Erste Bilanz in der Krise

Bremer Händler verkaufen mehr Fahrräder

Trotz Lockdown: Fahrradhändler und -hersteller haben nach eigenen Angaben schon jetzt mehr Räder verkauft als im Vorjahreszeitraum. Welche Räder sich besonders gut verkaufen.
02.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Händler verkaufen mehr Fahrräder
Von Eva Przybyla
Bremer Händler verkaufen mehr Fahrräder

Fahrradverkäufer Anton Richter vom Geschäft Speiche hat seit der Wiedereröffnung viel zu tun. Die Kunden stehen Schlange, sagt er.

Christina Kuhaupt

Vor dem Fahrradgeschäft Speiche am Fehrfeld stehen die Menschen Schlange. Seit der Wiedereröffnung am 20. April sei der Andrang groß, sagt Verkäufer Anton Richter. Er ist überzeugt: Der Fahrradboom, von dem Händler und Hersteller bundesweit berichten, hat auch Bremen erreicht. Schon jetzt seien mehr Räder verkauft worden als im Vorjahresquartal, sagt der Speiche-Verkäufer – und das trotz Lockdowns.

Für die Fahrradbranche sind März und April die wichtigsten Monate, vergleichbar mit dem Weihnachtsgeschäft im übrigen Handel. Dieses Jahr verdarb die Corona-Krise zunächst den Saisonstart: Die unmittelbaren Auswirkungen durch gestörte Lieferketten und geschlossene Läden seien auch in der Radbranche heftig gewesen, erklärt der Verband des Deutschen Zweiradhandels. Die Umsatzeinbußen lagen demnach bei 30 bis 60 Prozent. Nun sei aber überall eine Aufholjagd zu beobachten.

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Im Ostertor verkaufen sich nach Angaben von Anton Richter besonders Sporträder und E-Bikes gut. Er vermutet, dass viele Menschen das Geld, mit dem sie sonst eine lange Urlaubsreise finanzieren, nun in ein Pedelec investierten. Auch Kristoffer Reed von Sonsteby's Radsport und Werkstatt in Schwachhausen ist überzeugt, dass der Fahrradboom auf die gestiegenen Verkäufe von elektrischen Rädern zurückzuführen ist.

Einen Anstieg nicht nur bei den E-Bikes, sondern ebenso auch bei den Stadträdern, stellt Bernd Heumann, Geschäftsführer von BOC fest. „Viele Menschen kaufen derzeit Räder für den Weg zur Arbeit“, sagt er. Bundesweit gibt es 36 BOC-Filialen, darunter Niederlassungen in Brinkum und im Bremer Ortsteil Hastedt. „Alle Filialen laufen außerordentlich gut“, sagt Heumann. Insgesamt sei doppelt so viel verkauft worden wie im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz im Online-Fahrradhandel sei bereits während des Lockdowns nach oben geschnellt. Und auch nach Öffnung der Filialen sei er auf einem hohen Niveau geblieben.

Ausgeweitete Arbeitszeiten

Deutlich mehr Fahrradverkäufe verzeichnen nach eigenen Angaben auch Radschlag im Ostertor, Fahrradfeinkost in Schwachhausen sowie Max Weigl in Walle. Olaf Otto, Inhaber des Geschäfts im Bremer Westen, musste nach eigenen Angaben die Arbeitszeiten ausweiten, um dem Ansturm gerecht zu werden. Denn Kunden wollen nicht nur kaufen, sondern ihre Räder in den Fahrradwerkstätten auch wieder fit machen lassen.

Radverbände und Händler beobachten seit Jahren eine steigende Nachfrage nach Rädern. Tristan Zerdick, Pressesprecher der Hermann Hartje KG, Fahrradhersteller und -großhändler in Hoya: „Dieser Boom findet bereits seit mehreren Jahren statt, die gesamte Fahrradbranche hat Aufwind bekommen.“ Seit der Wiedereröffnung der Geschäfte sei die Nachfrage aber noch einmal deutlich angestiegen. „Fahrrad und E-Bike haben in den vergangenen Wochen in der Wahrnehmung der Menschen einen noch höheren Stellenwert erreicht, als ohnehin schon“, sagt Zerdick.

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Auch Hartje verzeichnet demnach deutliche Zuwächse. Bei den Bremer Fachhändlern des Herstellers stünden die Menschen Schlange. „Ganze Familien statten sich mit Fahrrädern aus, entdecken die Freude am Radfahren neu und wollen weniger mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein“, sagt Zerdick. Dazu komme die unsichere Urlaubsplanung. Viele Menschen investierten offenbar lieber in ein gutes Fahrrad, mit dem sie auch zu Hause Spaß und Erholung finden könnten. Auch die Nachfrage nach Trekking-Fahrrädern sei gestiegen.

Leihräder als Alternative

Nicht jeder möchte oder kann sich ein Fahrrad leisten. Abhilfe verschaffen kann etwa das von der Bremer Tageszeitungen AG geschaffene Fahrradverleihangebot WK-Bike. Die Räder sind überall in der Stadt zu finden und können zeitweise gemietet werden. Aber auch längerfristige Abo-Modelle sind mittlerweile eine Option. Swapfiets ist einer der Anbieter in der Hansestadt. „Wir sehen durchaus einen Trend“, sagt Sebastian Hesse, Sprecher des Unternehmens. „Allein in Bremen sind seit Jahresbeginn bis Ende April mehrere Hundert neue Swapfiets-Abonnenten hinzugekommen.“ Fast 3000 Bremer seien nun Swapfiet-Abonnenten. Stark vertreten seien sie in Mitte, der Neustadt, der Östlichen Vorstadt, Walle, Findorff und Schwachhausen.

Bedeutet der Anstieg der Verkäufe auch, dass auf Bremens Radwegen und Straßen mehr los ist? Pina Pohl, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Bremen, beobachtet dies nicht. In der Tat registrieren die Radzählstationen weniger Fahrerinnen und Fahrer als im Vorjahr. So erfasste der Fahrradzähler am viel befahrenen Osterdeich im Mai dieses Jahres 105.700 Radler (Stand: 29. Mai, gerundet); im Mai 2019 waren es 125.000 Fahrradfahrer. Im Mai 2018 lag die Zahl bei 154 800. Den Rückgang in diesem Jahr führt die ADFC-Sprecherin auf die coronabedingten Schließungen von Schulen, Uni und Hochschule zurück. Dazu komme, dass Betriebe ihre Beschäftigten ins Homeoffice geschickt hätten.

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