Ein Stück Stephaniviertel verschwindet Übernachtungs-Aus in ältester Seemannsmission Deutschlands

Bremens Unterkunft für Seeleute ist die älteste ihrer Art in Deutschland. Doch wo über 60 Jahre Menschen aus der ganzen Welt vorübergehend eine Bleibe und Gastfreundschaft fanden, soll Schluss sein.
21.09.2017, 18:49
Lesedauer: 4 Min
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Übernachtungs-Aus in ältester Seemannsmission Deutschlands
Von Peter Hanuschke

Im Kellergeschoss stehen zwei Billardtische und ein Fußballkicker, im Erdgeschoss befindet sich der lichtdurchflutete Essens- und Aufenthaltsraum. Außerdem ist die Rezeption rund um die Uhr besetzt und die Lage ist zentrumsnah im Stephani-Viertel – eigentlich gute Voraussetzungen. Dennoch wird die Bremer Seemannsmission ihren Beherbergungsbetrieb mit 55 Betten für Seeleute bis Ende März aufgeben. Künftig wird es nur noch eine Betreuung der Seeleute geben – dafür aber in unmittelbarer Hafennähe. Derzeit sucht die Seemannsmission in enger Abstimmung mit der bremischen Seehafenverkehrswirtschaft einen geeigneten Standort.

Im Schnitt übernachten drei bis vier Seeleute pro Tag im Bremer Seemannsheim am Jippen – viel zu wenig, um verantwortungsvoll mit den Spendengeldern umzugehen, durch die sich die Seemannsmission im Wesentlichen finanziert. „Uns laufen die Kosten davon, wir mussten darauf reagieren“, so die Vorstandsmitglieder Uwe Will und Björn Becker.

Das Seemannsheim wurde im Mai 1956 eingeweiht und war danach über Jahrzehnte eine beliebte Adresse für Seeleute, um eine Unterkunft bis zur nächsten Reise zu haben, und um auch einfach mal dem Mikrokosmos Schiff entfliehen zu können. „Gut eine Million Übernachtungen mit 70.000 Gästen, davon zwei Drittel Ausländer“, hatte einst der damalige Seemannspastor Hero Feenders bei der 40-Jahr-Feier 1996 als Zahl überschlagen.

Kürzere Liegezeiten

Die Zeiten haben sich seitdem verändert: Es gibt zwar mehr Ladung durch größere Schiffe, aber insgesamt weniger Schiffsbewegungen in den bremischen Häfen, zudem kürzere Liegezeiten und schnellere Besatzungswechsel und dadurch weniger Übernachtungen von Seeleuten.

Um die zurückgehenden Übernachtungszahlen der Seeleute zu kompensieren, bietet die Seemannsmission ihre Zimmer auch auf dem freien Markt an. Das funktioniere zwar gut, aber „wir dürfen nur 40 Prozent der Zimmer zur freien Vermietung anbieten“, so Will. „Ansonsten verlieren wir unsere Gemeinnützigkeit.“ Abgesehen davon „wollten wir auch kein Vorstand von einem Hotel sein, sondern von der Seemannsmission“, ergänzt Becker. Für diese Ausrichtung habe man sich zwischenzeitlich entschieden, um auch den neun hauptamtlichen Beschäftigten eine Perspektive zu geben.

Dennoch würden mit dem Beherbergungsbetrieb keine Überschüsse mehr erzielt, „die dazu beitragen, andere Leistungen, wie den Seemannsclub oder den kostenlosen Bustransfer für Seeleute von und zu den Schiffen, finanziell zu unterstützen“, stellt der Vorstand klar. Mehr noch: Die Zimmer eines ganzen Stockwerkes des Seemannsheimes müssten erneuert werden, weil sie neuzeitlichen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Und auch dann wäre ein Beherbergungsbetrieb nicht wirtschaftlich zu führen.

„Für einige Zeit hatte die Beherbergung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge noch für eine leichte Entspannung gesorgt“, sagt Will. Doch damit sei seit Juli Schluss, und die Ertragsaussichten machten einen klaren Schritt notwendig. „Wir hatten auch andere Möglichkeiten durchgespielt und uns damit beschäftigt, einen Teil der Immobilie dauerhaft zu vermieten, doch das hätte zu hohe Investitionen erfordert“, so Becker. „Ich denke, wir haben zumindest für unsere Mitarbeiter einen guten Sozialplan erarbeiten können“, so Becker. Das neue Konzept der Seemannsmission geht davon aus, dass nur noch eine Kraft neben der hauptamtlichen, einem Diakon sowie den ehrenamtlich Tätigen erforderlich sein wird.

Bedarf ist da, die Kirche hilft finanziell

„Wir stellen uns so auf, dass die Seemannsmission ihrer Arbeit auch in Zukunft nachgehen kann“, so Will. Der Bedarf sei auf jeden Fall da. „Die Seeleute, die in den bremischen Häfen ankommen, wollen auch weiterhin bei uns Internet nutzen, einfach mal vom Schiff runterkommen, andere Menschen treffen und in der Stadt einkaufen – dabei unterstützen wir sie.“ Mit dem Verkaufserlös der Immobilie werde man ein Stück Sicherheit für die nächsten Jahrzehnte haben. So sei absehbar, dass die Bremische Evangelische Kirche ihre jährlichen Zuschüsse über 50 000 Euro künftig herunterfahren werde. Wesentliche Mittel für die weitere Existenz der Seemannsmission werden aber so oder so die Spenden sein.

Die Bremer Seemannsmission hat in Zusammenarbeit mit der Hafenwirtschaft bereits damit begonnen, einen neuen Standort zu suchen, der vor allem kurze Wege von und zu den Schiffen sowie öffentlichen Verkehrsmitteln ermöglicht. Da biete sich der Bereich des Hüttenhafens an, wo fast die Hälfte der jährlich etwa 1300 Seeschiffe anlege, so Will. Das Areal am Holzhafen sei auch geeignet. Man werde auch den Neustädter Hafen auf dem linken Weserufer weiterhin miteinbinden: Auf beiden Seiten der Weser werde das bisherige Angebot des kostenlosen Transports von den Schiffen zum Seemannsclub und zu den Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt aufrechterhalten. Ideal wäre es, wenn neben dem Seemannsclub auch ein kleines Sportfeld für die Seeleute vorhanden wäre. Die Kollegen von der Seemannsmission in Bremerhaven hätten mit diesem Angebot gute Erfahrungen gemacht.

„Und wenn Seeleute künftig trotzdem eine Übernachtung benötigen, werden wir da hilfreich zur Seite stehen“, sagt Becker. „Wir haben mit ein paar Hotels Kooperationen vereinbart.“"

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