Logistikbranche

Unkalkulierbare Risiken

Wie Bremer Logistiker mit dem wachsenden Protektionismus und den internationalen Handelskonflikten umgehen - und was Tweets aus dem Weißen Haus damit zu tun haben.
14.01.2019, 17:45
Lesedauer: 3 Min
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Unkalkulierbare Risiken
Von Peter Hanuschke
Unkalkulierbare Risiken

Im Neustädter Hafen wird vor allem Projektladung umgeschlagen. Im vergangenen Jahr waren es 1,4 Millionen Tonnen. Die Hälfte davon ging in die USA.

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Bremen. Strafzölle und die Androhung von solchen – die globale Wirtschaft war in den vergangenen Monaten stark geprägt von Handelskonflikten zwischen den USA, EU und China. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Dafür sorgt allein schon das Ziel von Präsident Donald Trump, die US-Wirtschaft noch weiter zu stärken und zu schützen. Die Auswirkungen können sich auch in Bremen stark bemerkbar machen. Schließlich ist die Hansestadt stark vom Export abhängig.

Nicht von ungefähr spielte auch die internationale Handelspolitik am Montag beim fünften Fachforum Projektlogistik eine Rolle, das von der Bremischen Hafenvertretung veranstaltet wurde. Insbesondere ging es dabei um die Bedeutung des nordamerikanischen Marktes für die bremischen Häfen. Über 120 Experten der Projektlogistikbranche aus Bremen, Deutschland und dem Ausland nahmen an dem Forum teil, das wieder im Saal der Bremischen Bürgerschaft stattfand.

Wie groß die Bedeutung des nordamerikanischen Marktes für Bremen ist, verdeutlichen die Zahlen: Bei etwa 74 Millionen Tonnen lag der Güterumschlag im vergangenen Jahr, der über die bremischen Häfen abgewickelt wurde. Die USA ist da mit einem Volumen von zwölf Millionen Tonnen Handelspartner Nummer eins. Von den 74 Millionen Tonnen waren 2,5 Millionen Tonnen Projektladung, die in Bremerhaven insgesamt verschifft worden. „Wir als BLG haben etwa 1,4 Millionen Tonnen umgeschlagen – davon ging die Hälfte in die USA“, so Referent Sven Riekers, Geschäftsführer von BLG Cargo Logistics. Im Neustädter Hafen waren es 1,4 Millionen Tonnen. Die Hälfte der Ladung sei ebenfalls in die USA exportiert worden.

Trotz der Androhung der USA, beispielsweise 25 Prozent Strafzölle auf europäische Stahlprodukte erheben zu wollen, sei das Ladungsniveau insgesamt im Vergleich zum Vorjahr auf gleichem Niveau geblieben. „Wir haben uns natürlich damit auseinandergesetzt, wie sich das im Falle der Umsetzung auswirkt und wie man sich darauf einstellen kann“, so Riekers. „Wir haben für uns als Terminalbetreiber am Ende feststellen müssen, dass es unmöglich ist, dafür eine Strategie zu entwickeln.“ Was die globale Politik an Handelsbarrieren noch aufbauen werde, sei unkalkulierbar. Ein einziger Tweet könne schon vieles verändern, sagte Riekers in Anspielung auf Trumps vielen und oft überraschenden Ankündigungen über Twitter.

Eine wirksame Strategie sei, eng am Kunden zu bleiben und auf dessen Wünsche einzugehen, so Riekers. Dadurch könnten Krisen besser bewältigt werden. Wie eng die Beziehungen zu den USA, Mexiko und Kanada seien, zeige sich auch an den dichten Abfahrtszeiten. Es gebe in Bremerhaven sieben Reedereien, die dort hinfahren – mit derzeit fünf Schiffsverkehren pro Woche. Hinzu kämen monatlich vier bis fünf Verkehre vom Neustädter Hafen aus. Insgesamt würden 30 Häfen in Nordamerika erreicht.

„Trump beschäftigt uns“, sagte Carsten Wendt, Verkaufsleiter bei der Reederei Wallenius Wilhelmsen, die ihr Brot- und Buttergeschäft im Autotransport hat. Die Nachfolgevereinbarung des Freihandelsabkommens North American Free Trade Agreement zwischen den USA, Mexiko und Kanada könne zu Veränderungen in den Produktionsabläufen gerade bei deutschen Autoherstellern führen. Zwar müsse das United States Mexico Canada Agreement (USMCA) noch von den USA und Kanada ratifiziert werden, aber inhaltlich sorge es schon zu Gedankenspielen gerade bei deutschen Autoherstellern, die überwiegend in Mexiko ihre Autos produzieren lassen.

Denn durch USMCA haben sich die Länder dazu verpflichtet, dass mehr Autos in Nordamerika produziert werden. Und damit ein Auto von Einfuhrzöllen befreit werden könne, müssten ab 2020 mindestens 75 Prozent seiner Komponenten aus Kanada, Mexiko oder den USA stammen. Derzeit sind es 62,5 Prozent. Auch müsse ein Großteil dieser Autos von Arbeitern gefertigt werden, die mindestens 16 US-Dollar pro Stunde verdienen. Das liegt deutlich über dem Durchschnittslohn von Auto-Arbeitern in Mexiko. Falls das zu Veränderungen bei den Wertschöpfungsketten deutscher Autohersteller führen sollte, könnte sich das positiv aufs Projektladungsgeschäft auswirken: Denn dann würden mehr Produktionsanlagen in den USA benötigt, und da komme Deutschland als Exportland wieder ins Spiel. Trotz der einen oder anderen Ungewissheit geht Wendt insgesamt weiterhin von guten Handelsbeziehungen mit Nordamerika auf hohem Niveau aus.

Trotz Protektionismus – „er ist keine Antwort auf die Herausforderungen von heute und morgen“ – bleibe Nordamerika, speziell die USA, einer der wichtigsten Handelspartner für Bremen, gerade auch im Bereich Projektladung, sagte Häfen- und Wirtschaftssenator Martin Güthner (SPD) in seiner Begrüßungsrede. Deswegen sei für ihn klar, für was der Neustädter Hafen auch künftig genutzt werden müsse – als Umschlagsplatz vornehmlich für High-and-Heavy-Ladung. Günthner ging damit auf den aktuell erneut von der CDU formulierten Wunsch ein, eine andere Nutzung aus Gewerbe und Wohnbebauung für dieses Areal prüfen zu lassen.

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