Abschied von der Kohle

Kraftwerk in Wilhelmshaven soll mit Biomasse betrieben werden

Im Kohlekraftwerk in Wilhelmshaven soll auf Biomasse gesetzt werden. Derzeit arbeitet das Unternehmen Onyx an einem Konzept. Es geht auch um die Zukunft eines Standorts und die Mitarbeiter.
11.06.2020, 22:00
Lesedauer: 4 Min
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Kraftwerk in Wilhelmshaven soll mit Biomasse betrieben werden
Von Lisa Boekhoff

In mehr als 100 Metern Höhe schrumpft die Welt. Und schwarze Berge gleichen plötzlich überdimensionierten Maulwurfshügeln – zumindest vom Dach des Wilhelmshavener Kohlekraftwerks aus. In Zukunft soll hier ein ganz anderer Energieträger lagern. Denn der Betreiber plant, auf Biomasse zu setzen. Statt Steinkohle sollen dann Holzpellets verfeuert werden.

Frank Voßhoff hat selten Zeit für den Weitblick auf dem Dach. Der Betriebsleiter genießt die Aussicht auf Jade, Tiefseehafen und die Kohleberge. Die Idee, umzusteigen, findet er richtig. „Das ist unheimlich interessant und eine sehr gute Alternative“, sagt Voßhoff. Schließlich wolle man in Deutschland keine Kohle mehr verbrennen, sondern grüne und nachhaltige Energie. „Wäre schon sehr schön.“

Millionenschwere Investition

Damit der Umstieg hier am Niedersachsendamm funktioniert, muss noch einiges vorbereitet werden – und auch der Rahmen muss für das Unternehmen stimmen, bevor die millionenschwere Investition getätigt wird. Erst kürzlich hat Onyx vier Kraftwerke von Engie gekauft. Neben Wilhelmshaven gehört auch der Standort in Bremen-Farge dazu.

An diesem Donnerstag steht das Kraftwerk still. Wenn die Preise am Strommarkt nicht stimmen, wird hier eine Pause eingelegt. Das passierte in den vergangenen Wochen öfter. Im Moment ist die Nachfrage wegen Corona geringer. Das macht sich in den Preisen bemerkbar. Doch trotz des Stillstands ist etwas los. Besuch ist gekommen. Besuch, der die Umstände für das Projekt mitbestimmt. Organisiert hat den Termin die Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller (SPD). Wilhelmshaven gehört zu ihrem Wahlkreis. Möller hat Bernd Westphal eingeladen. Der wirtschafts- und energiepolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion spielt in der Beratung des Kohleausstiegsgesetzes eine Rolle. Die Idee: Neben Gas soll auch der Umstieg auf Biomasse gefördert werden. Die Gespräche dazu laufen noch.

Vor Ort ist ein Gespräch bereits beendet – viel später als gedacht. Möller, Westphal und der niedersächsische Umweltministers Olaf Lies (SPD) haben mit der Belegschaft gesprochen. Lies erinnert sich noch daran, wie die Kommission sich damals im Morgengrauen einigte: „Wir wollen das. Wir wollen bis 2038 aus der Kohle aussteigen.“ Doch klar: „Wer irgendwo aussteigt, muss irgendwo einsteigen.“ Es sei auch wichtig, den Mitarbeitern eine Perspektive zu bieten und ihnen dankbar zu sein für ihren bisherigen Beitrag zur Energieversorgung.

Verunsicherung aber gibt es in der Belegschaft wegen der Veränderungen. „Das muss man ganz glasklar sagen. Wir haben durchaus Mitarbeiter, die sich Sorgen machen über ihre Zukunft“, sagt Onyx-Geschäftsführer Peter Feldhaus. Er geht aber davon aus, dass alle 80 bis 90 Arbeitsplätze auch nach der Umstellung bleiben. Bis das Projekt starten kann, dauert es jedoch noch. Ein Konzept muss erstellt werden. Der Geschäftsführer rechnet vielleicht im Jahr 2024 bis 2025 mit dem Wechsel auf Holzpellets – wenn der Rahmen stimmt. „Biomasse statt Kohle zu nutzen, ist ein guter Ansatz“, sagt Claudia Kemfert, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt leitet. Ihr geht das Vorhaben aber gar nicht schnell genug. Die Kraftwerke in Wilhelmshaven sollten der Ökonomin zufolge so schnell wie möglich vom Netz, ersetzt oder ganz runtergefahren werden. „Der Kohleausstieg in Wilhelmshaven ist überfällig“, findet Kemfert.

„Wir sind im Prinzip verbrannt“

Produktionsleiter Voßhoff macht die Diskussion um die Kohle betroffen – gerade mit Blick auf seine Kollegen. Seit vielen Jahren arbeitet er in Kraftwerken: zuerst in Farge und nun hier. „Wir sind im Prinzip verbrannt. Und das, finde ich, haben die Leute nicht verdient.“ Die Stimmung sei: „Man will uns nicht.“ In seinem Team gebe es viele junge Menschen. Einige seien für die Arbeit nach Wilhelmshaven gezogen. „Die wollen ihre Zukunft hier verbringen.“ Natürlich wolle man in einer sauberen Umwelt leben, sagt Voßhoff. Das Kraftwerk aber gehöre zu den modernsten und effizientesten weltweit und habe sich bei den Emissionen hohe Grenzwerte verordnet. „Da sind wir schon sehr sauber.“

Nun soll irgendwann Holz die Steinkohle schlagen. Voßhoff kann sich vorstellen, dass die Pellets von hier in die Welt hinausgehen könnten – und nennt Wilhelmshaven eine „Energiedrehscheibe“. „Wir haben hier alle Möglichkeiten. Und das sollte genutzt werden.“ Schon heute landet die Kohle hier auf Schiffen an und setzt die Reise danach auf der Schiene fort. Das könne mit dem Holz ebenfalls gelingen.

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„Wir haben mit dem Ausstieg aus der Kohle schon eine historische Wende in der Energieerzeugung- und nutzung in Deutschland“, sagt der Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal. Das Gespräch mit den Mitarbeitern hat bei ihm Eindruck hinterlassen: „Wir haben auch in besorgte Gesichter geguckt.“ Doch er sieht ebenfalls große Chance in der Biomasse: „Das ist wirklich eine in die Zukunft gerichtete Perspektive.“

Wie teuer der Umstieg ausfällt? Geschäftsführer Feldhaus rechnet mit einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag. Am Ende sei die Effizienz des Kraftwerks weiter sehr hoch. „Wir würden dabei nicht verlieren. Deswegen ist die Biomasse so interessant.“ Benutzt werden sollen extra für diesen Markt angepflanzte Bäume sowie Abfallströme der Holzwirtschaft oder vom Borkenkäfer befallene Bäume.

Siemtje Möller denkt bereits weiter. Denn am Ende könnte der Standort auch Wasserstoff mit der grünen Kohle produzieren. Der gerade beschlossene Anschub für die Technologie in Milliardenhöhe soll auch in Wilhelmshaven ankommen. „Ich hätte gerne einen ordentlichen Anteil hier“, sagt die Abgeordnete über das Budget. Überhaupt sieht sie in der Wasserstoffinitiative, im Kohleausstiegsgesetz und dem Strukturstärkungsgesetz für den Nordwesten „eine Riesenchance, in die Zukunft zu gehen“.

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