Selbstversuch mit Shuttleservice

Unterwegs mit Moia

Ende Juli hat die Tochter des Volkswagen-Konzerns, der neue Shuttleservice Moia, ihren regulären Dienst aufgenommen. Vorausgegangen war eine zehnmonatige Probephase.
10.08.2018, 21:38
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Unterwegs mit Moia
Von Peter Mlodoch
Unterwegs mit Moia

Fahrgäste gewünscht: Ole Harms, Chef der VW-Tochter Moia, in einem der T6-Bullis. Harms sieht das Angebot als „Demokratisierung von Mobilität“.

Hollemann/dpa

Moderne Mobilität kann manchmal an kleinen Dingen scheitern. Die Feierabend-Fahrt mit Moia, dem neuen VW-Shuttleservice, vom Büro in den Biergarten ist ins Smartphone eingetippt, Weg, Ankunftszeit und Preis erscheinen, da verlangt die kurz zuvor runtergeladene Moia-App eine Kreditkartennummer. Nur Visa und Mastercard gehen, die aber liegen zuhause, EC-Karten sind wie eine Barzahlung in den nachtblauen T6-Bullis ausgeschlossen.

Also Abbruch – das Fahrrad muss genügen. Am nächsten Tag ist das Problemchen behoben, die persönliche Jungfernfahrt mit dem VW-Sammeltaxi steht – vier Monate nach dem erfolglosen Registrierversuch für die Testphase – an. Die App leitet den vom Unternehmen nun endlich frisch zugelassenen Neu-Nutzer vom Innenstadt-Büro 100 Meter weiter in die Querstraße. „Starte in 03:00 Min zu Fuß“, befiehlt das Handy im Duz-Ton.

„Einstieg Otto-Brenner-Straße 9, 13:28, Ausstieg Landwehrstraße 37, 13:42-13:56.“ Die ist zwar nicht das eigentliche Ziel. Doch der eingegebene Fiedelerplatz liegt erstens in dem noch nicht von Moia bedienten Stadtteil Döhren im Süden Hannovers. Und zweitens sind Haustür-zu-Haustür-Trips gar nicht vorgesehen. Der VW-Dienst fährt lediglich virtuelle Haltestellen in der Nähe von Start und Ziel an.

Probephase zu Ende

Man will oder vielmehr muss sich vom normalen Taxigewerbe unterscheiden. So ist auch die Mitnahme größerer Gepäckstücke tabu. Und anders als bei Taxen gibt es keinen 24-Stunden-Betrieb. Dafür beträgt der Fahrpreis mit 7,78 Euro auch nur rund die Hälfte des Taxi-Tarifs. Das Einzel-Ticket für Straßenbahn mit einmal Umsteigen hätte 2,70 Euro gekostet.

Der Rückweg um 16 Uhr beginnt ähnlich: Die App schickt den Besteller 200 Meter zu einem anderen Haltepunkt, wo der T6 schon wartet. 10,01 Euro soll die Fahrt diesmal kosten. „Unsere Preise sind gestaffelt“, erklärt der freundliche Chauffeur. „Im Berufsverkehr kostet es natürlich mehr als in der Mittagszeit. Aber das ist immer noch günstiger als ein Taxi.“

Der virtuelle Endpunkt liegt 250 Meter weiter als der Einstieg am Mittag. Der Bulli-Pilot zeigt sich jedoch flexibel und lässt seinen einzigen Fahrgast vorher aussteigen. Die Rechnung per Mail ist da schon eingetrudelt. „Hallo Peter, vielen Dank, dass du mit Moia gefahren bist.“ Ende Juli hat die hundertprozentige Tochter des Volkswagen-Konzerns ihren regulären Dienst aufgenommen.

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Vorausgegangen war eine zehnmonatige Probephase mit zunächst 3500 Personen und 230 000 Testfahrten zu unschlagbaren Dumpingpreisen von sechs Cent pro Kilometer. Vor allem Studenten und Pendler hätten das Angebot genutzt, die Autos seien oft voll gewesen, berichten die Fahrer. Jetzt hat das Unternehmen 15.000 neue Kunden zugelassen, die Fahrzeugflotte soll zunächst von 35 auf 55 benzingetriebene Bullis und später weiter aufgestockt werden.

Zum Ende des Jahres, kündigt Moia-Geschäftsführer Ole Harms an, stehe der Service jedem Bürger Hannovers offen; das angesteuerte Stadtgebiet werde man erweitern. Das technische Geschäftsprinzip von Moia: Ein dynamischer Algorithmus bringt mehrere Fahrgäste auf einer ähnlichen Route zusammen, lässt sie unterwegs ohne große Umwege abholen oder aussteigen.

Tablets in den Fahrzeugen weisen die Wege. Dieses „Pooling“ soll die Kosten für den Einzelnen senken, die Zahl der Autos auf den Straßen reduzieren und dadurch den innerstädtischen Verkehrsfluss verbessern. Dass die Kunden derzeit noch oft allein im Bulli sitzen, begründet der Moia-Chef mit normalen Anlaufschwierigkeiten.

Elektroantriebe bis Ende 2020

„Wir befinden uns nach dem Test mit Fahrten quasi zum Nulltarif jetzt in der Aufbau- und Umbauphase mit reellen Preisen. Das geht einher mit einer Änderung im Nutzungsverhalten“, sagt Harms. „Bis das System optimal läuft, wird es noch eine Weile dauern.“ Notwendige Erfahrungen könne man nur im Echtbetrieb sammeln.

Die „Sharing-Quoten“ gingen aber bereits hoch. „Natürlich wollen wir die fünf Fahrgastplätze in den Fahrzeugen möglichst besetzen. Unser Ziel ist schließlich die Wirtschaftlichkeit.“ 150 statt der beantragten 250 Fahrzeuge hat die Stadt Hannover aufgrund einer Experimentierklausel im Personenbeförderungsgesetz vorerst genehmigt. Bis Ende 2020 muss mindestens die Hälfte davon über einen emissionsfreien Elektroantrieb verfügen.

Den Betrieb hat das Ordnungsdezernat an etliche Auflagen geknüpft: Buchung nur über App, keine Mitnahme von Personen am Straßenrand, keine Stopps an Bushaltestellen und Taxi-Ständen, ausreichend Stellplätze auf mindestens einem Betriebshof. Und das jeweilige Streckenentgelt muss für eine Person über dem Tarif eines ÖPNV-Ein-Zonen-Tickets liegen. „Das Angebot soll keine Konkurrenz zu Bussen, Straßenbahnen oder Taxis darstellen“, betont ein Rathaus-Sprecher.

Das sieht Hannovers Taxi-Gewerbe natürlich ganz anders. „Moia bedroht unsere Existenz“, warnt Wolfgang Pettau, Geschäftsführer des Unternehmens Hallo Taxi, das mit 583 Fahrzeugen und rund 3000 Fahrern nahezu das bisherige Monopol in der niedersächsischen Landeshauptstadt hält. Ein Drittel dieser Jobs sei akut gefährdet.

Pettaus Kritikliste ist ellenlang: Die Fahrer beim VW-Service seien nur ungenügend ausgebildet, viele nur als schlecht entlohnte Leiharbeiter beschäftigt. Mit App und Zwang zur Kreditkarte grenze Moia etliche Menschen aus. „Die wollen doch nur hippe Leute als Kunden und suchen sich nur die Sahne-Strecken raus.“ Auch umweltpolitisch sei die ganze Sache höchst fraglich, meint der Taxi-Boss.

„Dieses Ride-Sharing erzeugt nur noch mehr Autoverkehr.“ Auf der anderen Seite bezweifelt Pettau die Wirtschaftlichkeit des neuen Fahrdienstes. „Volkswagen betreibt hier eine Quersubventionierung, um seine schicken Transporter zu bewerben.“ Moia weist die Vorwürfe als absurd zurück. „Wir erwarten keine negativen Effekte für das Taxi-Gewerbe. Wir sehen uns vielmehr als Teil der Verkehrswende“, sagt Harms und schwärmt von der „Demokratisierung von Mobilität“.

Genehmigung sollte gestoppt werden

Das Personal sei bestens ausgebildet, ein Personenbeförderungsschein selbstverständlich. „Die Fahrer sind unser Aushängeschild. Sie sind alle Profis. Die Sicherheit unserer Kunden hat oberste Priorität.“ Nur eine Ortkenntnisprüfung wie bei Taxi-Chauffeuren brauche man nicht. „Der Algorithmus legt ja die Route fest.“ Die Fahrer seien zum Teil bei Moia direkt angestellt, zum Teil bei Dienstleistern beschäftigt. „Das sind alles ordentliche, gut bezahlte Jobs.“

Dass das Unternehmen potenzielle Kunden diskriminiere, sei ein vorgeschobenes Argument. „Wir bieten im Gegenteil einer Vielzahl von Leuten einen Zugang zur effizienten Mobilität.“ Moia sei schließlich eine günstige Alternative zum eigenen Auto und eine Ergänzung zum Taxi. Gleichwohl kündigt Harms ein Nachdenken über die Teilnahmebedingungen an. „In Zukunft kann es auch andere Zahlungsmodelle geben“, sagt der Geschäftsführer. Aber: „Barzahlung bleibt ausgeschlossen.“

Vergeblich hatte Hallo Taxi versucht, die Genehmigung für Moia juristisch wegen Verstoßes gegen die Konzessionsregeln zu stoppen. Die beim Wirtschaftsministerium angesiedelte Vergabekammer Lüneburg schmetterte den Antrag als unzulässig ab. Aufgeben will das Taxi-Unternehmen allerdings nicht: Es hat Beschwerde gegen den Beschluss beim Oberlandesgericht Celle eingelegt.

Info

Zur Sache

Auftakt in Hannover

Eigentlich war Hannover nur als Versuchsfeld für Hamburg gedacht. Aber dann lief der Test in der Niedersachsen-Metropole recht rund. „Deshalb haben wir uns entschlossen, in den öffentlichen Betrieb überzugehen“, berichtet Moia-Geschäftsführer Ole Harms. „Hannover bietet ein attraktives Umfeld, unser Service wird hier gut angenommen. Da ist es doch klar, dass wir hier gern weiter aktiv sind.“ Hamburg soll nun Anfang 2019 mit einer Flotte von 500 ausschließlich elektrisch betriebenen T6-Bullis folgen. Ein eigener Probebetrieb sei dort nicht mehr erforderlich, man könne auf den Erfahrungen aus Hannover aufbauen. Und andere Städte wie Berlin, wo Moia seinen Sitz hat? Oder auch Bremen? „Natürlich gehen unsere Ambitionen über Hannover und Hamburg hinaus. Sobald es dort erfolgreich läuft, wollen wir unseren Service auch in weiteren Städten skalieren“, kündigt Harms an, ohne allerdings potenzielle Kandidaten zu verraten. „Wir führen bereits entsprechende Gespräche, um rechtzeitig mit Blick auf Genehmigung und Infrastruktur vorbereitet zu sein.“

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