Bremens Ex-Senator

Ulrich Nußbaums neue Rolle

Ulrich Nußbaum gehört keiner Partei an, bekleidet aber hohe Regierungsämter. Der ehemalige Bremer Finanzsenator ist nun Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
16.07.2018, 21:16
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Ulrich Nußbaums neue Rolle
Von Jürgen Hinrichs
Ulrich Nußbaums neue Rolle

Wenn er lacht, kommt das Jungenhafte zum Vorschein: Ulrich Nußbaum ist derzeit Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

STEFAN MARIA ROTHER

„Langer Dienstweg“, scherzt der Fotograf und geht diesen Weg, er geht und geht, läuft einer Frau hinterher, die ihn führt, bis er endlich sein Ziel erreicht hat, das Büro von Ulrich Nußbaum. Es liegt an einem der Flure im Ministerium, die einfach kein Ende finden. Gänge, von denen früher einmal die Zimmer für Soldaten abgingen, die sich im Krieg verletzt hatten. Lange her, mehr als 250 Jahre, als Friedrich II. von Preußen den Grundstein für das sogenannte Invalidenhaus legen ließ. Heute ist das Gebäude Sitz des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Der Minister heißt Peter Altmaier (CDU). Sein beamteter Staatssekretär ist Ulrich Nußbaum, den die Bremer als ihren ehemaligen Finanzsenator kennen und der in Bremerhaven als Gesellschafter eines großen Unternehmens für Fischverarbeitung seine Millionen gemacht hat und immer noch macht.

So lang die Flure sind in dem Haus, das einen imposanten Innenhof hat, mehr ein Platz als ein Hof, so klein ist im Vergleich das Dienstzimmer von Nußbaum, bescheiden fast, so wie auch die Einrichtung sehr einfach gehalten ist. „Alles gebraucht und aus dem Fundus“, sagt der Staatssekretär, die Sitzgruppe, der Schreibtisch, die Bilder an den Wänden, alles. Zwei Schiffsmodelle, die auffallen, eines zeigt die „Queen“, eine 72-Meter-Jacht, gebaut auf der Lürssen-Werft in Vegesack. „Die Modelle habe ich mir vom Flur geholt“, verrät Nußbaum. Er legt den Finger auf den Mund: Nicht weitersagen!

Seit drei Monaten verbeamtet

Die „Queen“ ist ein Schiff aus seiner alten Heimat, zu der er allein schon durch seine Firma zwar weiterhin einen Bezug hat, die aber seit Jahren nicht mehr sein Mittelpunkt ist. Nußbaum lebt mit seiner Frau in Berlin, die beiden Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. In Berlin war er nach seiner Zeit in Bremen fünf Jahre lang Finanzsenator und nach Umfragewerten einer der beliebtesten Politiker in der Stadt. Als Jurist promoviert, Unternehmer geworden, in die Politik eingestiegen, und jetzt – „bin ich zum Beamten mutiert“. Beamter auf Probe, schickt er hinterher, Nußbaum ist ja erst knapp drei Monate im Amt. Es gibt parlamentarische Staatssekretäre, die den Minister bei wichtigen Anlässen vertreten, und beamtete Staatssekretäre, die mehr im Hintergrund wirken und aufpassen, dass die Verwaltung funktioniert.

Lesen Sie auch

Wie aber kam es überhaupt dazu, dass Nußbaum für diesen wichtigen Posten ernannt wurde? Vor vier Jahren hatte er sich aus dem Amt des Berliner Finanzsenators mit der Bemerkung verabschiedet, er sei schließlich nicht mehr der Jüngste. Das war ein wenig kokett, denn zu alt für diese Aufgabe war er mit damals 57 Jahren nun wirklich nicht. Außerdem hat er sich bis heute dieses Jungenhafte bewahrt, das dann am besten zum Vorschein kommt, wenn er lacht oder mindestens grinst, was im Gespräch oft vorkommt.

Tatsächlich war es damals wohl der Abgang von Klaus Wowereit als Bürgermeister von Berlin, was Nußbaum zu dem gleichen Schritt bewogen hatte. Mit Wowereit konnte er gut, der SPD-Politiker hatte ihn in den Senat geholt. Die beiden kannten sich von der Schaffermahlzeit in Bremen, zu der Wowereit als Ehrengast eingeladen war. Für Nußbaum ist das bald 500 Jahre alte Brudermahl einer seiner liebsten Termine; seit er vor 16 Jahren Schaffer war, die höchste Auszeichnung für einen Bremer Kaufmann, darf er jedes Mal wieder an der festlichen Tafel im Rathaus Platz nehmen.

„Wir kennen uns seit der gemeinsamen Studienzeit in Saarbrücken“

Wie also kam es, dass Nußbaum heute Staatssekretär der Bundesregierung ist? Ganz einfach: Weil er in zwei Landesregierungen die Fähigkeit bewiesen hat, eine Behörde zu führen, und weil er mit Peter Altmaier befreundet ist. „Wir kennen uns seit der gemeinsamen Studienzeit in Saarbrücken.“ Altmaier rief ihn an, fragte und wollte im Grunde sofort eine Antwort. Einen Tag später hatte er sie bekommen. Nußbaum war zu der Zeit Präsident des Deutschen Verkehrsforums, einer Vereinigung von mehr als 150 deutschen und europäischen Unternehmen, die Lobbyarbeit macht und sich bei Straße, Schiene und Wasserwegen für eine bessere Infrastruktur einsetzt. „Mir ging es gut, alles war bestens. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass noch einmal etwas ganz anderes kommt“, erzählt Nußbaum. Und nun sitzt er plötzlich in den Elefantenrunden der Regierung und begleitet auch schon mal die Bundeskanzlerin, wenn sie in der Welt unterwegs ist. Er war in China mit ihr, in Jordanien, im Libanon und hat auf den Reisen die Wirtschaftsdelegationen angeführt.

Lesen Sie auch

Es ist der Reiz, sagt Nußbaum, in vorderster Reihe mitgestalten zu können. Mit einem Haushalt im Wirtschaftsressort, der knapp acht Milliarden Euro umfasst und mit solchen Zuständigkeiten: Der Staatssekretär ist für Wirtschafts- und Energiepolitik verantwortlich, das ist der Kern, er deckt aber auch die Bereiche Außenwirtschaft, Digitales und Innovation, Industriepolitik und Mittelstandspolitik ab. Nußbaum wollte diesen Zuschnitt, das war eine seiner Bedingungen, das Amt zu übernehmen. Die andere: „Ich wollte parteilos bleiben, das gehört zu meinem Selbstverständnis.“

Auch in Bremen, wo er in einer großen Koalition unter den SPD-Bürgermeistern Henning Scherf und Jens Böhrnsen Finanzsenator war, hatte er an diesem Prinzip festgehalten und dafür sogar in Kauf genommen, nicht mehr Teil der Regierung zu sein. Nach der Bürgerschaftswahl 2007, aus der ein rot-grüner Senat hervorging, sollte Nußbaum nach seiner Zeit im Finanzressort Senator für Wirtschaft, Häfen und Justiz werden. Als der damalige SPD-Landesvorsitzende Uwe Beckmeyer ihn in einem Brief dazu drängte, in die SPD einzutreten, verzichtete Nußbaum aber auf den Regierungsposten. Er brauchte nur einen Tag, um sich so zu entscheiden. „Es ist ja nichts Anrüchiges oder Schlechtes in der SPD zu sein – ganz im Gegenteil“, sagte Nußbaum damals. Als Parteimitglied könne er aber nicht mehr so gut „Transmissionsriemen auch zur bürgerlichen Seite“ sein. In Berlin gehörte der gebürtige Rheinland-Pfälzer als Finanzsenator unter Wowereit zunächst einer Regierung mit Beteiligung der Linken an, danach einer großen Koalition. Und dieses Mal hat ihn mit Peter Altmaier ein CDU-Politiker engagiert.

Eine neue Rolle

In Bremen und Berlin hatte Nußbaum seinen Platz im Kabinett. Das ist jetzt anders. „Die Verwaltung setzt um, politisch durchbringen muss es der Minister“, sagt der Staatssekretär. Eine neue Rolle für ihn. „Ich arbeite für das Haus und den Minister.“ Wäre es nicht Altmaier gewesen, der ihn gerufen hat, sondern jemand, den er nicht so gut kennt und schätzt wie seinen alten Studienfreund, „dann hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht“.

Lesen Sie auch

Nußbaum ist zufrieden mit sich, mit der Welt nicht immer, das liegt in der Natur seines Amtes, mit sich selbst aber schon, und warum sollte er das auch nicht sein? Der Mann hat sich seine Unabhängigkeit bewahrt, und das nicht nur, weil er keiner Partei beigetreten ist. Sein Geschick als Unternehmer hat ihn reich gemacht, er kann arbeiten, muss aber nicht. Nußbaum ist wie er ist, ganz bei sich, authentisch und sehr gelassen im Umgang mit der Öffentlichkeit. In den Medien wird zum Beispiel ständig auf einer Marotte herumgeritten, die er so lange schon pflegt und die auch hier nicht unerwähnt bleiben soll. Nußbaum fährt privat einen Bentley. Er fing in Bremen damit an, just dort, wo die Armut zu Hause ist (der Reichtum allerdings auch). Später, in Berlin, war der Kontrast noch stärker. Als Finanzsenator bei den Ausgaben auf die Bremse treten, weil die Schulden so hoch sind, gleichzeitig aber einen sündhaft teuren Wagen fahren. Nußbaum zuckt mit den Schultern: „Die Berliner haben mir das nicht krummgenommen.“

Vor ein paar Tagen war er mal wieder in Bremerhaven. Schauen, was das eigene Unternehmen macht, und klar, auch ein Treffen mit dem Oberbürgermeister und dem Bremer Wirtschaftssenator. Die Kontakte zu seiner alten Wirkungsstätte bestehen weiter und wollen gepflegt werden. Ein Anwalt für Bremen will Nußbaum aber nicht sein, Anwalt klingt ihm zu sehr nach Partei, und das schickt sich nicht als beamteter Staatssekretär, der dem Allgemeinwohl verpflichtet ist. Nußbaum – bleibt parteilos.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+