Interview mit DM-Gründer Götz Werner „Unser Konzept kostet 70 Milliarden Euro pro Jahr“

DM-Gründer Götz Werner plädiert für ein bedingungsloses Grundeinkommen und will es über eine einzige Verbrauchssteuer finanzieren.
15.07.2017, 19:34
Lesedauer: 4 Min
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„Unser Konzept kostet 70 Milliarden Euro pro Jahr“
Von Stefan Sauer

Herr Werner, Sie plädieren in ihrem jüngsten Buch vehement für ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE). Was bedeutet das?

Götz Werner: Jeder einzelne erhält einen monatlichen Betrag, der sein kulturelles Existenzminium abdeckt, ohne dass er dafür eine Gegenleistung erbringen müsste.

An welche Summe denken Sie?

Derzeit wären wohl um die 1000 Euro pro Kopf und Monat angemessen.

Aber Sie entlohnen ihre Beschäftigten in den DM-Märkten doch auch nicht fürs Nichtstun. Befördert ein BGE nicht allgemeinen Müßiggang?

Wie jeder Mensch brauchen auch die Mitarbeiter ein Einkommen zum Leben. Damit sie teilnehmen können am Leben in unserer Gesellschaft.

Die Leistung, die ihre Belegschaft als Gegenwert zum Lohn erbringen sollte, ist Ihnen aber schon auch wichtig.

Die Leistung wird erbracht, wenn sie Sinn in ihrer Arbeit finden. Wenn sie in der Arbeit etwas für sich und die Gesellschaft Nutzbringendes erblicken. Arbeit ist immer auch Hingabe an die Bedürfnisse anderer Menschen.

Vermutlich gibt es die eine oder andere Mitarbeiterin, die die Frage einfacher beantworten würde: Ich sitze an der Kasse, weil ich Geld brauche.

Das mag sein. Aber das BGE schafft ja gerade die Voraussetzung für eine sinnerfüllte Arbeit, die über rein materielle Entlohnung hinaus reicht. Es ist eine Art Vorschuss, der notwendig ist, um überhaupt Leistung erbringen zu können. Das bedeutet: Erst wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, können Menschen ihre Talente entwickeln und zur Geltung bringen. Diese Einsicht ist sozusagen der genetische Code des bedingungslosen Grundeinkommens.

Schön und gut, aber wer putzt dann noch Toiletten?

Ich glaube, das hängt von der Wertschätzung ab, die die Gesellschaft einer Tätigkeit zumisst. Ich denke, alle Menschen freuen sich über saubere Toiletten. Dass Menschen, die genau dafür sorgen, nicht mehr Anerkennung erhalten, ist ein kulturelles, kein ökonomisches Problem. Wir brauchen deshalb einen Wertwandel: Es geht bei der Arbeit vor allem anderen um Sinnstiftung und Wertschätzung.

Eltern mit drei Kindern kämen in Ihrem Modell auf 5000 Euro netto im Monat, ohne auch nur eine Minute bezahlte Arbeit geleistet zu haben. Das ist deutlich mehr, als eine Durchschnittsfamilie dieser Größe an Arbeitseinkommen erzielt.

Es wird einen kleinen Teil der Bevölkerung geben, vielleicht ein oder zwei Prozent, die das Grundeinkommen nehmen und das war’s. Leute, die für Nichtstun Geld bekommen, gab es aber immer schon, den Adel im Mittelalter zum Beispiel. Faulpelze gibt es auch heute. Tatsächlich aber ist das gegenteilige Phänomen viel verbreiteter. Nämlich, dass Menschen ungeheure gesellschaftliche Leistungen erbringen, ohne dafür bezahlt zu werden: sie erziehen Kinder, pflegen Angehörige, arbeiten in Vereinen und Bürgerinitiativen oder engagieren sich anderweitig ehrenamtlich. Das zeigt einesteils die Bereitschaft der Menschen zu sinnhafter, für das soziale Gefüge wertvoller Arbeit. Andernteils verringert ein bedingungsloses Grundeinkommen ungerechte Schieflagen. Zum Beispiel stünden Frauen, die ihr Leben lang hart für ihre Familie gearbeitet haben und deshalb keine eigenen Rentenansprüche erwerben konnten, mit einem Grundeinkommen viel besser da.

Folgen würden vermutlich auch Menschen aus anderen Teilen Europas und der Welt, um in Deutschland ein leistungsloses Grundeinkommen zu beziehen, das über dem Durchschnittslohn in ihren Herkunftsländern liegt.

Aber nein. Wir verfügen doch längst über ein Regelwerk, das die Zuwanderung in unser Sozialsystem begrenzt. Die Schweiz ist in dem Punkt noch deutlich restriktiver. Man muss dieses Modell nicht gut finden, aber es zeigt: Man kann der sogenannten Zuwanderung in den Sozialstaat wirkungsvoll Grenzen setzen.

Bleibt die Frage, wer das gute Werk bezahlen soll. 82 Millionen Bürger mal 1000 Euro mal zwölf Monate ergeben fast eine Billion Euro pro Jahr. Das ist beinahe ein Drittel der gesamten deutschen Jahreswirtschaftsleistung. Woher soll das Geld kommen?

So einfach ist die Rechnung nicht. Denn mit der Einführung des Grundeinkommens werden Hartz-IV, Kindergeld und fast alle anderen Sozialtransfers abgeschafft ebenso wie Steuervergünstigungen und Freibeträge. Nur besonders bedürftige Personen, etwa Schwerbehinderte, werden neben dem Grundeinkommen auf weitere soziale Leistungen angewiesen sein. Meine Co-Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich haben das durchgerechnet und sind auf einen Fehlbetrag von 70 Milliarden Euro gekommen, die unser Konzept unter dem Strich pro Jahr zusätzlich kostet.

Und der Herr ließ Manna vom Himmel regnen und alle Menschen wurden satt.

Darauf würde ich mich nicht verlassen. Wir schlagen vor, alle Steuern durch eine einzige Verbrauchssteuer zu ersetzen, mit der dann sämtliche staatlichen Aufgaben finanziert werden können. Unser Steuersystem setzt bisher an der völlig falschen Stelle an: Es besteuert vor allem die Leistung der Menschen, also Einkommen und Gewinne, dafür aber nur in geringem Umfang den Konsum. Wir begehen eine Art Knospenfrevel, indem wir die jungen Blüten hoch besteuern anstatt erst bei den reifen Früchten zuzulangen. Wir plädieren für eine Umkehr: Besteuerung der Leistung abschaffen, dafür den Konsum besteuern.

Wie hoch müsste der Mehrwertsteuersatz denn steigen, um das BGE und all die anderen staatlichen Aufgaben zu finanzieren?

Er müsste sich in etwa an der Staatsquote orientieren, also am Anteil sämtlicher Staatsausgaben an der Wirtschaftsleistung. Die Quote liegt in Deutschland seit Jahren um die 45 Prozent. Addiert man jene 70 Milliarden Euro, die unser Konzept zusätzlich kostet, kommt man auf einen Konsumsteuersatz von rund 50 Prozent.

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Zur Person

Götz Werner eröffnete seinen ersten Drogeriemarkt 1973, 35 Jahre leitete er das Unternehmen DM. Seit 2008 ist er Mitglied des Aufsichtsrats, 2010 überführte er seine Unternehmensanteile in eine gemeinnützige Stiftung. 2017 ist sein neuestes Buch „Sonst knallt‘s – warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen“ erschienen.
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