist auch grundsätzlich erlaubt. Bloß der Verbraucher muss es verstehen können. Er geht davon aus, dass das auf seinem Himbeerjoghurt als "natürlich" deklarierte Aroma aus Himbeeren kommt. Das ist aber eben nicht der Fall, sondern der Geschmack kommt aus irgendwelchen Stoffen, die mit Himbeeren nichts zu tun haben. So können Aromen im Labor mithilfe von Schimmelpilzkulturen oder Sägespänen produziert werden und dürfen trotzdem als natürliche Aromen bezeichnet werden, weil sie aus natürlichen Materialien extrahiert werden. Das ist nichts anderes als eine legale Täuschung der Verbraucher.

Und der fällt drauf rein?

Klar. Das Problem ist ja: Jeder darf ganz groß auf die Verpackung schreiben "ohne künstliche Aromen und Farbstoffe". Solche Auslobungen gibt es heute überall. Da heißt es auch immer wieder "ohne den Zusatzstoff Geschmacksverstärker", und trotzdem ist Glutamat drin. Der Verbraucher aber denkt bei solchen Aussagen, es sei alles in Ordnung. Da ist das Lebensmittelgesetz bisher einfach viel zu unklar. Solche Schleichwege, die die Industrie nutzt, um Zusatzstoffe im Essen zu verschleiern, müssen unbedingt versperrt werden, damit für die Konsumenten wieder durchschaubar wird, was gute und was schlechte Lebensmittel sind.

Der Frosta-Chef hat da leicht reden: Ihre Firma wirbt ja schon seit 2003 damit, komplett auf jegliche Zusatzstoffe und Aromen zu verzichten.

Und gleichzeitig werden bei uns alle verwendeten Zutaten zu hundert Prozent auf der Verpackung angegeben. Sammelbegriffe wie Gewürze oder Brühe kommen bei uns nicht auf die Tüte. Wir sind für totale Transparenz. Bislang sind wir allerdings der einzige Hersteller von Fertiggerichten, der diesen Ansatz verfolgt. Aus unserer Sicht ist es aber der einzig richtige Weg, um von der Billigproduktion wegzukommen.

Wieso?

Wenn die Verbraucher sowieso nicht mehr wissen, was sie essen, weil sie nicht nachvollziehen können, was in den Produkten drin ist, werden sie logischerweise das Billigste kaufen. Dann produzieren die Hersteller auch nur möglichst billig und müssen dazu eben noch mehr Zusatzstoffe einsetzen. Die sorgen ja auch dafür, dass sich die Produkte problemloser maschinell verarbeiten lassen oder länger haltbar sind. Das ist ein fataler Trend, weil er im Grunde diejenigen nicht mehr belohnt, die gute Lebensmittel produzieren. Vor allem das müsste der Gesetzgeber ändern, damit auch wieder ein Anreiz besteht, saubere, unverfälschte Produkte herzustellen. Bisher ist das am massiven Widerstand der Industrievertreter gescheitert.

Hat die Lebensmittelindustrie denn eine so starke Lobby?

Ja, das hat sie. Aber ich glaube, dass sie sich damit nur selbst ein Bein stellt. Letztlich kann ja niemand in der Branche ein Interesse daran haben, dass die Verbraucher den industriell erzeugten Lebensmitteln nicht mehr trauen.

Als Unternehmer tanzen Sie aus der Reihe, weil Sie zum Beispiel keinen dicken Mercedes fahren, sondern einen Fiat 500, und sagen, Prestige sei Ihnen nicht wichtig. Was ist Ihnen denn wichtig?

Das Wichtigste ist für mich, dass unsere Produkte so sind, dass ich sie auch selbst gern essen möchte. Zu einem guten Produkt gehört aber nicht nur, dass es gut schmeckt, sondern dass bei der Herstellung auf die Nachhaltigkeit geachtet wurde. Bei uns wird zum Beispiel keine einzige Zutat per Flugzeug hertransportiert. Gemüse und Obst beziehen wir ausschließlich aus dem Freilandanbau, niemals aus beheizten Treibhäusern. Grundsätzlich verwenden wir Rohstoffe, die gar nicht oder kaum vorverarbeitet wurden. Das heißt, wir nehmen zum Beispiel Milch statt Milchpulver oder frische statt Trockennudeln. Durch die Umstellung auf regenerative Energien wollen wir außerdem unsere CO2-Emissionen, die bei der Herstellung anfallen, bis 2013 um 70 Prozent senken.

Und wie steht es um Ihr Engagement in Afrika? Sie haben doch zusammen mit dem ehemaligen Fotomodell Waris Dirie, der Autorin von "Wüstenblume", gerade einen Fonds gegründet, der afrikanische Unternehmensgründungen fördern soll.

Entstanden ist das Ganze eigentlich 2008, als ich in Äthiopien war und mir dort klar wurde, dass diese ganze Entwicklungshilfe, die wir heute leisten, teilweise sehr heuchlerisch ist. So geben wir einerseits große Mengen Geld in die Entwicklungsländer, wenn es aber darum geht, mit den Leuten Handel zu treiben, dann schließen wir die Grenzen. Bis 2008 hatte sich Deutschland durch hohe Schutzzölle für alle verarbeiteten Produkte abgeschottet. Egal ob Kaffee oder Lederwaren - alles wurde mit 30 Prozent Zoll belegt. Die Einfuhr von Rohstoffen war dagegen umsonst. Und so haben wir es geschickt geschafft, die Wertschöpfung zu uns zu holen und unsere eigenen Industrien zu beschäftigen. Aber man kann dann eigentlich auch nicht wirklich behaupten, dass es einem um die Entwicklung der Lieferländer geht. Das funktioniert nur, wenn die Wertschöpfung im Lande bleibt. Man muss also den Menschen ermöglichen, die Rohstoffe in ihrem eigenen Land weiterzuverarbeiten und danach zu exportieren.

Dadurch würden dort auch mehr qualifizierte Jobs entstehen. Wenn wir dabei nicht helfen, werden Entwicklungsländer immer Entwicklungsländer bleiben.

Was können Sie da konkret ausrichten?

Nachdem 2008 der Zollsatz auch für verarbeitete Produkte auf null gesetzt worden ist, habe ich angefangen, fertigen Röstkaffee zu importieren. Ich wollte beispielhaft zeigen, dass es keinen Grund gibt, nicht auch im Ursprungsland den Kaffee zu rösten und zu verarbeiten. Verkauft wird der Kaffee bislang in 44 Karstadt-Filialen, wir sind aber auch mit anderen Händlern im Gespräch. Daneben habe ich noch zwei weitere Firmen gegründet. Eine stellt Pilzsporen her, die andere ätherische Öle. Auch diese Produkte wollen wir nach Deutschland exportieren. Bisher bedienen beide Firmen nur den lokalen Markt. Über die Stiftung mit Waris Dirie sollen dann in Zukunft noch weitere solcher Unternehmen aufgebaut werden. In die beiden ersten Firmen habe ich jeweils 25 000 Euro gesteckt.

Soll sich dieses Engagement eines Tages auch für Sie auszahlen?

Ich sage dort immer allen, dass es auch darum geht, Geschäfte zu machen, von denen beide Seiten profitieren. Ich halte langfristig nichts davon, nur Geld zu spenden. Das führt eher dazu, dass die Leute ihre Eigeninitiative und Eigenverantwortung verlieren. Wenn man aber sagt, wir sind Partner und unterhalten uns auf Augenhöhe, ist sofort eine ganz andere Bereitschaft da, Leistung zu bringen. Und die Menschen können sich ihren Stolz bewahren.

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